„Ich fühle mich fit und habe Ideen“

Kirchenkantor Karl-Heinz Voßmeier geht in den Ruhestand

+
Ein Ort an dem er gerne ist und wo er schon viele Stunden seines Lebens verbracht hat: Karl-Heinz Voßmeier wird am 27. Januar beim Abendgottesdienst als Kantor verabschiedet und spielt vorerst zum letzten Mal an der Klais-Orgel in der Stadtkirche.

Rotenburg - Von Joris Ujen. Karl-Heinz Voßmeier geht Ende Januar in den Ruhestand. Das Orgelspielen wird der 66-Jährige aber nicht aufgeben, ebenso seine Tätigkeit als Orgelsachverständiger.

In einer Woche verabschiedet der Kirchenkreis Voßmeier nach 33 Jahren mit einem Abendgottesdienst ab 18 Uhr in der Stadtkirche zu Rotenburg. Für den Fototermin mit der Kreiszeitung wählte er passenderweise ebenfalls das Gotteshaus. Als sich der Redakteur diesem nähert, ertönt das Tasteninstrument der Firma Klais. Im anschließenden Gespräch blickt der gebürtige Löhner (Westfalen) noch einmal auf sein musikalisches Schaffen zurück.

Herr Voßmeier, in einer Woche ist es vorbei. Eigentlich sollten Sie laut Mitteilung des Kirchenkreises schon Ende Oktober 2017 aufhören. Warum hat sich das verzögert?

Karl-Heinz Voßmeier: Die Kommission hatte schon im Mai versucht, einen Nachfolger zu finden. Da von den Bewerbern keiner den Anforderungen entsprach, entschied sie sich zu einer zweiten Ausschreibung. Im November wurde schließlich mit Simon Schumacher ein geeigneter Nachfolger gefunden.

Und was wird aus Ihnen?

Voßmeier: Das weiß ich noch nicht. Es fällt mir sehr schwer, von der Arbeit als Kantor loszulassen. Man sagt ja, dass man drei Monate benötigt, um sich mit diesem neuen Lebensstil anzufreunden. Ich denke schon eine ganze Weile darüber nach, wie ich mir den Ruhestand gestalte. Ich fühle mich noch fit und habe Ideen.

Was für Ideen sind das?

Voßmeier: Ich habe mir fest vorgenommen, weiterhin Orgel und Cembalo zu spielen. Auch als Orgelsachverständiger werde ich weiterhin für die Landeskirche tätig sein.

Das heißt, Sie haben schon die nächsten Konzerte geplant?

Voßmeier: Nein, das plane nicht ich. Da müssen die Leute auf mich zukommen. Wenn mich Simon Schumacher fragt, in der Stadtkirche zu spielen, tue ich das gerne. Aber ich muss ihm auch die nötigen Freiräume geben, damit er sich selbst entfalten kann. Ich werde aber natürlich auch von Kollegen gefragt, auswärts zu spielen.

Und abseits der Musik? Wie möchten Sie ihre Freizeit gestalten?

Voßmeier: Ich habe Buchbinden gelernt und könnte mir vorstellen, das wiederzubeleben. Und natürlich muss ich mich auch fit halten und werde das auch tun.

Joggen?

Voßmeier: Mein rechtes Knie ist seit einem kleinen Unfall lädiert. Jogging ist aufgrund der Belastung nicht gut für die Gelenke, besonders für die Knie. Auf dem Crosstrainer hat man hingegen den gleichen Effekt, nur gelenkschonend.

Erstmal müssen Sie sich im Ruhestand zurechtfinden...

Voßmeier: Genau. Ich muss erstmal schauen, wie das geht. Auf jeden Fall möchte ich das Bachfest in Leipzig besuchen. Und ich fahre auch demnächst nach Berlin in die Philharmonie, um mein großes Vorbild Ton Koopman zu sehen und zu hören. Ich verehre ihn sehr, auch wenn ich nicht alles gut finde, was er macht. Ein verrückter Mann.

Würden Sie auch von sich behaupten, dass Sie verrückt sind?

Voßmeier: Ja! Zumindest was die Musik angeht. Wenn ich das nicht wäre, dann hätte ich manche Projekte, die ich hier in Rotenburg gemacht habe, nicht durchsetzen können.

Welche meinen Sie?

Voßmeier: Besonders die Projekte, die ich mit Wolfgang Bachmann gemacht habe: „Oratorium in Szene“ ist fast ein Markenzeichen geworden – die Verbindung von geistlicher Musik mit szenischer Darstellung, auch mit Malerei und Ballett. Unser Ziel war es immer, die Musik in verschiedene Zusammenhänge zu stellen, um die Inhalte zu verdeutlichen und Botschaften zu vermitteln.

Die Frohe Botschaft?

Voßmeier: Ja, natürlich. Die ist für mich allumfassend. Ich muss oft an ein besonderes Konzert zurückdenken: 2007 hatten wir unsere erste szenische Aufführung mit der Friedensmesse von Carl Jenkins. Das war ein ganz heikles Thema.

Warum?

Voßmeier: Damals hatte ein Muezzin (muslimischer Gebetsausrufer, Anm. d. Red.) in der Kirche gesungen. Das gab im Vorfeld einen großen Aufstand. Mein erstes und einziges Konzert, das ich unter Polizeischutz gemacht habe.

Wurde Ihnen gedroht?

Voßmeier: Es gab Fundamentalisten, die damit nicht einverstanden waren. „Das ist eine Vermischung von Religion“, lautete einer ihrer Vorwürfe. Massive Drohungen folgten.

Dennoch haben Sie es aufgeführt...

Voßmeier: Ja, und das hat sich auch gelohnt. Am Ende der Veranstaltung standen wir auf der Bühne und haben uns umarmt. Das war das tollste Friedenszeichen und das tollste Zeichen der Verbundenheit der Religionen, was man sich vorstellen kann.

In der heutigen Zeit sinkt die Zahl der Kirchenmitglieder von Jahr zu Jahr. Haben Sie das auch bei Ihren Konzerten gemerkt?

Voßmeier: Das kann man schon so sagen, ja. Es ist aber eine relativ langsame Entwicklung. Als ich vor rund 30 Jahren hier anfing, waren die großen Kantoreikonzerte so ausverkauft, dass wir regelmäßig das Deutsche Rote Kreuz und die Feuerwehr vor Ort hatten. Wir mussten die Kirche immer zusätzlich bestuhlen. Das ist jetzt nicht mehr so. Die Kirchenkonzerte sind heutzutage zwar gut besucht, nach Hause schicken müssen wir aber niemanden mehr. Die Nachfrage hängt aber auch immer mit dem Termin, dem Wetter und der Verfassung der Leute zusammen. Aber auch an der Werbung. Wir machen jetzt auch nicht unbedingt etwas für die große Öffentlichkeit. Wie viele Menschen interessieren sich den für Orgelmusik? Zwei, drei Prozent? Es ist eine Nische, die wir bedienen.

Meinen Sie, es geht irgendwann wieder bergauf mit dem Interesse an der Kirche und ihrer Musik?

Voßmeier: Ich glaube schon. So eine Talfahrt hat es immer wieder in der Geschichte der Kirche gegeben. Irgendwann erreicht man dann die Talsohle, und es geht wieder nach oben, ganz bestimmt.

Haben Sie den Rücklauf auch im Kirchenchor gespürt?

Voßmeier: Ja leider. Es wäre schön, wenn sich noch mehr Menschen dafür begeistern würden – vor allem Männer. Das Ungleichgewicht ist wirklich extrem. Ich wunder mich immer und frage mich, woran das liegt. Trauen die sich nicht, oder sind sie beruflich zu sehr eingespannt? Früher war das auch schon so. Ich bin mir sicher, dass viele Männer ganz toll singen können. Frauen sind vielleicht eher bereit, sich zu öffnen, denn Singen ist etwas sehr Intimes.

Aus all den vielen Musikstücken, die Sie gespielt oder gehört haben, gibt es darunter einen Liebling?

Voßmeier: Das kann ich eigentlich gar nicht sagen. Das wechselt oft und ist meist das Stück, mit dem ich mich gerade beschäftige. Also ist es gerade Englische Chormusik, die wir bei meinem letzten Gottesdienst in einer Woche spielen und singen.

Angenommen, Sie müssten sich für ein Werk entscheiden, welches wäre das?

Voßmeier: Dann würde ich die Matthäus-Passion von Bach wählen. Das würde ich mit auf die berühmte Insel nehmen.

Und was noch?

Voßmeier: Dann bräuchte ich noch einen CD-Spieler, um das hören zu können, oder ein Instrument, um es selbst zu spielen.

Welche Instrumente sind das neben der Orgel?

Voßmeier: Mein erstes Instrument war ein Akkordeon. Da war ich neun Jahre, glaube ich. Etwas später lernte ich Klavier und Posaune.

Mit Bach haben Sie einen großen Künstler der Klassik genannt. Gibt es abseits dieses Genres noch weitere Musikrichtungen, die Ihnen gefallen?

Voßmeier: Heute höre ich gerne leichten Jazz, die Blechbläser „Mnozil Brass“, das sind tolle Musiker, die aber auch Comedy machen, und Bodo Wartke – der hat echt gute Texte. Ganz früher kam ich um die Beatles, Bee Gees und Genesis nicht herum.

Und wie fanden Sie Ihren Weg zur Kirche?

Voßmeier: Durch den Kindergottesdienst, Jugendgruppen und den Posaunenchor.

Da war die Orgel dann ja auch nicht mehr allzu fern. Wann begann in Ihrem Leben das Interesse an diesem Instrument?

Voßmeier: Schon als Kind. Im Kindergottesdienstes sangen wir immer zusammen, begleitet vom Organisten. Seine spielenden Hände konnte ich sehen. Das fand ich faszinierend. Mein einschneidendes Erlebnis hatte ich aber mit etwa 15 Jahren: Ich durfte zum ersten Mal alleine an die Orgel. Es war abends, an den Duft der Kirche kann ich mich noch erinnern – eine besondere Atmosphäre. Das war der Moment, wo ich wusste: Das möchtest du machen. Im Nachbarort gab es aber eine bessere Orgel. Also bin ich regelmäßig auf gut Glück mit meinem Mofa in das sieben Kilometer entfernte Dorf gefahren, mit der Hoffnung, dass der Pastor da ist und mir den Schlüssel zur Kirche gibt. Wenn das nicht der Fall war, musste ich wieder zurück.

Wie reagierten ihre Klassenkameraden auf Ihr großes Interesse an der Kirchenmusik?

Voßmeier: Ich galt immer ein bisschen als der Exot, der viele komische Sachen macht. Aber das hatte mich nicht gestört.

Und Ihre Eltern fanden das gut?

Voßmeier: „Kirchenmusik ist doch ein brotloser Job“, sagten sie, „mach doch erstmal Schulmusik, dass du etwas Anständiges lernst“. Auf Wunsch meiner Eltern machte ich das auch, mit dem Ziel Lehrer zu werden. Allerdings merkte ich nach zwei Semestern, das ich das auf keinen Fall machen möchte. Und so studierte ich schließlich Kirchenmusik.

Jetzt, wo die regelmäßigen Konzerte vorbei sind. Was tun Sie, wenn es in Ihren Fingern juckt?

Voßmeier: Zu Hause habe ich ein Cembalo. Zudem hoffe ich, den Schlüssel zur Stadtkirche behalten zu können. Dort würde ich aber nur spielen, wenn mein Nachfolger nicht gerade übt. Das ist ganz klar. Ich kann mir aber auch vorstellen, andere Orgeln zu besuchen und auf ihnen zu spielen.

Welche wären das?

Voßmeier: Die Schnitger-Orgel in Groningen würde mich reizen. Die Schönste, die es gibt. Ich habe auch Kontakte zur Sankt-Michaelis-Kirche in Hamburg. Vielleicht kann ich auch dort mal spielen.

In Ihrer Schaffenszeit als Organist haben Sie bestimmt auch schon viele Orgeln bespielt. Wie viele waren das?

Voßmeier: Ohne die Orgeln, die ich als Sachverständiger geprüft habe, würde ich schätzen: 30 bis 40. Unter anderem in Prag, Freiburg und Zürich.

Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft?

Voßmeier: Mir ist es vor allem wichtig, aktiv und gesund zu bleiben. Wenn das klappt, wäre es ein großes Geschenk. Die Musik ist und bleibt meine große Leidenschaft. Ohne sie geht es nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Das Samsung Galaxy Note 9 im Test

Das Samsung Galaxy Note 9 im Test

Porsche 356 hat mit 70 Jahren noch viel Biss

Porsche 356 hat mit 70 Jahren noch viel Biss

Paketzustellung direkt ins parkende Auto

Paketzustellung direkt ins parkende Auto

Maas ruft nach Auschwitz-Besuch zu mehr Zivilcourage auf

Maas ruft nach Auschwitz-Besuch zu mehr Zivilcourage auf

Meistgelesene Artikel

Maisfeldfete ein großer Erolg

Maisfeldfete ein großer Erolg

Erfolgsgeschichte: Rotenburg kommt beim Stadtradeln auf Platz eins

Erfolgsgeschichte: Rotenburg kommt beim Stadtradeln auf Platz eins

Bötersener Dorfladen: 104 Gesellschafter im ersten Anlauf

Bötersener Dorfladen: 104 Gesellschafter im ersten Anlauf

Kommentare