Energiekonzern „ExxonMobil“ legt Ergebnisse eigener Untersuchungen vor

„Kein Krebs durch Erdgas“

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Seit über 18 Jahren arbeitet Exxon unfallfrei – so ist es jedenfalls am Zentralbetrieb in Bellen zu lesen.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Seit dem 11. September 2014 ist bekannt, dass es im Landkreis Rotenburg erhöhte Krebszahlen vor allem bei älteren Männern gibt. Erst Bothel, dann Rotenburg, insbesondere Leukämien und Multiple Myelome. Die behördlichen Untersuchungen zur Ursache laufen noch, die frühzeitig von Kritikern als Verursacher ausgemachte Erdgasindustrie hielt sich mit Äußerungen zurück. Bis jetzt.

Der im Landkreis maßgebliche Produzent „ExxonMobil“ sagt nun: „Wir schließen aus, dass die beschriebenen Auffälligkeiten auf unsere Erdgasförderung zurückzuführen sind.“ Harald Kassner ist sich seiner Sache sicher. Über viele Monate hat der Chemiker und wissenschaftliche Berater der Exxon-Geschäftsführung mit seinem Team nach eigenen Angaben Literaturstudien zu Krebsursachen vorgenommen und mit Experten an Instituten und Kliniken gesprochen. Dazu wurden Erkenntnisse zur Exxon-Mitarbeiterschaft und Statistiken ausgewertet. Sein Fazit: „Es erschließt sich kein Zusammenhang zwischen Erdgasförderung und den Krebsfällen.“ Das ließe sich an verschiedenen Faktoren erkennen.

Punkt eins: das Gift. „Benzol ist der einzige Krebs erregende Stoff im Erdgas“, sagt Kassner. Natürlich gebe es noch andere giftige und gefährliche anfallende Stoffe, aber nur Benzol löse Krebs aus. Und zwar vor allem Leukämien. Das maßgeblich auffällige Multiple Myelom werde weniger häufig mit Benzol in Verbindung gebracht, so der Exxon-Chemiker.

Punkt zwei: die Krebs-Zahlen. Aus den Statistiken ergäben sich auch für Gebiete, in denen gar kein Erdgas gefördert werde, ähnlich hohe Werte. Ebenso gebe es Förderregionen ohne Auffälligkeiten. Das Signal sei laut Kassner: „Die Anzahl der Erkrankungen ist nicht untypisch für unsere Region.“

Und Punkt drei: Die eigene Mitarbeiterschaft ist nicht betroffen. Seit 1995 hätten betriebsärztliche Untersuchungen im Bereich der Erdgasfelder Völkersen/Söhlingen keine Auffälligkeiten ergeben. Kassner: „Unsere Mitarbeiter sind seit Anfang der 80er-Jahre, seitdem wir hier tätig sind, nicht von Leukämien oder Multiplen Myelomen betroffen.“ Auch von der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie gibt es keine Meldung von Multiplen Myelomen als Berufskrankheit. Und das liege unter Garantie nicht daran, dass die Exxon-Mitarbeiter besser geschützt würden als die Bevölkerung: „Vor 20 Jahren waren die Schutzmaßnahmen längst nicht so weit.“

Exxon-Sprecherin Ritva Westendorf-Lahouse und Chemiker Harald Kassner

Um die eigenen Erkenntnisse zu untermauern, will Exxon bei Bedarf dem federführenden Rotenburger Gesundheitsamt für die laufenden Untersuchungen sämtliche Mitarbeiterdaten zur Verfügung stellen. „Wir versuchen, diesem Bauchgefühl der Leute draußen über Aufklärung und Transparenz zu begegnen. Und da müssen wir noch mehr tun“, sagt Konzernsprecherin Sprecherin Ritva Westendorf-Lahouse. Aus ihrer Sicht sei man bislang zu Unrecht an den Pranger gestellt worden. Kassner: „Hätten wir Zweifel, würden wir den Betrieb schließen.“ Andererseits sei es „völlig verständlich, dass nach Verantwortlichen gesucht wird“. Wo die Ursache für die erhöhten Krebszahlen sonst liegen könnten, darüber will Exxon auch aus Rücksicht vor den Erkrankten nicht spekulieren. Westendorf-Lahouse: „Das wäre unseriös.“ Risikofaktoren, die die Krankheit begünstigten, gebe es aber viele – zum Beispiel durch Chemikalien in der Land- oder Forstwirtschaft, im Gartenbau, bei Reinigungsdiensten oder genetisch bedingt.

Für den Rotenburger Umweltmediziner Paul-Matthias Bantz sind die Exxon-Argumente nicht überzeugend. Er war in den 1990er-Jahren selbst kurzzeitig Betriebsarzt bei Exxon und glaubt nicht daran, dass das Unternehmen alle Erkrankungen eigener Mitarbeiter registrieren könne. Mit mehr als 200 anderen Kollegen aus Rotenburg hatte der heutige Betriebsarzt des Diakonieklinikums eine Unterschriftenaktion zur Aufklärung der Krebszahlen initiiert. Dass man nun deutlich weiter sei: „Nicht korrekt.“

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