Kitas und Krippen wollen mehr Qualität bieten / Doch wie kann das aussehen?

„Wichtig ist, dass man sich immer wieder hinterfragt“

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Wie ist eine gute Kita aufgebaut? Bei der Antwort haben die Einrichtungen viele Freiheiten.

Rotenburg - Von Matthias Röhrs. Was wird aus den Kindertagesstätten und Krippen im Landkreis Rotenburg? Per Gesetz sind sie verpflichtet, Konzepte zur Qualitätsentwicklung auszuarbeiten und niederzuschreiben. Dabei fällt auf: Die Anforderungen an eine gute Kita haben sich in den vergangenen Jahren stark verändert.

Die Einrichtungen im Kreisgebiet sind in dieser Sache unterschiedlich weit fortgeschritten. Haben einige bereits früh mit der Konzept-Entwicklung begonnen, stehen andere erst am Anfang. Die Landkreisverwaltung hat daher vor kurzem zu einer Fachtagung in die Berufsbildenden Schulen (BBS) in Rotenburg eingeladen. Als Redner konnte das organisierende Jugendamt Professor Wolfgang Tietze von der Freien Universität Berlin gewinnen, der bundesweit als einer der führenden Experten in diesem Bereich gilt. In zwei Vorträgen zeigte er den anwesenden Erziehrinnen und Erziehern in der Aula auf, was eine gute Kindertagesstätte ausmacht.

„Die Qualitätsanforderungen an die Betreuer sind gestiegen“, gab er seinen Kollegen auf dem Weg. So müsse der Übergang zur Schule für die Kinder so einfach wie möglich gemacht werden. Auch sei es wichtig, dass die Kinder in altershomogenen Gruppen betreut würden. Ein Jahr Altersunterschied mache bei Kindern schon viel aus.

Auch gebe es eine Funtionserweiterung der Kitas, sie dienten heutzutage viel mehr als Unterstützung für Familien – als Ort, der den Eltern auch Beratung bietet. Ina Petersen, Leiterin des Kindergarten „Rappelkiste“ im Scheeßeler Ortsteil Jeersdorf, bestätigt diesen Trend. Doch sagt sie auch: „Das übersteigt unsere Kompetenz.“ Die Erzieher könnten nicht die Beratung anbieten, die Eltern vielleicht bräuchten.

Es klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Umsetzungsmöglichkeiten. Um die zu füllen, müsste die Ausbildung von Erziehern geändert werden. Petersen betrachtet diese schon länger kritisch: „In anderen Ländern ist das ein Studiengang.“ Wer Qualität nur an der Ausbildung festmache, gehe nicht weit genug. Merkmale einer guten Einrichtung seien auch baulicher Natur. Dabei gehe es nicht nur darum, dass die Kinder genügend Platz hätten, auch die Erzieher brauchen Freiräume – beispielsweise für Pausen. „Wir waren anfangs eine reine Halbtags-Einrichtung. Das waren paradiesische Zustände“, erinnert sich Petersen an die Frühphase der Einrichtung vor 20 Jahren. Heute gibt es in Jeersdorf Kinderbetreuung von 7 bis 17.30 Uhr. Elf Erzieher betreuen insgesamt 65 Kinder – 15 von ihnen in der 2009 in einem Anbau eröffneten Krippe. „Wir haben uns angepasst, nur das Haus halt nicht“, so Petersen.

Dabei hätten auch die verlängerten Betreuungszeiten durchaus ihren Zweck. „Es geht um flexible Öffnungszeiten, die auf die Eltern ausgerichtet sind“, sagt Christa Wichern, eine Mitarbeiterin Petersens. Überhaupt nähmen Eltern heutzutage eine andere Rolle ein als früher. Sie seien damals, so Petersen, viel öfter bei Aktionen involviert gewesen.

Petersen war bei der Fachtagung mit der „Rappelkiste“ als Beispiel für das Rotenburger evangelische Institut für Fortbildung (REIF) vertreten. Als zweite Einrichtung in der Gemeinde Scheeßel hat die Kita am Jeersdorfer Schäperstieg schon früh mit der Ausarbeitung eines Konzeptes begonnen. Beim REIF haben alle Erzieher aus Jeersdorf zwei Jahre lang an einem Seminar teilgenommen und darin ein Konzept ausgearbeitet – parallel zum laufenden Betrieb.

Was hat sich seitdem getan? Nicht nur, dass die Öffnungszeiten immer wieder angepasst wurden, die Kinder würden laut Petersen verstärkt in die Planung mit einbezogen werden. Auch arbeiten die Erzieher jetzt transparenter, erklären den Eltern – beispielsweise über Aushänge – was Hintergründe und Ziele bestimmter Aktionen sind. „Wichtig ist, dass man sich immer wieder hinterfragt“, sagt Petersen. Das Konzept müsse immer wieder angepasst werden, etwa alle ein bis zwei Jahre, so Petersen, müsse es überdacht werden. Die Arbeit verändere sich stetig, beispielsweise in den Schwerpunkten der Erziehung. Dabei sei auch der Austausch mit anderen Kitas wichtig, auch von weiter weg. Neues Personal könne neue Ziele und Erfahrungen einbringen.

Ein Konzept nach modernen pädagogischen Erkenntnissen ist nicht nur für die Kinder wichtig, auch ökonomisch macht ein derartiges Papier für die Einrichtungen Sinn. Die Kitas stünden immer mehr in Konkurrenz zueinander, erklärt Petersen. Eltern würden sich immer bewusster mit der Tageseinrichtung auseinander setzen, ein Konzept vorzuhalten, dass sich die Eltern angucken können, sei da wichtig.

„Alle Einrichtungen müssen ein Konzept vorhalten“, sagt Sandra Schmidt vom Jugendamt. Den Rahmen bei der Konzept-Entwicklung bildet das Kindertagesstättengesetz, dass beispielsweise den Erzieherschlüssel vorgibt, also wie viele Kinder maximal auf einen Erzieher in einer Einrichtung kommen dürfen – Ländersache. „Den äußeren Rahmen können wir leider nicht verändern“, sagt Petersen. Die Einrichtungen sind frei, ob sie ihre Marschrichtung im Alleingang oder im Austausch mit anderen ausarbeiten. „Der Landkreis will kein einheitliches Konzept überstülpen“ sagt Schmidt. Seine Verantwortung liege lediglich in der finanziellen Förderung.

Viele Freiheiten also für Kitas und Krippen, die so in ihren Konzepten Raum für Individualität haben. Das sei laut Schmidt auch gut so, schließlich haben beispielsweise kirchliche Einrichtungen im Detail andere Vorstellungen für ihr Konzept als öffentliche. Schmidt: „Die Kitas müssen sich aber auch die Zeit für die Ausarbeitung nehmen.“

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