Kleines Organ mit großer Bedeutung

Fachärzte aus Rotenburg sprechen über die Schilddrüse

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Kleines Organ mit wichtigen Funktionen: Die schmetterlingsförmige Schilddrüse sitzt direkt unter dem Kehlkopf und produziert die Hormone T3 und T4. Diese wirken im ganzen Körper.

Rotenburg - Von Lars Warnecke. Die Schilddrüse ist ein kompliziertes Organ. Arbeitet sie nicht richtig, kann unser Leben regelrecht aus den Fugen geraten. Aber was ist die Schilddrüse eigentlich und auf welche Weise kann sie Probleme bereiten? Darüber haben wir uns mit zwei Fachärzten unterhalten, die beide am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg tätig sind: dem Privatdozenten Dr. Oleg Heizmann, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie, sowie Dr. Ute Kühn-Velten, Fachärztin für Innere Medizin, die den Schwerpunkt Endokrinologie und Diabetologie betreut.

Herr Dr. Heizmann, Frau Dr. Kühn-Velten, welche Aufgabe hat die Schilddrüse im Körper eigentlich?

Dr. Oleg Heizmann: Die Schilddrüse, die knapp unterhalb des Kehlkopfs liegt und die Luftröhre umgibt, produziert Schilddrüsenhormone. Diese Hormone sind für die Steuerung des Energiestoffwechsels des Körpers und somit für Wachstum und Entwicklung zuständig. Dafür braucht das Organ aber ausreichend Jod. Dr. Ute Kühn-Velten:  Im Prinzip kann man sich die Schilddrüse vorstellen wie ein Gaspedal. Bei einer Überfunktion wird das Gaspedal voll durchgetreten. Die Betroffenen schwitzen, leiden unter Durchfällen, der Körper ist überaktiv. Bei einer Unterfunktion ist genau das Gegenteil der Fall. Man ist müde, antriebslos, einige haben depressive Verstimmungen, weil zu wenige Hormone produziert werden, der Körper also ausgebremst wird.

Was passiert, wenn die Schilddrüsenhormone dauerhaft fehlen?

Heizmann: Letztendlich wäre das lebensverkürzend. Darum ist nach Entfernung der Schilddrüse oder ihrer Teile auch unbedingt die Einnahme der Hormone in Form von Tabletten notwendig.

Schilddrüse ist hierzulande der meistgegoogelte Begriff im Bereich medizinischer Themen. Da besteht offenbar viel Unsicherheit und Informationsbedarf. Wie erklären Sie sich das?

Kühn-Velten: Ich denke, das liegt daran, dass es riesige Listen mit Symptomen gibt, die von der Schilddrüse herrühren können. Und da steht fast alles drin, was jeder Mensch irgendwie hat: Gewichtszunahme, Gewichtsabnahme, Müdigkeit, Haarausfall, trockene Haut und vieles andere.

Es ist häufig zu lesen, Schilddrüsenleiden seien eine Volkskrankheit ...

Heizmann: Wenn wir damit die reine Knotenbildung meinen, stimmt das auch.

Was genau hat es mit diesen Knoten auf sich?

Heizmann: Sie sind weit verbreitet und kommen mit steigendem Alter immer häufiger vor. Etwa 30 Prozent aller Erwachsenen haben sie. Und sogar mehr als 50 Prozent der über 65-Jährigen sind betroffen. Kühn-Velten: Bei Frauen kommen die knotigen Veränderungen sogar viermal häufiger vor als bei Männern und sind in etwa zehn Prozent der Fälle mit einer Vergrößerung der Schilddrüse, also einem Kropf verbunden. Dieser Zustand hat sicherlich etwas mit jodarmer Ernährung zu tun, wobei aber auch ganz wesentlich genetische Faktoren eine große Rolle spielen. Kühn-Velten: Solche knotigen Veränderungen kommen im Übrigen in Deutschland recht häufig vor, da wir lange Jahre als Jodmangelgebiet galten, was sich aber durch eine Verbesserung der Jodversorgung gegeben hat. Heizmann: Ja, und darum ist zur Vorsorge eine jodreiche Ernährung, also die Verwendung von jodiertem Speisesalz und mindestens einmal pro Woche der Verzehr von Meeresfisch, unbedingt zu empfehlen.

Was beklagen die Patienten, die mit solchen Knoten zu Ihnen kommen, vor allem?

Heizmann: Die sagen: Ich bin total müde, können wir mal die Schilddrüse untersuchen? Man muss wissen: Alle Schilddrüsenknoten sind am Anfang klein und wachsen stetig weiter, bis sie irgendwann groß genug sind, um Beschwerden wie Heiserkeit, Räusperzwang oder ein Druckgefühl am Hals bis hin zu Schluckbeschwerden zu verursachen. Dazu gehört auch die Halsumfangsvermehrung – der oberste Knopf am Hemd geht nicht mehr zu. Manchmal verspüren die Betroffenen einen meist dumpfen Schmerz beim direkten Draufdrücken. Kühn-Velten: Da die Knoten in aller Regel aber sehr, sehr langsam wachsen, werden sie lange bevor sie Beschwerden verursachen als Zufallsbefunde bei Routineuntersuchungen entdeckt. Heizmann: Sollten die Patienten selbst die Veränderung entdecken, seien es einzelne Knoten, sei es eine generelle Vergrößerung der Drüse –, dann sollten sie sich damit zur eingehenden Beurteilung immer bei einem Arzt vorstellen.

Wie geht der Arzt bei einer solchen Beurteilung vor?

Heizmann: Er stellt Fragen wie: Wann wurde die Schilddrüsenveränderung zum ersten Mal bemerkt? Ist der Knoten gewachsen? Und wenn ja, wie schnell? Welche Beschwerden im Einzelnen verursacht er? Besonders wichtig ist es, alle Risikofaktoren abzufragen, um bösartige Knoten von gutartigen abzugrenzen. Also zum Beispiel: Wurde der Patient schon einmal in der Kopf-Hals-Region bestrahlt? Ist der Knoten schnell gewachsen? Oder: Sind die Lymphknoten am Hals geschwollen?

Was wird bei der körperlichen Untersuchung gemacht?

Heizmann: Zunächst wird abgetastet. Dabei sollte vor allem auf die Zeichen einer bösartigen Veränderung geachtet werden, wie zum Beispiel eine fehlende Schluckverschieblichkeit der Schilddrüse. Dazu gehört auch die Untersuchung der Lymphknoten. Anschließend muss die Schilddrüse im Ultraschall, neben der Blutuntersuchung die wichtigste diagnostische Hilfe, eingehend untersucht werden. Hierbei können Knoten schon ab drei Millimetern Größe erkannt werden. Wenn der Knoten größer ist als einen Zentimeter und die Blutwerte ein hormonelles Ungleichgewicht zeigen, ist eine sogenannte Szintigrafie der Schilddrüse notwendig. Mittels dieser Untersuchung kann unterschieden werden, ob die Knoten „heiß“ oder „kalt“ sind. Dabei wird dem Patienten eine jodähnliche radioaktive Substanz in die Vene verabreicht, welche von der Schilddrüse aufgenommen, von einem Messgerät wahrgenommen und bildlich dargestellt wird. Kühn-Velten: Als „heiß“ werden jene Knoten bezeichnet, die eine radioaktive Substanz bei einer Szintigrafie anreichern: Sie erscheinen im Bild rot und sind bis auf ganz seltene Ausnahmen gutartig, können aber eine Überfunktion verursachen. Als „kalt“ gilt ein Knoten, der nicht stoffwechselaktiv ist. Im Bild sieht man an der Stelle dann eine Aussparung. Sehr selten weist eine solche Aussparung auf Krebs hin.

Und in solchen Fällen muss die Schilddrüse dann operiert werden?

Kühn-Velten: Wenn ein begründeter Krebsverdacht besteht, ja, da es dazu keine Alternative gibt. Ab einer bestimmten Größe und auch der Art des bösartigen Knotens ist dann auch die Mitentfernung der Halslymphknoten notwendig. Und je nach Krebsstadium und Art muss zusätzlich mit einer speziellen Radiojodtherapie behandelt werden.

Menschen, bei denen die Schilddrüse entfernt wird, müssen ein Leben lang Medikamente einnehmen. Wie kommen die Betroffenen zurecht?

Kühn-Velten: Die meisten kommen gut damit zurecht. Voraussetzung ist, dass die Dosis richtig gewählt ist, im Laufe des Lebens an Veränderungen angepasst wird und die Medikamente richtig eingenommen werden. Wenn es stabil läuft, sollte man seine Werte einmal im Jahr kontrollieren lassen.

Die meisten kennen ihre Blutdruckwerte. Sollte man auch seine Schilddrüsenwerte kennen?

Heizmann: Beim normalen Gesundheitscheck ist die Untersuchung der Schilddrüse dabei. Wenn man Beschwerden hat, muss man dem natürlich eher nachgehen. Auch alle Neugeborenen in Deutschland werden auf eine Schilddrüsenfunktionsstörung hin untersucht. Denn eine unbehandelte Störung kann extreme Entwicklungsstörungen bei Kindern verursachen.

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