Nitrat-Belastungen deutlich über Grenzwerten

Kleine Schritte auf dem Weg zur schonenderen Düngung

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Moderne Gülleausbringung mit einem Schleppschuhverteiler reduziert die Nitrat-Belastungen bereits. Auf Basis der Erkenntnisse aus dem Projekt im Landkreis sollen weitere Empfehlungen zum schonenderen Umgang gegeben werden

Rotenburg - Von Michael Krüger. Für Volker Kullik war es eine „Bombe, die wir hier serviert bekommen“, dabei ist das Thema ein altbekanntes. Der Boden unter den landwirtschaftlichen Flächen im Landkreis ist zu großen Teilen überdüngt. Das weiß auch der SPD-Umweltpolitiker, und doch geben die Erkenntnisse aus dem Grundwasserschutz-Programm der Bioenergie-Initiative im Landkreis, die vergangene Woche im Umweltausschuss des Kreistags vorgestellt wurden, Anlass zum Nachdenken – oder zur Sorge.

Es kommt nicht so richtig voran. Das sagt auch Ulrike Jungemann, Koordinatorin des Projekts in der Stabstelle Kreisentwicklung. „Die Werte sind zwar besser geworden, aber noch längst nicht da, wo sie sein sollten“, sagt sie. Das Ziel sind 50 Milligramm Nitrat pro Liter Trinkwasser – es ist die Grenze, die die neue Düngeverordnung vorgibt. Davon ist man im Landkreis noch weit entfernt.

Der erste Nährstoffbericht der Landwirtschaftskammer 2012/2013 hat zum Umdenken bewogen. Mit diesem wurde das Gülle-Problem im landwirtschaftlich geprägten Landkreis fassbar. Damals wiesen rund die Hälfte der 70 Grundwassermessstellen im Landkreis erhöhte Nitratwerte auf. Von 47 regelmäßig überprüften Gütemessstellen waren es 21. Das oberflächennahe Grundwasser im Kreis sei flächendeckend mit Nitrat belastet, hieß es. Auch Pflanzenschutzmittel oder deren Rückstände seien gefunden worden. Seit Jahren zeigten sich keine wesentlichen Veränderungen.

Der Landkreis wie die Wasserversorger intensivierten gemeinsam mit dem Landvolk die Anstrengungen, Verbesserungen herbeizuführen. Das gelingt, wenn überhaupt, nur mit ganz kleinen Schritten. Wie jetzt das Ingenieurbüro Geries berichtet, lagen die Mittelwerte an den beiden wegen ihrer typischen Dichte an Biogasanlagen und Viehhaltung als Muster-Standorte ausgewählten Orte Rockstedt (Samtgemeinde Selsingen) und Jeersdorf (Gemeinde Scheeßel) bei zuletzt 184 und 141 Milligramm Nitrat. 

„Wir können die Augen nicht verschließen“

Gut zehn Landwirte beteiligen sich dort jeweils an einem freiwilligen Projekt, um mit detaillierten Analysen Rückschlüsse auf eine bessere Dünge-Bewirtschaftung ziehen zu können. Bis zu 80 Hektar Ackerfläche gehören zu den jeweiligen Messstellen, vorwiegend mit Mais bepflanzt, aber auch mit Getreide, Kartoffeln oder Zuckerrüben. Und über allem steht die Beobachtung des Experten Dr. Hartmut Geries: „In den oberen Metern haben wir eine große Belastung. Nahezu überall.“ Das sei aber keine Besonderheit im Kreis Rotenburg, sondern gelte ebenso zum Beispiel in Cuxhaven und vor allem auf den Flächen der intensivsten Tierhaltung in Weser-Ems.

„Wir können die Augen nicht verschließen“, weiß auch Ulrike Jungemann. Aber statt auf Konfrontation setzt sie auf einen Dialog mit den Landwirten. Dort sei – anders als von Kritikern bemängelt – durchaus Bereitschaft vorhanden, vom bisherigen Vorgehen abzuweichen. Eine Erkenntnis, die sich langsam durchsetze: „Zusätzliche Mineraldünger sind nicht notwendig. Dadurch steigt der Ertrag nicht.“ Geries nennt zudem den Einsatz neuer und effizienterer Düngetechnik, die Schaffung von mehr Lagerraum für Gülle und Gärreste und den Erhalt der Bodenfruchtbarkeit als weitere Bausteine einer schonenderen Bewirtschaftung. 

„Im Trinkwasser haben wir keine Probleme“

„Beratung, Kooperation, Geduld und Vertrauen“ seien die Leitbilder beim Projekt, so Jungemann. Man könne keine Wunder erwarten, aber die „dicken Bretter“ müssten weiter bearbeitet werden. „Wir haben viele Landwirte dabei, sie sich mit den schwarzen Schafen der Branche nicht auf eine Stufe stellen lassen wollen“, ist sich die Regionalplanerin sicher. SPD-Politiker Kullik beruhigt das nicht: „Im Grunde können wir nichts vorweisen.“

Bei einem sofortigen Stopp der Nitrat-Eintragungen bräuchte das Grundwasser rund 20 Jahre, um wieder einen guten Zustand zu erlangen, heißt es von den Experten. Da das kaum zu erwarten ist, müssen die Einträge verringert werden – damit die die Werte im oberflächennahen Wasser, das irgendwann Trinkwasser wird, sinken. „Im Trinkwasser haben wir aber keine Probleme“, sagt Jungemann und mahnt bei allen Problemen zu einer sachlichen Diskussion. Das Trinkwasser der Region kommt aus der Rotenburger Rinne – und die liegt mehrere hundert Meter tief unter schützenden Deckschichten. Sich nur auf diese relative Sicherheit zu verlassen, greift wiederum auch zu kurz. Das sagen selbst die Branchenvertreter wie Rotenburgs Landvolk-Chef Jörn Ehlers: „Wir müssen was machen.“

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