Kleiderordnung im Unterricht? Schulen bleiben trotz erster Verbote gelassen

„Wir trauen den Schülern guten Geschmack zu“

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Angemessen oder nicht? Nicht an jeder Schule duldet eine solche Bekleidung.

Rotenburg - Von Michael Krüger, Inken Quebe und Jessica Tisemann. Deutschland schwitzt. Es ist heiß, und nicht nur in den Büros der Nation entbrennen hitzige Diskussionen, welche Kleidung bei den hohen Temperaturen angemessen ist. Auch an den Schulen wird kontrovers debattiert, wie die Schüler sich kleiden sollten. Im baden-württembergischen Horb greift die Schulleitung durch – dort sind bauchfreie Shirts oder Hotpants tabu. Der Schulfrieden könnte gestört werden.

Genau um diesen geht es auch grundsätzlich im Landkreis Rotenburg. „Das ist der Rechtsrahmen, der gesetzt ist“, sagt Ulrich Dettling, Dezernent in der Rotenburger Außenstelle der Landesschulbehörde. Kleidung sollte nach „allgemeinen Wertvorstellungen“ nicht störend sein. Das könnten bei diesen Temperaturen zu knappe Stoffe vor allem bei Schülerinnen sein, aber ebenso Abzeichen, Drucke oder Botschaften, die zweifelhaft oder sogar verboten sind. Insbesondere gelte das auch für die Lehrkräfte selbst. Beamte seien dem Neutralitätsgebot verpflichtet. Welche und vor allem wie viel Kleidung angemessen ist, müsse aber jede Schule für sich entscheiden. Dettling: „Dies kann immer nur eine freiwillige Übereinkunft sein.“

Auf diese Freiwilligkeit setzen dann auch die Schulen in der Region. Allerdings mit mehr oder weniger strikten Vereinbarungen. Die Oberschule an der Wieste in Sottrum hat zum Beispiel die Eltern per Rundschreiben darüber informiert, dass dieses Thema in Punkt 5 der Schulordnung verankert sei. „Grundsätzlich haben wir alle, Schüler und Lehrkräfte, das Recht, frei über die Wahl der Kleidung zu entscheiden.“ Und dennoch, so die Sottrumer Schulleitung: Es sei wichtig, niemanden zu belästigen. Dies könne geschehen durch „deutlich sichtbare Unterwäsche, verschmutzte oder riechende Kleidung und knappste Miniröcke und Oberteile“. Aus Höflichkeit trage zudem niemand im Unterricht Mützen und Kappen. „Wenn sich ein Schüler nicht daran hält, haben wir große Schul-Shirts, die die Schüler dann überziehen müssen. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass es dazu schon mal gekommen ist, seitdem ich Schulleiter bin“, schränkt André Barth ein.

Zu „leicht“ gekleidet ist an der Beeke-Schule in Scheeßel, wenn überhaupt, nur mal eine Schülerin im Sportunterricht, sagt Schulleiter Sven Borstelmann. Das seien aber Einzelfälle, und diese würden im Gespräch geklärt. Sein Scheeßeler Amtskollege Christian Birnbaum von der Eichenschule sagt zwar auch, dass es keine generelle Regelung gibt, aber die Problematik werde diskutiert, da es auch um den Schutz männlicher Lehrkräfte geht, denen leicht unterstellt werde, sie würden Schülerinnen „irgendwo hingucken“. Insgesamt sei es eher verwunderlich, wie lässig gekleidet manche Schüler beispielsweise zu den Abiturprüfungen erscheinen.

An der größten Schule des Landkreises, den Berufsbildenden Schulen in Rotenburg, wird zwar auch auf Einzelgespräche bei Grenzfällen gesetzt, aber es gibt ebenso Vorschriften – in den Werkstätten. Dort sei bestimmte Kleidung aus Schutzgründen vorgeschrieben, betont die stellvertretende Schulleiterin Katharina Engelhardt. In der Schul-Nachbarschaft am Rotenburger Ratsgymnasium setzt Iris Rehder auf die Vernunft. Es gibt keinen Vermerk in der Schulordnung zur Kleidung: „Bisher gab es bei uns noch keinen Anlass zu so einer Regelung.“ Seit sie Schulleiterin ist, sei ihr auch noch nichts Unangemessenes aufgefallen. „Wir trauen den Schülern guten Geschmack zu.“

Was nun zu knapp oder unangemessen ist, bleibt weitgehend in der Beurteilung der Schulen selbst – egal, wo man in der Region nachfragt. Erster Kreisrat Torsten Lühring, in dessen Zuständigkeitsbereich auch neun Schulen des Landkreises fallen, sieht das Thema folglich als „innere Schulangelegenheit“. Und die hätten bislang nie zu größeren Diskussionen geführt. Das wird wohl auch so bleiben – es wird wieder kälter.

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