Arbeit in der Krise

Kinder- und Jugendhilfe registriert nur wenige Auffälligkeiten

Zur Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe am Rotenburger Bahnhof gehört auch eine Förderschule. Foto: Menker
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Zur Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe am Rotenburger Bahnhof gehört auch eine Förderschule.

Rotenburg - In der Bernhard-Röper-Schule am Rotenburger Bahnhof herrscht an diesem Vormittag relative Ruhe. Nur wenige Kinder aus dem vierten Jahrgang sind zu sehen. Sie flitzen mit Masken vor Mund und Nase über den Flur. Sie und die Schüler aus dem Abschlussjahrgang haben wieder regulären Unterricht. Die anderen sind noch außen vor. Für Montag ist die Rückkehr der Drittklässler in der Förderschule vorgesehen. Der Unterricht findet in kleinen Gruppen statt. Und „es läuft super“, freut sich Schulleiterin Käthe Jans. Das bezieht sie auch auf die Zeit, in der die Schule komplett dicht war. In den Wohngruppen haben die Kollegen für eine schulische Betreuung gesorgt. Unterricht war ja verboten.

Die Heilpädagogische Kinder- und Jugendhilfe muss unter ganz besonderen Bedingungen die Krise meistern. Das gelingt. So stellen es der kaufmännische Vorstand Stefan Jacobsen, der pädagogische Vorstand Rainer Orban sowie die Ökotrophologin Jana Blenkers dar. Der Verein betreut 54 junge Bewohner in sechs Wohngruppen und muss sich immer wieder aufs Neue etwas einfallen lassen, um die viele Zeit bei Berücksichtigung von Abstands- und Hygieneregeln sinnvoll zu füllen und zu nutzen. Orban: „Es klingt fast ein wenig paradox, aber die Corona-Krise sorgt in den Wohngruppen eher für relativ gute Effekte.“ Ohne den großen schulischen Druck habe sich eine spürbare Entspannung entwickelt. Vormittags steht ein Mix aus Betreuung und Schulaufgaben auf dem Programm, die Nachmittage nutzen die Gruppen, um viel zu spielen und auf dem Außengelände zu sein. 

„Wir stellen viele Aktionen auf die Beine, dazu gehören auch kleine Ausflüge. Manchmal sind es Dinge, zu denen wir sonst nur am Wochenende kommen“, beschreibt Rainer Orban das Vorgehen. Käthe Jans spricht von einer gehörigen Portion Engagement. Und Orban weist in diesem Zusammenhang ausdrücklich darauf hin, dass es in dieser Krisenzeit nur wenige Auffälligkeiten bei den Kindern und Jugendlichen gegeben habe. Auch die Eskalationen zwischen Kindern hielten sich sehr in Grenzen. „Sie lernen in einer solchen Zeit, aufeinander aufzupassen – vor allem, wenn es um die Einhaltung der Abstandsregeln geht“, sagt der Psychologe. Dabei behandele man die Wohngruppen eigentlich wie Familien. Daher sei es wichtig, dafür zu sorgen, dass diese Gruppen eben komplett voneinander getrennt bleiben. Und so machten die Kinder und Jugendlichen in dieser Phase besondere gesellschaftliche Lernerfahrungen. „Und diese Erkenntnisse ändern die Sichtweise.“

Eine enorme Herausforderung stelle zurzeit viel mehr die sogenannte Familienschule dar, weil dann auch die Eltern dazukommen. Diese Gruppen teilt das Team daher auf. Deutliche Veränderungen erlebt in diesen Wochen auch Jana Blenkers. Viele ihrer bisher üblichen Projekte liegen derzeit auf Eis. Kochen sowie Ernährungs- und Verbraucherbildung seien nicht möglich. Und auch das Vorhaben, ein internes Kochbuch unter Beteiligung der Mitarbeiter sowie der Kinder zu verfassen, ließe sich momentan nicht weiter fortsetzen. „Das ist echt schade“, sagt Blenkers. Aber die junge Frau hat trotzdem genug zu tun.

Stefan Jacobsen spricht in diesem Zusammenhang von einer glücklichen Fügung, die der Heilpädagogischen Kinder- und Jugendhilfe jetzt zugutekommt. Blenkers ist nicht nur studierte Ökotrophologin, sondern auch ausgebildete Kinderkrankenschwester. Derzeit arbeitet sie berufsbegleitend an ihrem Master in Gesundheitswissenschaft. Das alles sind ideale Voraussetzungen, um sie mit vielen Aufgaben zu betrauen, die bei Auftreten einer solchen Krise dringend zu bewältigen sind.

Jana Blenkers hat sich von Beginn an darum gekümmert, die aufkommenden Fragen und zu erfüllenden Richtlinien sowie die damit verbundene Organisation innerhalb der Kinder- und Jugendhilfe zu bündeln und zu kanalisieren. „Hygiene war dabei nicht so sehr das Problem, weil sie ohnehin eine große Rolle bei uns spielt“, sagt sie. Es gehe vielmehr um Aufklärung, Kommunikation, eine Einordnung, Sensibilisierung und auch um eine Beruhigung. Dabei hat sie auch die Familien der Kinder und Jugendlichen zu berücksichtigen, die sich nicht nur Sorgen machen, sondern genauso auf Hilfe und Erklärungen angewiesen sind. Schreiben an sie seien herausgegangen, ein Film sollte ihnen weiterhelfen. „Manche Familien haben die Kinder nach Hause geholt – sie sind aber inzwischen alle wieder hier bei uns“, berichtet Orban.

Es gibt also viel, was die Mitarbeiter der Kinder- und Jugendhilfe vor allem in diesen Tagen im Blick haben müssen. Aber immerhin ist die Arbeit komplett als systemrelevant einzustufen, und von daher muss sich Stefan Jacobsen als Herr der Zahlen keine Sorgen über die Existenzsicherung dieser Einrichtung machen.

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