Kritik an Tiemann-Umzug und Wohngebiet am Kleekamp in Rotenburg

Kein Interesse an direkter Nachbarschaft

Noch wächst der Mais auf der Fläche neben dem Riekenberg-Gelände entlang der Verdener Straße (B 215). Bald aber soll hier ein „Urbanes Gebiet“ mit Gewerbe- und Wohnflächen entstehen.
+
Noch wächst der Mais auf der Fläche neben dem Riekenberg-Gelände entlang der Verdener Straße (B 215). Bald aber soll hier ein „Urbanes Gebiet“ mit Gewerbe- und Wohnflächen entstehen.

Die Firma Tiemann Landtechnik will umziehen – doch die Pläne, die die Stadt Rotenburg dafür und für ein erweitertes Wohngebiet vorgelegt hat, ernten in der möglichen Nachbarschaft Kritik: zu viele Häuser auf engem Raum, zu viel Lärm und Verkehr. Die Stadt sieht das anders.

Rotenburg – Mal ganz grundsätzlich: Die Möglichkeiten der Stadt Rotenburg, noch innerhalb ihrer Grenzen zu wachsen, sind überschaubar. Die Nachfrage nach Bauland ist riesig, die Flächen sind rar. Drei Bundesstraßen kreuzen das Stadtgebiet, es gibt Naturschutzgebiete entlang der Rodau/Wiedau und Wümme, die Außenbereiche sind vielerorts sehr moorig, zudem trennt die Bahn bestimmte Bereiche von der Entwicklung ab.

Also muss vor allem nach Baulücken und kreativen Möglichkeiten gesucht werden, vorhandene Gebiete weiter zu entwickeln oder dort Möglichkeiten für Gewerbe und Wohnen zu schaffen, wo es bislang nicht möglich schien. Das soll nun schon bald in der Verlängerung westlich des Kleekamps an der Bundesstraße 215 passieren. Eine Fläche von rund sechs Hektar zwischen dem vorhandenen Wohngebiet sowie der alten Lungenklinik und Kläranlage soll entwickelt werden – was in der betroffenen Nachbarschaft allerdings für Unmut sorgt.

Entwässerung in Graben nicht zulässig

Der Ton am Dienstagabend im Ausschuss für Planung und Hochbau wurde beim Tagesordnungspunkt sechs bisweilen etwas ruppig. Einige Bürger hatten die Sitzungsunterbrechung genutzt und ihre Bedenken gegen den Bebauungsplan 123 geäußert. Wörter wie „asozial“ und „Karnickelställe“ fielen. Doch worum geht es eigentlich? Zunächst einmal um einen Graben. Der verläuft zwischen der Firma Tiemann Landtechnik und den Berufsbildenden Schulen (BBS) ein paar hundert Meter weiter stadteinwärts von der Fläche, um die es jetzt geht. Der Landkreis baut einen neuen Busbahnhof für die Schule, und in diesem Zuge war bei Vermessungsarbeiten aufgefallen, dass das benachbarte Unternehmen nicht vorschriftsmäßig entwässert – sondern über ein Rohr auch in den Graben. Nach heutigem Recht ist das nicht erlaubt, so Stadtplaner Clemens Bumann. Tiemann, seit den 1930er-Jahren in Rotenburg ansässig, müsste das Grundstück nun aufwendig umbauen – zu teuer. Die Aufsichtsbehörde fordert aber eine Lösung.

Da nun die Stadt „ein erhebliches wirtschaftliches Interesse, den Betrieb in Rotenburg zu halten“, hat, wie es Bürgermeister Andreas Weber (SPD) in den Unterlagen formulieren lässt, kam die Verlagerung der Betriebsfläche ins Gespräch. Tiemann möchte, da die Amtsbrücke über die Wümme für die großen Landmaschinen quasi eine Barriere in diese Richtung darstellt und man in Sittensen eine weitere Filiale betreibe, in diesem Bereich der Stadt bleiben, sagt Bumann. Und so geriet die Fläche westlich des Kleekamps ins Blickfeld, die lange Zeit als nicht entwickelbar wegen zahlreicher naturschutzrechtlicher Bestimmungen und der Begrenzungen durch Klärwerk und Bundesstraße galt.

Tiemann muss den alten Standort neben den BBS aufgeben.

Die Lösung nennt sich im Planungsrecht „Urbanes Gebiet“, das ein Nebeneinander von Wohnen und Gewerbenutzungen, die als „nicht störend“ klassifiziert werden, zulässt. 1,4 Hektar Gewerbefläche würde der Landmaschinenbetrieb nutzen wollen, 1,6 Hektar sind weiteres Potenzialgebiet für „nicht störendes Gewerbe“ ähnlich dem benachbarten Autohaus Riekenberg oder Schreiber Haustechnik. Der Rest der noch nicht erschlossenen Fläche, bislang Acker und Wald, würde Wohngebiet werden – aber mit gewissen Einschränkungen.

Stadtplaner Bumann hat insbesondere mit einem ersten Entwurf für die Wohnflächen den Frust der kommenden Nachbarn erzeugt. Denn dieser sieht auf rund zwei Hektar vor allem Reihen- und einige zusätzliche Doppelhäuser vor – für die Kritiker eine „sehr hohe Konzentration von Wohnungen“ oder gar ein „Reihenhaus-Getto mit sozialen Problemen“. Das, was entstehen soll, seien „Karnickelställe“. Der Stadtplaner sieht das deutlich anders. Zwar seien die Pläne nur eine erste Möglichkeit und noch längst nicht beschlossen, wie das neue Wohngebiet aussehen könnte, aber das, was entworfen wurde, sei „eine verträgliche Planung“ und vor allem dem Bedarf in der Stadt angemessen. Mehr als 500 Menschen stünden auf der Interessensliste für Bauflächen in der Kreisstadt, sicherlich könne man so auch einige bedienen. Gerade jüngeren Menschen müsse man auch die Möglichkeit geben, sich Eigentum zu schaffen. Bürgermeister Weber: „Es kann in Rotenburg kein Einfamilienhaus mehr geben mit 1 5 00 Quadratmeter Garten drumrum.“ Als durchaus hilfreich und konstruktiv nahm die Verwaltung dagegen die Bedenken zur verkehrlichen Anbindung über den Kleekamp entgegen. Es sei auch eine Zufahrt in den hinteren Wohnbereich über die neue Linksabbiegerspur von der Bundesstraße auf der Seite der Lungenklinik möglich, hieß es. Zudem würden erst im weiteren Verfahren Details zu Lärmschutzwällen und der genauen Gestaltung von Wohn- und Parkflächen erarbeitet. Der Ausschuss hat für die Pläne jedenfalls einstimmig grünes Licht zur ersten Auslegung gegeben – es folgt die Zeit für mögliche formale Einsprüche.

Platz für weiteren Wohnraum

Und auf dem noch aktuellen Tiemann-Gelände? Sicherlich hätte auf Basis der jetzigen Situation der große Streit um den Neubau des BBS-Lehrerparkplatzes an der Castorstraße vermieden werden können. Aber dort rollen bereits die Bagger. Das Unternehmensgrundstück in bester Stadtlage dürfte nach dem Umzug ideal für Wohnbebauung sein. Investoren, so Bumann, würden da sicherlich etwas entwickeln, was die Stadt dann positiv begleite. Zwei- oder dreigeschossige Mehrfamilienhäuser parallel zur Entwicklung des Kalandshof-Quartiers auf der gegenüberliegenden Seite seien denkbar. Und der Landkreis sucht für die BBS nach Erweiterungsmöglichkeiten.

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Dampftag im Kreismuseum

Dampftag im Kreismuseum

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Sauberhafte Zeiten: Vorwerk-Aktionssets mit gratis Extra sichern

Was Hobbyköche über die Schwarzwurzel wissen sollten

Was Hobbyköche über die Schwarzwurzel wissen sollten

Bin ich gegen Corona immun? Jetzt mit dem Corona-Antikörper-Selbsttest herausfinden

Bin ich gegen Corona immun? Jetzt mit dem Corona-Antikörper-Selbsttest herausfinden

Meistgelesene Artikel

Mit dem 22-Tonnen-Maishäcksler auf dem Acker unterwegs

Mit dem 22-Tonnen-Maishäcksler auf dem Acker unterwegs

Mit dem 22-Tonnen-Maishäcksler auf dem Acker unterwegs
Bürgermeister Andreas Weber geht in den Ruhestand

Bürgermeister Andreas Weber geht in den Ruhestand

Bürgermeister Andreas Weber geht in den Ruhestand
Flüchtlinge bauen Sitzmöbel: Neue Bänke für Nordpfade

Flüchtlinge bauen Sitzmöbel: Neue Bänke für Nordpfade

Flüchtlinge bauen Sitzmöbel: Neue Bänke für Nordpfade
Jürgen Borngräber aus Lauenbrück verlässt nach 48 Jahren die politische Bühne

Jürgen Borngräber aus Lauenbrück verlässt nach 48 Jahren die politische Bühne

Jürgen Borngräber aus Lauenbrück verlässt nach 48 Jahren die politische Bühne

Kommentare