Innovationspastor Thomas Steinke verlässt den Kirchenkreis

Kirche ist in einer Zeit des Umbruchs

Innovationspastor Thomas Steinke.
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In vier Jahren als Innovationspastor hat Thomas Steinke viele Impulse gegeben.

Rotenburg – Nach fast 21 Jahren im Kirchenkreis Rotenburg nimmt Pastor Thomas Steinke Abschied. Vier Jahre davon war er für Rotenburg und den Kirchenkreis Bremervörde-Zeven als „Pastor für Gemeindeinnovation“ tätig – eine Stelle, die es so vorher nicht gab. Eine, die aber notwendig geworden ist: Kirche befindet sich in einer Zeit des Umbruchs. Und diese mitzugehen und zu gestalten ist Steinkes Aufgabe.

Das Denken ist in der Gesamtkirche angekommen, sagt Steinke. „Veränderung passiert sowieso. Die Frage ist nicht, ob Kirche mitmacht, sondern wie.“ Die Pandemie wirkt dabei als Beschleuniger für das, was sowieso angestanden hätte. Dinge, die sonst Jahre gebraucht hätten, werden vorangetrieben. Steinke denkt zum Beispiel an Online-Gottesdienste, mit mitunter großer Reichweite. Oft muss in der Krise schnell reagiert oder neu geplant werden. Das ist anstrengend, eine Herausforderung. Aber es schafft neue Formate und zeigt, dass es möglich ist, erfolgreich andere Wege zu gehen. Wege, das Traditionelle, das seinen Wert nicht verliert, und das Moderne zu verbinden. Viele Jugendliche wurden einbezogen, konnten beispielsweise ihr technisches Wissen einbringen.

Steinke hat – auch vor der Krise – Tagespilgertouren auf den Nordpfaden angeboten. „Das hat eine Eigendynamik entwickelt“, erinnert er sich. Da waren bekannte Menschen dabei und völlig neue Gesichter. Teils von außerhalb des Landkreises. „Das schärft den Blick neu für die Realität“, ist seine Erfahrung. Viele tiefgehende Gespräche hat er geführt, darunter mit Menschen, die schon lange den Kontakt zur Kirche verloren oder noch nie hatten. „Das war für viele eine intensive spirituelle Erfahrung, fast wie ein fünfstündiger Gottesdienst. Daraus habe ich viel mitgenommen.“

Seine Stelle war auf fünf Jahre befristet. Dass sie nun verkürzt wird, ist seine Entscheidung: Steinke wechselt nach Hannover, als Leitender Referent der Missionarischen Dienste ins Haus Kirchlicher Dienste. Es ist kein komplett anderes Aufgabenfeld, aber der Bezugskreis weitet sich auf die gesamte Landeskirche aus, und Steinke ist ab sofort Teil eines Teams. Missionarisch, das sagt er selber, ist oft negativ behaftet. Doch sei es ein bisschen der Weg zurück zum Ursprung: Kirche geht auf den Menschen zu und wartet nicht, bis dieser zu ihm kommt. Jahrhundertelang waren Menschen ganz selbstverständlich Mitglieder der Kirche. So ist es heute nicht mehr. Das Tempo des Wandels habe sich dazu erhöht. „Jede Generation steht neu vor dieser Aufgabe, aber das Tempo ist rasant geworden.“ Nicht nur innerkirchlich, auch gesamtgesellschaftlich sei das eine große Herausforderung.

Wir machen an vielen Stellen gute Sachen, trotzdem erreichen wir nur einen Ausschnitt. Und da bleiben wir, wenn wir nicht neue Kooperationen suchen.

Thomas Steinke

In seiner neuen Aufgabe hatte Steinke viele Gespräche geführt. Es geht auch darum, eine über lange Zeit entstandene „Milieuverengung“ aufzubrechen. Kirche erreicht oft nur bestimmte soziale Schichten. Er hat zunächst mit Hauptamtlichen gesprochen. Sie haben gemeinsam ihre Arbeit reflektiert und hinterfragt; warum machen sie das, was ist ihr Beweggrund für diesen Beruf. „Wir machen an vielen Stellen gute Sachen, trotzdem erreichen wir nur einen Ausschnitt. Und da bleiben wir, wenn wir nicht neue Kooperationen suchen“, merkt Steinke an. „Wir müssen daher bei uns selbst beginnen.“

Steinke setzt Impulse, führt in Reflexionen und Auseinandersetzungen – manchmal mit provokanten Fragen. Zwar gibt es Skeptiker, doch sei ihm viel Offenheit für solche Gespräche begegnet. Es geht um verändertes Weitergehen, um vielfältige Gemeinschaft, nicht nur in der eigenen Gemeinde. Die gibt es im Kirchenkreis Rotenburg schon lange.

Und wie kann Kirche heute, in einer Zeit vieler Austritte, noch begeistern? „Wenn sie Offenheit mitbringt. Wenn sie den anderen sieht und hört. Dass sie auch lernen will und man sich auf Augenhöhe begegnet. Und dass sie ihr Eigenes, den Glauben an Gott, selbstverständlich und authentisch einbringt.“ Das sei besonders in der Pandemie noch einmal deutlich geworden. Die Aufgabe sei, die „Schätze“ der christlichen Tradition zeitgemäß weiterzugeben und zu erkennen, was gebraucht wird.

Eine Aufgabe, die in einer großen Institution wie Kirche länger dauern kann: „Einiges hat seine Zeit vielleicht gehabt. Wir müssen lernen, dass die Zeit mancher Dinge, die lange gut waren, die passten, an manchen Stellen vorbei ist. Dann sollten wir sie beenden und Freiraum für etwas Neues schaffen.“ Deswegen seien Austauschrunden in seiner Arbeit so wichtig – für alle, nicht nur Hauptamtliche. So hat er in Erfahrung gebracht, was die Menschen sich wünschen. „Wir brauchen Innovationsprozesse auf allen Ebenen der Kirche.“

Dabei heiße Innovation nicht, dass immer Altes ersetzt werden müsse, betont der Pastor. „Sondern es geht um Lebendigkeit und Vielfalt: Altes und Neues nebeneinander, mit gleicher Berechtigung.“ Man müsse mehr nach- und überdenken, vielleicht auch die Berufsbilder. Mehr Vielfalt in den Formen, auf allen Ebenen, dafür setzt sich Steinke ein – auch künftig in Hannover dann. „Wir brauchen viele verschiedene Formate, weil auch die Menschen so verschieden sind.“ Und genau das sei auch das Plus von Kirche, ihre Ressource: die Menschen selbst, mit ihren vielfältigen Begabungen. „Und Gott selbst. Unsere Quelle der Kraft, der Orientierung, des Trostes.“

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