Sorgevolle Entwicklung

Keine Corona-Pause für Krebs: Chefarzt erinnert an wichtige Untersuchungen

Besorgt zeigt sich Chefarzt Oleg Heizmann angesichts der sinkenden Zahl an Patienten, die mit Symptomen zu Untersuchungen gehen.
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Besorgt zeigt sich Chefarzt Oleg Heizmann angesichts der sinkenden Zahl an Patienten, die mit Symptomen zu Untersuchungen gehen.

Rotenburg – „Krebs macht keine Corona-Pause, Krebs geht nicht in den Lockdown.“ Oleg Heizmann, Chefarzt der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Thoraxchirurgie am Diakonieklinikum Rotenburg beobachtet die Entwicklung der vergangenen Monate mit Sorge. Er zeigt sich im Gespräch in seinem Büro ein wenig ratlos, denn deutlich weniger Menschen als noch vor Beginn der Pandemie gehen zu wichtigen Untersuchungen oder holen sich ärztlichen Rat, wenn sie den Verdacht hegen, das etwas nicht stimmen könnte – trotz mehrfacher Verkündung, dass Normalbetrieb herrscht, wird es nicht besser. „Wenn sie zu spät behandelt werden, sind ihre Heilungschancen deutlich schlechter.“

Dabei muss eine Krebserkrankung nicht tödlich enden, betont er. „Schon gar nicht heutzutage.“ Es gibt viel Bewegung in den Behandlungsmethoden, fast 80 Prozent aller Magen-, Darm- und Speiseröhrenkrebserkrankungen könnten beispielsweise mit der „Schlüssellochtechnik“ behandelt werden – das bedeutet weniger Zeit im Krankenhaus, es ist schonender für den Körper. „Auch eine Chemotherapie ist deutlich verträglicher“, sagt der Chefarzt, der die besten Ergebnisse seiner Erfahrung nach mit einer Kombination aus chirurgischem Eingriff und medikamentöser Behandlung erzielt. Doch wer gar nicht erst kommt trotz Beschwerden, der bekommt eben diese Behandlung nicht – die oft nicht nur Lebenszeit, sondern auch Lebensqualität verschafft.

Viele kommen mit ihren Beschwerden erst, wenn es zu spät ist. Die Erfahrung der vergangenen Monate zeigt: Die Patienten kommen erst in einem weit fortgeschritteneren Stadium, als die Ärzte das bisher kannten – entsprechend sind ihre Heilungschancen deutlich schlechter. Nach Berechnungen der Helios-Gruppe gibt es zehn bis 20 Prozent weniger stationäre Krebs-Behandlungen. Etwa jeder Fünfte, der an Krebs erkrankt ist, erhält keine Behandlung, weiß Heizmann. „Das ist dramatisch, denn Krebs arbeitet gegen uns, die ganze Zeit.“

Dabei gibt es viele Symptome, zum Beispiel für Magen- oder Speiseröhrenkrebs, die zumindest einen Check-Up beim Hausarzt sinnvoll machen: Anhaltende Appetitlosigkeit, Schluckbeschwerden, Blut im Stuhl oder selbiger schwarz verfärbt, ungewollter Gewichtsverlust, auch Blutarmut und dadurch Leistungsabfall. Das können, aber müssen natürlich keine Anzeichen sein. „Aber viele nehmen das nicht mehr so ernst.“ Sie schieben es vielleicht auf Stress oder einfach Erschöpfung. Als ein Beispiel nennt Heizmann Patienten mit Sodbrennen – das kann, bei nicht erfolgter Behandlung, die Speiseröhre schädigen und im schlimmsten Fall Krebs verursachen. „Man sollte zum Hausarzt gehen. Dann folgen zügig entsprechende Untersuchungen wie eine Spiegelung oder Probenentnahme.“ Und eine frühzeitige Behandlung schenkt wieder Lebensqualität, die deutlich leidet, je länger ein Mensch mit Symptomen zögert.

Das ist dramatisch, denn Krebs arbeitet gegen uns, die ganze Zeit.

Oleg Heizmann

Alleine bei Speiseröhrenkrebs gibt es in Deutschland etwa 7 000 Neuerkrankungen pro Jahr, dabei sind Männer drei- bis viermal häufiger betroffen als Frauen – die gehen aber auch deutlich häufiger zu (Vorsorge-)Untersuchungen. Dennoch: „Frauen holen auf“, sagt Heizmann. Einen Grund, warum Männer häufiger betroffen sind, sieht Heizmann im Lebensstil. Harter Alkohol oder rauchen können beispielsweise eine Speiseröhrenkrebserkrankung begünstigen. „Jedes Mal, wenn man einen Schnaps trinkt, gibt es eine kleine Verätzung in der Speiseröhre. Hin und wieder ist das kein Problem, regelmäßig schädigt es die Speiseröhre.“ Auch Übergewicht kann ein Problem sein und viele Krebsarten begünstigen.

Der Mediziner vermutet als einen Grund hinter dem Zögern die eingeschränkte Früherkennung zu Beginn der Pandemie. Die läuft seit 15 Monaten wieder ganz normal, aber eben noch nicht auf Hochtouren, weil viele Patienten abwarten – keine gute Idee, so der Chefarzt. „Wir mussten bisher keine einzige Krebs-Operation verschieben“, betont er. Auch Angst vor einer Ansteckung kann er nicht verstehen, die sei im Krankenhaus extrem gering.

Meist sind die Erkrankten zum Zeitpunkt der Diagnose Ende 60 und älter, doch gibt es auch nicht wenige wesentlich jüngere Fälle. Im Gegensatz zu zum Beispiel Darmkrebs gibt es für Magen- und Speiseröhrenkrebs keine regelmäßigen Vorsorgeuntersuchungen. Prävention kann daher ein wichtiges Werkzeug sein, vor allem, wenn Krebserkrankungen in der Familie häufig vorkommen. Dann sollte man individuell Risiken besprechen, zum Beispiel mit dem Hausarzt, rät Heizmann. „Krebs wird nicht vererbt, wohl aber die Neigung, diesen zu entwickeln.“

Deswegen sollte man auf sein Gefühl und seinen Körper hören und zum Arzt gehen, wenn etwas nicht in Ordnung ist, betont der Chefarzt. „Man sollte nicht panisch werden, aber wenn etwas anhält, sollte man dem nachgehen. Aber es gibt auch viele, die Angst haben, zum Arzt zu gehen. Angst vor der Diagnose. Aber alles, was man in frühen Stadien erkennt, hat deutlich bessere Heilungschancen.“

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