Brigitte Borchers spricht über ihren Gleichstellungsbericht

„Kleines Abbild unserer Gesellschaft“

Brigitte Borchers ist Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Rotenburg. Sie sagt: „Es gibt also noch viel zu tun.“ - Foto: Menker

Rotenburg - Von Guido Menker. Das Kommunalverfassungsgesetz verpflichtet jede Kommune, alle drei Jahre dem Rat einen Gleichstellungsbericht vorzulegen. Genau das hat die Rotenburger Gleichstellungsbeauftragte Brigitte Borchers am Donnerstagabend im Stadtrat gemacht. In einem Interview mit der Kreiszeitung spricht sie über das, was aus diesem Bericht hervorgeht und wie es in der Stadtverwaltung um die Gleichstellung von Mann und Frau bestellt ist.

Frau Borchers, Sie haben Ihren Bericht vorgestellt. Worum geht es darin genau?

Brigitte Borchers: Im Gleichstellungsbericht geht es um alle Maßnahmen, die die Stadtverwaltung in den Jahren 2013 bis 2015 unternommen hat, um die Gleichstellung von Männern und Frauen in der Verwaltung und in der Kommune zu verwirklichen. Dazu ist die Kommune durch die Landesverfassung verpflichtet. Das heißt, dass die Ämter ihre Maßnahmen und Projekte zur Geschlechtergleichstellung darstellen und wir, Bürgermeister und Gleichstellungsbeauftragte, diese Berichte zusammenfassen und vorstellen.

Wie zufrieden stimmt Sie als Gleichstellungsbeauftragte das, was Sie da zu Papier gebracht haben?

Borchers: Das ist unterschiedlich. Ich glaube zum einen, dass die Stadt auf einem guten Weg ist, und zum anderen ist festzustellen, dass viele Strukturen starr bleiben.

An welchen Stellen hakt es aus Ihrer Sicht in der Rotenburger Stadtverwaltung, wenn von Gleichstellung die Rede ist?

Borchers: Wenn Sie damit meinen, wie die Akzeptanz des Themas bei den Verantwortlichen ist, dann würde ich sagen, es hakt gar nicht so sehr. Wir haben viele aufgeschlossene Personen in allen Funktionen. Manchen ist allerdings nicht bewusst, dass auch ihr Arbeitsbereich mit dem Thema zu tun haben könnte. Wenn Sie aber meinen, wo es mit der Gleichstellung hakt, dann möchte ich sagen, wir sind eine typische Verwaltung im ländlichen Raum. 

In kommunalen Verwaltungen ist der Frauenanteil traditionell hoch. Auch bei der Stadt Rotenburg arbeiten insgesamt mehr Frauen als Männer – zwei Drittel zu einem Drittel. Gleichstellung haben wir allerdings erst dann, wenn in allen Positionen, vor allem auf Führungsebene, Frauen und Männer gleichermaßen repräsentiert sind. Wenn also Verantwortung, Macht und Geld wirklich geteilt werden. Wenn alle Frauen von ihrem Gehalt auch leben und eine gute Rente erwirtschaften können. Und so weit sind wir noch nicht. Aber wir sind auch nicht ganz schlecht, und manches lässt sich eben auch nicht direkt beeinflussen, zum Beispiel traditionelle Familienstrukturen, Ehegattensplitting und Ähnliches.

Sie selbst werden ja nicht müde, sich innerhalb der Verwaltung, aber auch darüber hinaus für die Gleichstellung stark zu machen. Wie sieht es denn damit grundsätzlich im Rathaus aus?

Borchers: Das Rathaus ist ja ein kleines Abbild unserer Gesellschaft, und das Thema Geschlechtergerechtigkeit oder Gender wird vielleicht auch hier nicht von jeder einzelnen Person für so wichtig gehalten. Das spüre ich schon manchmal, aber grundsätzlich erfahre ich Wertschätzung und Interesse. Die Stadt Rotenburg hat als erste Kommune im Landkreis 1989 freiwillig diese Stelle eingerichtet. Es gibt Kommunen im Landkreis, die sich trotz gesetzlicher Verpflichtung jahrelang davor gedrückt haben. Das heißt doch, dass die Stadt Rotenburg es ernst nimmt mit dem Verfassungsauftrag, und das freut mich immer wieder.

Als Laie möchte man meinen, es geht in Ihrem Bericht nicht nur darum, ob Stellen im Rathaus und den anderen städtischen Einrichtungen im Sinne der Gleichberechtigung besetzt werden. Welche Aspekte haben Sie darüber hinaus im Auge?

Borchers: Es geht um die Verwirklichung der Gleichberechtigung in der Stadt. Das heißt, der Bericht betrifft nicht nur die Arbeitsbedingungen und die Personalentwicklung der Verwaltung, sondern darüber hinaus alle Vorhaben, Maßnahmen, Entscheidungen und Projekte der Stadt, die Auswirkungen auf die Gleichstellung der Geschlechter haben. Darum berichtet das Amt für Jugend und Soziales zum Beispiel über den Ausbau der Kinderbetreuung und die Volkshochschule über Seminare für Frauen. Und ich berichte über meine Arbeit für den internen Bereich Verwaltung und den externen Bereich, das heißt die Zusammenarbeit mit Institutionen, Verbänden, Vereinen oder auch Beratungsstellen sowie meine Beratungs- und Öffentlichkeitsarbeit. Es geht immer um Geschlechtergerechtigkeit.

Im Stadtrat sitzen Sie auch immer mit am Verwaltungstisch. Warum eigentlich?

Borchers: Ich bin vom Rat in dieses Amt berufen worden und Angestellte der Stadt. Und es gibt eine Mitwirkungspflicht für Gleichstellungsbeauftragte bei allen Vorhaben und Entscheidungen, die Auswirkungen auf die Gleichberechtigung haben. Also gehöre ich genauso mit an den Tisch wie die Erste Stadträtin und die Leitungen des Personalamtes und der Kämmerei sowie die anderen Amtsleitungen.

Erst vor Kurzem haben Sie sich für den Equal-Pay-Day eingesetzt. Wie steht es denn eigentlich um die gleiche Bezahlung von Frauen und Männern in der Stadtverwaltung?

Borchers: Es wird ja nach Tarifrecht bezahlt, aber Unterschiede ergeben sich wie überall aus den unterschiedlichen Funktionen und aus der Länge der Arbeitszeit. Wir haben sehr viel teilzeitarbeitende Frauen, denn auch bei uns ist es so, dass die Frauen ihre Arbeitszeit aus Familiengründen reduzieren und dann erst einmal sehr in diesen Arbeitszeiten bleiben. Und manchmal ist die Familie auch der Grund, warum ein Aufstieg in eine höhere Position nicht klappt. Daran etwas zu ändern, ist ein zähes Geschäft. In den unteren und mittleren Einkommensgruppen ist der Frauenanteil höher, in den Führungspositionen in der zweiten Reihe ist es inzwischen sehr gemischt, und auf der Ebene der Amtsleitungen ist die Gleichstellung noch nicht wirklich angekommen. In diesen Gehaltsgruppen sind deutlich mehr Männer als Frauen. Es gibt also noch viel zu tun. Einen kleinen Schritt weiter machen wir heute, indem wir für die Nachfolge des Kämmerers eine Frau wählen.

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