Ratsgymnasiasten streiken

„Die Klasse ist erschöpft“

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Gemeinsam mit ihren Eltern verlassen die streikenden Schüler des Rotenburger Ratsgymnasiums das Schulgelände. Die Klassen-Elternsprecherin Yvonne Ohlsen übergibt eine Kopie des Offenen Briefes an die Kreiszeitung.

Rotenburg - Von Heinz Goldstein. Schüler einer Klasse des Rotenburger Ratsgymnasiums haben am Dienstag nach der vierten Unterrichtsstunde gemeinsam mit ihren Eltern das Schulgelände verlassen und gestreikt. Die Elternsprecherin Yvonne Ohlsen übergab zudem im Schulsekretariat einen offenen Brief an die Landesschulbehörde, der den Streik begründete. Die Gefährdung ihrer Kinder durch einen Inklusionsschüler, die bei der Behörde kein Gehör gefunden habe, sei der Anlass des Streiks. Eltern und Schüler forderten Sofortmaßnahmen für ungefährdeten Unterricht und angemessene Lernbedingungen.

Die Eltern stellten die Frage, ob eine Inklusion um jeden Preis durchgeführt werden muss. „Wir sind froh, in einer Gesellschaft zu leben, in der das Thema Inklusion gelebt und niemand aufgrund seiner Benachteiligung ausgeschlossen wird. Und auch wir sind Befürworter gelebter Inklusion und kennen Fälle am Ratsgymnasium, in denen sie gut funktioniert und eine Bereicherung für viele Schüler darstellt“, erklärte Ohlsen im Namen der Eltern.

In dieser Klasse gebe es aber einen Einzelfall, der nicht dem Inklusionsgedanken entspreche, und dagegen wehrten sie sich, so Ohlsen. Die Eltern erklärten weiter, dass der eine Inklusionsschüler in den vergangenen vier Jahren einige Mitschüler und auch Lehrer durch unkontrollierte Wutausbrüche oder Angriffe bedroht oder mit spitzen Gegenständen gefährdet und verletzt habe. Anzeigen seien bei der Polizei gemacht worden. Während der zurückliegenden Zeit sei die Landesschulbehörde mehrfach auf diese Vorfälle hingewiesen und um Abhilfe gebeten worden. So wollten die Eltern weiteren Verletzungen oder schlimmeren Vorfällen zuvorkommen. Auf Anfrage der Kreiszeitung bei der Rotenburger Polizei erklärte Pressesprecher Heiner van der Werp: „Wir nehmen mit dem Hinweis auf den Schutz der Persönlichkeit keine Stellung zu Ihrer Anfrage“.

Inklusion gescheitert?

Die im Durchschnitt 14 Jahre alten Schüler verstehen nicht, warum ihnen in diesem Fall nicht geholfen wird. Angst gehe bei Eltern und Schülern um. Das bestätigten auch die streikenden Kinder vor der Schule. Die Erziehungsberechtigten stellen in dem Brief an die Landeschulbehörde die Frage, was noch passieren muss, bevor dort gehandelt werde.

Die Schüler seien im Schulalltag weiter Gefährdungen ausgesetzt. So sei es vorgekommen, dass vom Inklusionskind Morddrohungen ausgesprochen worden und unter anderem auch körperliche Bedrohungen (zum Beispiel geöffnete Schere am Hals eines Mitschülers) ausgegangen sein. Die Ausraster kämen meist aus dem Nichts.

Ein Beleg für die Unberechenbarkeit des Schülers sei, dass bereits vier Schulbegleitungen abgelehnt hätten, weiter die Betreuung zu übernehmen. Nach dem schnellen Abgang des letzten Betreuers, der die Inklusion für gescheitert hielt und dies auch den Schülern der Klasse mitteilte, habe die zuständige Dezernentin der Landesschulbehörde Lüneburg, Marianne Assenheimer, per Dienstanweisung angeordnet, dass der Junge ohne Betreuer unterrichtet werden dürfe, so die Eltern.

Die Schulleiterin des Ratsgymnasiums, Iris Rehder, erklärte am Rande des Steiks, dass ihr die schwierige Situation bekannt sei. Seit Jahren habe sich die Schule in diesem speziellen Fall engagiert und viele Gespräche geführt. Unterstützung habe sie vom Jugendamt bekommen. Theorie und Schulalltag wären aber zwei unterschiedliche Dinge. Die Schule habe reagiert und Erziehungsmittel und Ordnungsmaßnahmen durchgeführt. Die Vorschriften seien eingehalten worden, und wenn der Inklusionsschüler einmal ohne Schulbegleiter in der Klasse war, sei das legal gewesen, denn eine Begleitung sei nicht „vorgeschrieben, sondern sehr wünschenswert“.

Leicht entkrampfte Situation

Die Situation habe sich in der letzten Zeit leicht entkrampft und im vergangenen Jahr seien die Ausraster weniger geworden und ziemlich harmlos gewesen. „Ich weiß, dass die Situation eine hohe Belastung für alle Beteiligten ist. Die Klasse ist erschöpft“, so Rehder, sieht aber auch Licht am Horizont und hat Lösungsansätze.

Wichtig sei die dauerhafte Schulbegleitung. Gemeinsam mit „SchuBus“, einem Team von Sonderpädagogen, sollen in Koopertion mit Lehrkräften, Schülern und Eltern Möglichkeiten zur Problemlösung gesucht werden. Die Landesschulbehörde sagt dazu: „Wir nehmen die Sorgen der Eltern sehr ernst und sind in Gesprächen mit der Schulleitung, den Eltern und den Lehrkräften, um eine Lösung im Interesse aller Beteiligten zu finden. Die Niedersächsische Landesschulbehörde berät und unterstützt das Ratsgymnasium Rotenburg bei der inklusiven Beschulung. Unter anderem bekommt sie regelmäßige Unterstützung durch den Mobilen Dienst.“

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