Karina Meyer und Ingo Grotheer entdecken Asien mit der Transsibirischen Eisenbahn

Keine touristische Blase

Ingo Grotheer: Mit der Transsibirischen Eisenbahn von Moskau nach Peking – ein Traum wurde wahr. - Foto: Bonath

Rotenburg - Von Wieland Bonath. Ein Traum wurde Wirklichkeit: Mit der Transsibirischen Eisenbahn, der längsten durchgehenden Zugverbindung der Welt, von Moskau nach Peking – rund 7 500 Kilometer durch das Riesenreich Russland. Unvergessliche Begegnungen mit liebenswürdigen, freundlichen, skurrilen, ernsten und lustigen Menschen. Mit Freundschaften, die diese drei Wochen überdauern werden und Bildern einmaliger Landschaften, die sich als bleibende Erinnerung eingeprägt haben. Wir sitzen in Rotenburg mit Ingo Grotheer zusammen, der Stationen dieser Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn in einem begeisterten Bericht vorüberziehen lässt.

Der 43-jährige Grotheer, in Bremerhaven geboren, war elf Jahre lang in der Rotenburger Lent-Kaserne bei der Elektronischen Kampfführung des Fernmelderegiments 320 tätig – seine sehr guten Russisch-Kenntnisse waren quasi der Schlüssel für die Reise durch Europa und weite Teile Asiens. Der Kontakt, das Gespräch mit den Menschen gehörten zum Kern des dreiwöchigen Urlaubs auf den insgesamt 9 288 Kilometer langen Gleisen, die in Nordkorea enden.

Ingo Grotheer ist inzwischen Oberleutnant und Ausbilder an der Schule für strategische Aufklärung in Flensburg. Geblieben ist seine Vorliebe für die Wümmestadt Rotenburg, genau wie bei seiner Freundin Karina Meyer (41), die in der Lent-Kaserne Dienst als Sanitäterin tat und jetzt als Sozialarbeiterin in Potsdam arbeitet. Sie hatte die Idee zu der Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn, sie hatte sich vorgenommen, „die Welt zu bereisen“.

Am 27. August bestiegen die beiden ein wenig aufgeregt, mit vielen Erwartungen und mit noch mehr Gepäck in Hamburg eine Maschine der Aeroflot nach Moskau. Die bei einem Bremer Reiseunternehmen als Individualreise gebuchte dreiwöchige Urlaubsreise verlief organisatorisch „wie am Schnürchen“. Grotheer erinnert sich: „Die Russen begegneten uns sehr aufgeschlossen und freundlich. Vielleicht spielte dabei auch eine Rolle, dass ich relativ gut Russisch spreche. Und das, obwohl meine letzte Prüfung immerhin schon 20 Jahre zurückliegt.“

Im März 1891 gab Zar Alexander III. den Baubeginn für die Transsibirische Eisenbahn bekannt, Zarewitsch Nikolai tat in der Nähe von Wladiwostok am Japanischen Meer den ersten Spatenstich für die „unendlich“ lange Strecke, die Russland und den Fernen Osten an das Handelsnetz anbinden sollte. Bis zu 90 000 Arbeiter waren an den verschiedenen Streckenabschnitten gleichzeitig an dem Bau eingesetzt. Zehntausende kamen bei den Arbeiten ums Leben.

Am Sonntag, 28. August um 22.35 Uhr, bestiegen Ingo Grotheer und seine Freundin Karina Meyer nach zweitägigem Moskau-Aufenthalt im Jaroslawer Bahnhof einen der 15 Waggons der inzwischen voll elektrifizierten Transsibirischen Eisenbahn. Die technische Vergangenheit mit ihren liebenswürdigen Schnörkeln sind in dem Zug überall präsent. Es gibt zwei Klassen: Die Transsibirische Eisenbahn als „normales“ Transportmittel. Hier sitzen die Russen mit „ihren Hühnern“ und dem Reisegepäck, und dann die Luxuswaggons, das „Zarengold“-Hotel. Karina und Ingo hatten sich für die einfache Version entschieden. Grotheer: „Wir wollten das richtige Russland kennenlernen und nicht in einer touristischen Blase sitzen.“ 2. Klasse, neun Abteile, zu je vier Betten, quer zur Fahrtrichtung. Ingo Grotheer: „Wir hätten auch das ganze Abteil buchen können, nur wäre es dann 500 Euro pro Person teurer gewesen.“ Immerhin: Die drei Wochen mit der Transsibirischen kosteten für jeden einschließlich der Visaanträge, Flüge, Führungen und Teilverpflegung 3 200 Euro. Was die Hygiene betreffe, so Grotheer: „Hier hätte sich die Deutsche Bahn vor ein paar Jahren noch eine Scheibe abschneiden können.“ Sicher, alles sei „ein wenig rustikal“, und auf den Bahnhöfen werde das WC abgeschlossen. Was die Sicherheit betreffe, ergänzt der 43-Jährige: „In Deutschland habe ich oft mehr Angst um meine Habseligkeiten als dort im Zug“.

89 Städte werden von der Transsibirischen Eisenbahn passiert. Immer wieder werden nach unterschiedlich langen Etappen Stopps eingelegt, für ein oder zwei Nächte bei Gastgebern. Gemeinsam verbringen die beiden unvergessliche Stunden mit russischen Familien. Zum Beispiel in der Nähe der Millionenstadt Perm, nicht weit vom Ural der Grenze zwischen Europa und Asien. Ingo Grotheer erinnert sich daran besonders gern, die Gastgeber, die Stadt, umgeben von einem großen Salzabbaugebiet. Als es dann nach zwei Nächten weitergegangen sei, erzählt Grotheer, habe er immer wieder aus dem Fenster geschaut, um den Obelisk zu entdecken, der die Grenze zwischen Europa und Asien markiert. Vergeblich: „Ich habe den berühmten Stein offensichtlich übersehen.“ Keine Städte, kleine Dörfer, die weite Taiga, vorherrschende Baumart sind Birken, jenseits der Siedlungen wird die Welt immer stiller.

Karina Meyer und Ingo Grotheer lernen zwei österreichische Studenten kennen. Es kommt zu interessanten Gesprächen. Mit Freuden und Verwandten in Deutschland wird immer wieder Verbindung aufgenommen: „Je weiter wir in die Provinz kamen“, erinnert sich Grotheer, „desto besser wurde der Handyempfang. Besser als vielfach in Deutschland.“

Er fährt fort: „Der Aufenthalt in dem sibirischen Dorf Birjusa war eines meiner persönlichen Highlights. Hier haben wir eine Nacht bei einer sehr herzlichen Gastfamilie verbracht und mit denen einen Bootsausflug auf dem Fluss Birjusa unternommen. Mich hat die Einfachheit des Lebens dort begeistert.“

Rund 2 000 Fotos hat der 43-Jährige bei der langen Fahrt mit der Transsibirischen Eisenbahn aufgenommen – von den Menschen, den Städten, den Dörfern, der Landschaft, von zahlreichen Baukunstwerken und Zebrastreifen, die dort angelegt worden waren, wo es so gut wie keinen Straßenverkehr gibt...

Die Transsibirische Eisenbahn überquert 16 große Flüsse – von der Wolga bis zum Ussuri, verläuft über 200 Kilometer entlang des Baikalsees, des ältesten und tiefsten Süßwassersees der Erde. Weiter geht es mit der Transmongolischen Eisenbahn. Die Kamera, die Ingo Grotheer im Zug hat liegen lassen, taucht in Ulan-Ude wieder auf. Die vielen Fotos sind gerettet!

Von der Hauptstadt Ulan-Bator fliegen die beiden nach Peking. Die Verbotene Stadt, die Chinesische Mauer, Smog in der Stadt, die Chinesische Ente als kulinarisches Muss, Seepferdchen und Kakerlaken als Spezialitäten gemieden – dafür lieber in den Sommerpalast der chinesischen Kaiser. Grotheer: „Es war eine einmalige und unvergessliche Reise. Ich freue mich auf eine Fortsetzung – die Welt ist ja so groß und schön.“

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