Auf Sommerreise im Erdgaskreis: Landtagsfraktion der Grünen spricht mit Kritikern

Klappt schon irgendwie

Und schnell noch ein Gruppenbild – nicht das einzige an diesem Tag.

Hemslingen - Von Michael Krüger. Die Samba-Schuhe von Anja Piel spielen zunächst noch keine Rolle. Eigentlich sind es ja auch schwarze Ledersandalen, thematisiert werden sie beim Mittagsempfang im Landgasthaus Meyer in Hemslingen aber ebenso wenig wie bei fast allen anderen Terminen der zweitägigen Sommerreise der halben Landtagsfraktion der Grünen durch den Nordosten Niedersachsens.

Die Fraktionschefin spricht beim dreistündigen Zwischenstopp im Landkreis wie ihre fünf Kollegen stattdessen mit Politikern, Parteifreunden und Vertretern der Bürgerinitiativen über Erdgasförderung, die erhöhten Krebszahlen und die gerade genehmigte Reststoffbehandlungsanlage von Exxon.

Schon bevor die Hochzeitssuppe im angenehm gekühlten Saal des Landgasthauses am Freitagmittag serviert wird, ist Hartmut Leefers ein wenig eingeschnappt. Waffensens Ortsbürgermeister ist nicht als Ortsrats-, Stadtrats- oder Kreistagsmitglied hier, sondern als Vorsitzender der AG Erdgas des Kreistags, und in dieser Funktion spielen für den CDU-Politiker dann auch Parteigrenzen keine Rolle mehr: Der Kampf gegen die Bedrohung durch die Erdgas-Förderkonzerne eint. Als Piel mit lautem Räuspern in der Vorstellungsrunde Leefers ausführlichen Vortrag unterbindet, kontert er: „Wenn ich nur meinen Namen sagen soll, brauche ich hier nicht herkommen“ – und redet noch ein paar Minuten weiter.

Professor Eberhard Menzel zeigt den Politikern aus Hannover mit einem Geophon Bodenschwingungen am Erdgas-Betriebsplatz.

Tatsächlich ist parteiübergreifend, unter anderem ist Bothels einst von der SPD nominierte Samtgemeindebürgermeister Dirk Eberle dabei, zwischen kurzem oder längerem Sermon der grünen Stippvisite auch Bemerkenswertes zu erfahren. So wandert zum Kaffee nach Suppe und Fingerfood das eine oder andere Schriftstück über die Tische zwischen kommunaler und niedersächsischer Politik, vor allem geht es um die in der vergangenen Woche vom Landesbergamt genehmigte Reststoffbehandlungsanlage auf dem Erdgasbetriebsplatz Söhlingen in Bellen von Betreiber „ExxonMobil“. Ist die Erlaubnis in dieser Art juristisch haltbar? Erste Einschätzungen der Bürgerinitiativen, die sich bei Rechtsanwälten schon Rat geholt haben: nicht unbedingt. Es gebe mehrere anfechtbare Punkte, heißt es. Dauer-Aktivist Andreas Rathjens, bekannter Gesprächspartner der Landespolitiker, unter denen auch der ehemalige Umweltminister Stefan Wenzel ist, will öffentlich noch nicht ins Detail gehen, sagt aber: „Wir haben die Chance, es zu kippen.“

Wenzel wirft ein, dass es dann aber auch jemanden geben müsse, der überhaupt klagt. Eine Privatperson? Zu teuer. Ein Verband wie der BUND, dessen Kreisvorsitzender Manfred Radtke mit am Tisch sitzt? Womöglich gar nicht klageberechtigt. Eine Kommune? Nicht auf alles können Antworten gegeben werden, die Grünen auf Durchreise zum nächsten nachmittäglichen Kaffee-und-Kuchen-Termin in Verden versichern aber: Der politische Druck in Hannover wird erhöht. Nur sei das jetzt aus der Opposition heraus natürlich schwieriger. Piel: „Wir sind nicht mehr die, die sagen können: Unsere Minister werden es regeln.“ Wenzel kann sich zumindest damit schmücken, dass in seine Amtszeit das Ende der oberflächennahen „Verklappung“ von Lagerstättenwasser fällt.

Bevor es im Carsharing-Bus zum Ortstermin an der Exxon-Zentrale in Bellen geht, deutet Leefers zudem an, dass fürs weitere Vorgehen der Kritiker belastbare Daten erfasst werden könnten. Die von Rathjens jüngst geforderte Luftmessung an Förderplätzen durch eine englische Fachfirma, für die der Kreis 5 000 Euro aufwenden sollte, sei politisch möglicherweise anders als bislang von der Kreisverwaltung und dem Landesbergamt dargestellt durchsetzbar. „Das bekommen wir hin“, sagt Leefers pragmatisch, die Mehrheit werde sich finden. Ohne politisches Schwarzer-Peter-Spiel. „Es bringt nichts, wenn wir über Zuständigkeiten streiten.“ Man brauche eine gemeinsame Strategie – auch dafür nutze er das „politische Speed-Dating“ mit den Grünen aus nah und fern.

Ulrich Thiart (v.l.), Klaus-Dieter Szczesny und Stefan Wenzel beim Politik-Smalltalk am Mittagstisch. - Fotos: Krüger

Vor Ort in Bellen ist es Rathjens, der jedes Erdgas--Bohrloch in der Region mit Namen kennt, der Erklärungen liefert. Was jetzt schon bei der Grundwasser-Sanierung unter dem Betriebsplatz falsch laufe, wo welche Abgase ungefiltert in die Luft gejagt werden, welche Schadstoffe wo austreten – der 64-jährige Landwirt aus Groß Meckelsen hat auf alles Antworten, selbst wenn niemand fragt. Der ehemalige Umweltminister Wenzel steht dann daneben und schüttelt einige Male den Kopf. Kann das wirklich alles wahr sein? Man hätte ja am Zaun des Betriebsplatzes entlang gehen können, um mehr zu sehen und zu riechen, „wie die Brühe in die Bäche läuft“. Das halte man aber nicht aus, das wirke wie eine Flasche Wodka auf ex, sagt Rathjens. Das wolle er dem Besuch ersparen, außerdem – jetzt werden sie zum Thema – „mit ihren Samba-Schuhen kommen sie da nicht lang“, sagt Rathjens zu Piel. Die Fraktionschefin und ihr Team tippen stattdessen Notizen in Smartphone und Tablet, vielleicht steht da auch der Satz von Rotenburgs Grünen-Politikerin Elisabeth Dembowski: „Du kannst Gas nicht trinken.“

Der Besuch aus Hannover hört in diesen Stunden im Landkreis Rotenburg viel Grundsätzliches, irgendwie geht es bei den Grünen doch wohl doch noch darum, die Welt zu retten. Der Kreistagsabgeordnete Ulrich Thiart fragt dann auch mal nach: „Haben wir denn eine Chance?“ Die Antwort – unabgesprochen – kommt prompt von Piel und Wenzel gemeinsam: „Klar!“ Allerdings, räumt die grüne Fraktionschefin im Landtag ein: „Irgendwie brauchen wir dafür andere Mehrheiten.“

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