Krankenpfleger René Schönfeld spricht über Masken und die Intensivstation

Kleine Maßnahme, große Wirkung

René Schönfeld
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René Schönfeld

Rotenburg – Die Belastung ist hoch. Viel Arbeit – und das in Zeiten der Corona-Pandemie auch noch unter zusätzlich erschwerten Bedingungen. Das Pflegepersonal in den Krankenhäusern hat es alles andere als leicht. Okay, im Frühjahr gab es reichlich Applaus. Der aber ist schon längst verhallt – obwohl die zweite Corona-Welle gerade erst über uns alle hereinschwappt. Wie verändert die Pandemie diesen Job? Was ist aus den schönen Seiten des Pflegeberufes geworden? Und wie schätzt ein Pflegefachmann den Widerstand der Menschen ein, wenn es um das Tragen von Schutzmasken geht? Wir haben eine Reihe von Fragen dazu an René Schönfeld, Abteilungsleiter Pflege des Zentrums für Intensivmedizin am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg, gerichtet. Ein Klagelied stimmt er nicht an.

„Das Tragen von Schutzkleidung auch über mehrere Stunden ist eine ganz besondere Herausforderung. Wir als Team im Zentrum für Intensivmedizin sind dies gewohnt, und doch hat die Häufigkeit und Dauer des Tragens durch die Pandemie massiv zugenommen“, sagt Schönfeld. Vor diesem Hintergrund und mit Blick auf die Menschen, die in vielen Bereichen zum Tragen eines Mund-Nasenschutzes nicht nur aufgerufen, sondern sogar verpflichtet sind, dies aber vielfach nicht nachvollziehen können, fügt Schönfeld hinzu: „Das Tragen einer Maske ist eine so kleine Maßnahme mit einer essenziellen Wirkung. Akzeptanz dieser Maßnahme als ein Schlüssel für mehr persönliche Resilienz ist hier maßgebend und lässt für mich keine Diskussion zu.“ Das Engagement aller Mitarbeiter und die Organisation von Schutzausrüstung für das Diako gerade zu Beginn über Spenden von Unternehmen „haben zum Glück keinen Engpass entstehen lassen“.

Klare Worte von einem Mann, der – 1969 in der ehemaligen DDR geboren – zwei Gesellschaftsformen kennengelernt hat. „Einen ersten kurzen Kontakt mit dem Bereich Krankenpflege hatte ich in der Wendezeit 1988 bis 1990, welcher faszinierend zur damaligen Zeit war und nicht vergleichbar mit der modernen Medizin von heute ist. Jedoch war das Ansehen des Berufsstandes Krankenpflege in der damaligen Zeit ein viel höheres“, sagt Schönfeld. Aus persönlichen Gründen und vielseitigen anderen Interessen habe er nach der Wende in anderen Berufen gearbeitet – unter anderem als Künstler und Klinikclown. „Über diese Tätigkeiten habe ich wieder an die Krankenpflege anknüpfen können und mit 33 Jahren die Ausbildung in der Gesundheits- und Krankenpflege hier am Diakonieklinikum aufgenommen.“

Erwartungen aus früheren Erfahrungen hätten dafür keine Rolle gespielt. Die herausfordernden Entwicklungsmöglichkeiten seien ausschlaggebend gewesen, diesen Berufsweg weiterzuverfolgen. „Seit nun mehr als 18 Jahren bin ich in der Intensivpflege tätig und habe durch kontinuierliche Weiterbildungen Wissen erweitern und festigen können. Diese vielen Möglichkeiten als Pflegefachkraft gerade in der Intensivpflege sind nach wie vor meine Motivation, in diesem Beruf zu arbeiten“, erklärt der Abteilungsleiter Pflege des Zentrums für Intensivmedizin.

Schönfeld hebt gerne auch die schönen Seiten dieses Berufes hervor: „Die Tätigkeiten für unsere Patientinnen und Patienten mit Möglichkeiten der Förderung und das Einbringen von Pflegekonzepten lassen keinen Tag wie den anderen erscheinen. Individualität der von uns zu betreuenden und zu versorgenden Menschen bildet hier die Grundlage.“ Darauf aufbauend sei es „ein tolles Gefühl“, Menschen wieder ins Bewusstsein zu führen – „und selbst der erste Schritt aus dem Bett fühlt sich an wie ein Wunder.“

Eigentlich, sagt Schönfeld, würde er gern viel mehr seiner Berufung nach den Kontakt mit den Patienten aufrechterhalten. Doch seit etwa einem Jahr in leitender Funktion, habe er mehr organisatorische, kommunikative und strukturelle Aufgaben zu erledigen sowie Wünsche und Anliegen von fast 100 Mitarbeitern zu bearbeiten.

Wenn aber in diesen von der Pandemie geprägten Zeiten über den Pflegeberuf gesprochen und diskutiert wird, um ihn attraktiver zu machen, damit der personelle Notstand irgendwann mal ein Ende hat, geht es auch ums Geld. „Nur der kann sich frei entfalten, der frei von materiellen Gütern ist. Ich weiß, heute ist es utopisch, nicht über Geld zu sprechen und dass es wirtschaftlich notwendig ist.“ Vorrang müsse aber haben, qualifiziertes Fachpersonal zu erreichen und zu begeistern, um in diesem Beruf zu arbeiten. In den zurückliegenden 13 Monaten seien auf der interdisziplinären Intensiveinheit 27 Mitarbeiter eingestellt worden. Schönfeld: „Wir übernehmen engagierte Auszubildende in den Berufseinstieg, welches in diesem Fachbereich sehr aufwendig und aufgrund der noch mangelnden Erfahrung eine eng begleitete Einarbeitung erfordert.“ Doch trotz all der Widrigkeiten sei das multiprofessionelle Team auf einem guten Weg, die Arbeitsstrukturen selbst zu gestalten.

Und das unter Berücksichtigung der gesetzlichen und der Unternehmensvorgaben. „Individuelle Arbeitszeitenmodelle ermöglichen uns eine noch höhere Flexibilität der Schichtstärken und gleichzeitig, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern“, zeigt sich der ausgebildete Krankenpfleger zufrieden mit der aktuellen Entwicklung auf „seiner“ Station. Das wirkt fast so, als präsentiere er ganz bewusst ein Gegengewicht zu den Themen, die im Zuge der Pflege-Diskussion immer wieder auf den Tisch kommen. Und dabei sind er und seine vielen Kollegen sich bewusst: „Die Zusammenarbeit mit Ärzten und Therapeuten war schon immer sehr eng, doch gerade jetzt ist sie zwingender denn je, gerade um keine Mitarbeiterin und keinen Mitarbeiter zu verlieren.“

René Schönfeld geht noch ein Stück weiter: „Wir können nur selbst unsere Zukunft gestalten, unter einer noch engeren auf Wertschätzung aufgebauten Unternehmensphilosophie und Zusammenarbeit. Wir können und sollten uns nicht hinter Plakaten verstecken und denken, über Forderungen etwas zu erreichen.“

Was aber wünscht man sich als Mitarbeiter auf einer Intensivstation – gerade auch mit Blick auf die jetzt beginnende Vorweihnachtszeit? „Ich wünsche mir für den Berufsstand der Krankenpflege Achtung und Wertschätzung aus der Bevölkerung. Halten Sie sich an Hygieneregeln, denn so können Sie Ihren aktiven Beitrag leisten.“ Die Advents- und Weihnachtszeit werde in diesem Jahr anders sein als gewohnt. „Das einzige was sicher ist, ist die ständige Veränderung.“ Doch gerade hier sehe er die größte Chance, „unserer Kreativität freien Lauf zu lassen, um positive Akzente zu setzen“.

Diako-Sprecher Matthias Richter: Das größte Problem besteht darin, Fachpersonal auf dem Arbeitsmarkt zu bekommen

„Auch bei uns gibt es einige freie Stellen im Pflegebereich, für die wir uns aktiv um Bewerber bemühen. Gleichzeitig sind wir froh, dass diese Lücke nicht so groß ist, dass sie für uns unlösbar ist oder gar den Betrieb gefährden könnte.“ Das sagt Matthias Richter als Unternehmenssprecher für das Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg. Es geht um die Frage, wie es eben im Diako um die personelle Situation in der Pflege bestellt ist. Das Haus hat rund 800 Betten und entsprechend mehr als 550 Vollzeitstellen im Pflegebereich. Man habe schon allein wegen der natürlichen Fluktuation immer freie Stellen. Richter: „Wir profitieren auch im Augenblick sehr davon, dass unsere Mitarbeiter uns unterstützen, mehr arbeiten, und auch flexible Arbeitsmodelle in Anspruch nehmen.“ Dabei sei man sich sehr bewusst, dass auch dadurch in einigen Bereichen die individuelle Belastungssituation hoch ist. „Hier sind wir ständig engagiert, um flexibel zu reagieren. Dazu gehört auch unser gestuftes Ausfallmanagement, das wir mit der Mitarbeitervertretung vereinbart haben, mit dem wir auf kurzfristige Krankheitsfälle reagieren und das zum Beispiel auch Prämien für zusätzliches Einspringen festschreibt“, so Richter.

Das größte Problem sei, überhaupt an Fachpersonal auf dem Arbeitsmarkt zu kommen. Die Bezahlung durch den Tarifvertrag Diakonie Niedersachsen sei absolut konkurrenzfähig. Der Unternehmenssprecher: „Deswegen sind wir überzeugt, dass der Schlüssel für die Gewinnung neuer Arbeitnehmer in den Arbeitsbedingungen liegt, die so gut sein müssen, wie es die Rahmenbedingungen hergeben.“ Auch die Atmosphäre und die Führungskultur spielten eine wichtige Rolle. An diesen Punkten arbeite man laufend, um sich weiterzuentwickeln und freie Stellen zu besetzen. „In diesem Zusammenhang freut es uns, wenn immer wieder Mitarbeiter, die uns für ein anderes Krankenhaus verlassen haben, wieder zu uns zurückkehren und sagen, der Spirit im Diako sei doch besonders.“

Die Pandemie sei eine besondere Herausforderung, die es vorher so nicht gab. Es seien Aufgaben hinzugekommen wie zum Beispiel Maßnahmen für erhöhten Infektionsschutz, Testabstriche von Patienten und Mitarbeitenden, Eingangskontrollen und vieles mehr. „Im Frühjahr haben wir umfangreich elektive Leistungen reduziert, um neue Ressourcen für diese Herausforderungen zu haben.“ Punktuell geschehe das auch jetzt, zum Beispiel durch Reduktion des OP-Betriebes. Und: Aktuell hat das Diako außerdem die Wahlleistungsstation vorübergehend aus dem Regelbetrieb genommen, um mehr Raum für eventuell notwendige Isolierungen und Kohortenbildung zu schaffen sowie gleichzeitig Personal umsteuern zu können, das in anderen Bereichen des Hauses unterstütze.

„Für uns ist eine der größten Unsicherheiten, wie Mehrausgaben und Erlösausfälle aufgrund der Pandemie finanziell ausgeglichen werden. In der ersten Welle hat die Politik schnell und ausreichend reagiert. Jetzt gibt es verspätet Maßnahmen, die sehr kompliziert und starr sind, sodass wir bezweifeln, dass sie für unsere Situation ausreichen werden“, ergänzt Richter. Dies betreffe unter anderem den zu sehr begrenzten Ausgleich von Erlösausfällen und die Nichtaussetzung der Pflegepersonaluntergrenzen für 2021, die alle Krankenhausverbände gefordert hätten. Richter: „Dies würde uns helfen, Personal flexibler dort einsetzen zu können, wo es aktuell nötig ist. Hier hoffen wir auf ein Nachsteuern der Politik.“ Man sei aber dankbar für kleinere Punkte, auf die die Politik reagiert habe, wie beispielsweise, dass Krankenkassen vorübergehend innerhalb von fünf Tagen Krankenhausrechnungen bezahlen müssen.  men

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