Der Kidstime-Workshop hilft Kindern und Eltern, wenn diese psychisch krank sind

Der Filter ist kaputt

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Dr. Heinrich Hahn (v.l.), Sandra Schmidt, Klaus Henner Spierling und Daniela Wolter stellen das Projekt Kidstime vor.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Dana S.* geht es manchmal nicht gut: Der vierjährige Sohn quengelt, ihr Mann ist auch schlecht drauf, und Tochter Lena* redet unentwegt. Bis vor wenigen Monaten wäre es Dana S. in dieser Situation schwer gefallen, Lena zu erklären, wieso sie überfordert ist, denn die 34-Jährige ist psychisch krank. Geholfen hat ihr der Kidstime-Workshop, erzählt sie.

Rund drei Millionen Kinder in Deutschland sind von der psychischen Erkrankung mindestens eines Elternteils betroffen. Rechnet man das auf den Landkreis Rotenburg herunter, sind es etwa 5000 Kinder. Für diese Familien ist der Kidstime-Workshop in den 1990er Jahren in London entstanden, berichtet Klaus Henner Spierling. Der Psychologe ist im Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) am Agaplesion Diakonieklinikum in Rotenburg tätig und hauptverantwortlich für das Kidstime-Projekt, das es in Rotenburg seit etwa einem Jahr gibt. „Die Besonderheit ist der multifamilientherapeutische Ansatz“, sagt Spierling. Das heißt: Es soll sowohl Eltern als auch den Kindern helfen.

An jedem letzten Freitag im Monat treffen sich die Familien um 16 Uhr im Tine-Albers-Haus. Zunächst geht es in großer Runde los, bevor die Kinder ab zwei Jahren und ihre Eltern in getrennten Gruppen weitermachen. Das Projekt bringt eine Kooperation von verschiedenen Fachleuten mit sich, zum Beispiel Psychologen, Ergotherapeuten, Kunsttherapeuten und Physiotherapeuten. „Sie treten aber nicht als Fachleute in Erscheinung, sondern als stabile Ansprechpartner“, erklärt Spierling das Prinzip. Sie sollen besser über Probleme sprechen können.

Mit den Eltern werde vor allem über Gespräche gearbeitet, zu unterschiedlichen Themen, immer stehen die Kinder im Fokus. Beim Nachwuchs gehen die Therapeuten spielerisch an die Sache. „Wir arbeiten häufig mit Sketchen oder produzieren kurze Filme“, so Spierling. Das jeweilige Thema werde in einer Vorübung erarbeitet.

Eine Teilnehmerin der ersten Stunde ist Karin P.*. „Seit 2009 war ich immer wieder wegen der psychischen Probleme im Krankenhaus“, berichtet sie. Eine Belastung – auch für ihre zwei pubertierenden Söhne. Besonders der Ältere habe die Probleme „in sich hinein gefressen“. Ihm und seinem Bruder habe eine Plattform gefehlt: „Das ist nichts, worüber man sich auf dem Schulhof unterhält“, erzählt die 52-Jährige.

Karin P. bereut nicht, den Schritt zum Kidstime-Workshop gemacht zu haben: „Es ist ein Termin, auf den man sich freut.“ Und es zeigt Wirkung: Seit 2015 sei sie nicht mehr im Krankenhaus gewesen. Durch das Angebot habe sie außerdem weitere Betroffene kennengelernt. „Ich bin aus der sozialen Isolation herausgekommen.“

Eine weitere Besonderheit: Es sei kein Antrag nötig, auch die Krankenkasse spiele keine Rolle, so die Initiatoren. Die Teilnahme würde in keiner Krankenakte erfasst, es gebe keine Diagnose. Denn darum gehe es auch nicht. „Diese Kinder sind nicht krank, sie brauchen keine Therapie“, erläutert Spierling. Wenngleich Kinder, deren Eltern erkrankt sind, ein erhöhtes Risiko tragen, selbst solche Probleme zu entwickeln.

Finanziert wird es zum einen von der Robert-Enke-Stiftung, zum anderen vom Jugendamt des Landkreises Rotenburg. Die Wahl sei auf das Kidstime-Projekt gefallen, weil es offen für Eltern und Kindern ist, berichtet Sandra Schmidt, die beim Jugendamt für die Frühen Hilfen für Kinder im Alter von null bis sechs Jahren zuständig ist, „es ist eine Tür, die immer offen steht“. Das Projekt laufe so gut, dass überlegt werde, wie es sich in die Fläche des Landkreises übertragen lässt – derzeit gibt es das nur in Rotenburg. „Die Familien empfehlen sich den Workshop inzwischen untereinander weiter“, sagt Dr. Heinrich Hahn, Leiter des SPZ. Kamen zu Anfang noch drei Familien, sind es inzwischen fünf bis zehn.

Wenn Dana S. wieder überfordert ist, weil zu viel auf sie einprasselt, kann sie das auch Lena erklären: „Ich sage ihr dann: Mein Filter ist kaputt.“ Ein Bild, das in dem Workshop entstanden ist. Der Filter helfe dem Gehirn, alles aufzunehmen, zu begreifen. Wenn der kaputt ist, gehe das nicht. Diese Brücke hilft nicht nur Dana, es entlastet auch Lena, die vorher viel Verantwortung übernehmen wollte, die ihr nicht gut tat. Und Lena macht der Workshop nicht nur Spaß, sie hat auch viel gelernt: „Ich weiß jetzt, wie sich die Krankheit auswirkt.“

*Namen Redaktion geändert. Die Anmeldung zu dem Workshop ist per E-Mail an kidstime@diako-online.de möglich.

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