Bundestagskandidaten im Gespräch

Kathrin Rösel (CDU) interviewt Lars Klingbeil (SPD)

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Abgeordnete im Gespräch: Kathrin Rösel fragt, Lars Klingbeil antwortet.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Beide schon Bundestagsabgeordnete, beide mit den größten Chancen der insgesamt sieben Kandidaten, das Direktmandat im Wahlkreis Rotenburg I / Heidekreis bei der Bundestagswahl am 24. September zu erringen: Kathrin Rösel (CDU) und Lars Klingbeil (SPD) sitzen sich im Pressehaus der Rotenburger Kreiszeitung gegenüber. Es ist ihr Interview, der Journalist bleibt außen vor.

Aber er achtet darauf, dass die Regeln eingehalten werden: Zehn Fragen darf jeder dem anderen stellen, nachfragen ist erlaubt. „Ladies first“, sagt Lars zu Kathrin. Man duzt sich. Die CDU-Kandidatin aus Rotenburg stellt die ersten Fragen – im zweiten Teil wird das Spiel hier umgedreht.

Kathrin Rösel: In einem Interview hast du mal gesagt, du würdest mit Reinhard Grindel niemals ein Fußballspiel schauen. Welches Fußballspiel würdest du mit mir schauen?
Lars Klingbeil: Bayern gegen Wolfsburg. Mit dir würde ich mir wirklich ein Spiel angucken, weil ich es sehr angenehm finde, wie wir beide miteinander umgehen und arbeiten. Natürlich haben wir das gleiche Interesse, und es kann nur einer den Wahlkreis gewinnen, aber trotzdem ist es ein ganz anderer Umgang. Es ist kein Geheimnis, dass es zwischen Grindel und mir sehr konfrontativ war. Das ist jetzt angenehmer und sinnvoller für die Region, weil wir für die gemeinsam an einem Strang ziehen.

Rösel: Ich habe einen erwachsenen Sohn. Wie sieht es mit deiner Familienplanung aus?
Klingbeil: Keine Kinder. Ich habe lange in einer Beziehung gelebt, in der es einen Jungen gab, der jetzt 18 Jahre alt ist. Mal gucken, was noch kommt.

Rösel: Was findest du an Angela Merkel am besten?
Klingbeil: Ich durfte sie 2010 nach China begleiten und habe sie von Nahem erlebt in diesen drei Tagen. Ich fand es erstaunlich, dass sie einen sehr ausgezeichneten Humor hat. Das war mir vorher nicht bewusst. Und ich habe großen Respekt davor, wenn sich jemand als Frau durchsetzt in der Union. Das ist vermutlich in allen Parteien eine große Herausforderung.

Rösel: Was hältst du von der Roten Flora in Hamburg?
Klingbeil: Ich kenne die Rote Flora nur aus den Medien und bin dafür, dass man der extremen Szene, die in Hamburg den G-20-Gipfel gestört hat und auf brutale Weise auch gegen Polizisten und die Bevölkerung vorgegangen ist, entgegen tritt. Und dass man dafür sorgt, dass die Täter da rausgezogen werden. Es hat erste Verurteilungen gegeben, das ist der richtige Schritt. Wer vorgeht gegen den Staat, ob rechts oder links, muss bestraft werden. Und wenn es deutliche Hinweise gibt, dass so etwas aus der Roten Flora heraus organisiert wurde, dann muss solch ein Zentrum auch geschlossen werden.

Rösel: Du bist für die Legalisierung von Cannabis. Wie willst du verhindern, dass der Konsum dadurch steigt?
Klingbeil: Indem Prävention und Aufklärung stattfinden und indem die Kreise getrennt werden. Der Dealer, der Cannabis verkauft, verkauft auch härtere Substanzen, und so kommen die Leute erst in den Kreis hinein. Durch Legalisierung können wir Kreise durchbrechen und uns mit Suchtopfern auseinandersetzen. Wenn man legale Orte hat, an denen Cannabis verkauft wird, sieht man auch schnell, wo Leute sind, die in Sucht geraten sind, sodass man helfen kann. Was ich für problematisch halte, ist, dass wir auf der einen Seite mit Alkohol einen völlig hemmungslosen Umgang haben und dass es bei Cannabis verteufelt wird. Ich führe, Gott sei dank, ein suchtfreies Leben und kann da auch nur für werben. Aber diese Unterschiede in der Bewertung von Alkohol und Cannabis trage ich nicht.

Rösel: Ich habe jahrelang als Jugendschutzbeauftragte beim Landkreis Gifhorn gearbeitet. Das Thema Komasaufen war da ein sehr großes. Wir sind zu dem Ergebnis gekommen: Prävention allein hilft nicht, sondern es muss strenger kontrolliert werden. Das ist, finde ich, bei einer Legalisierung von Cannabis schwer möglich. Wie siehst du das?
Klingbeil: Bei einer Legalisierung ist es ja gerade möglich, zu kontrollieren, wie es verkauft wird. Momentan haben wir einen völlig unkontrollierten Markt, wo die Leute es auf dem Schulhof oder auf der Straße kaufen können. In dem Moment, wo ich legalisiere, habe ich eine Kontrolle, wer es an wen abgibt.

Rösel: Ich habe schon mehrfach versucht, mit Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) über das Thema Wolf zu reden. Da war keine große Gesprächsbereitschaft. Wie stehst du zum Thema? Und konntest du deinen Einfluss auf die Landesregierung nutzen, um für die Region eine praktikable Lösung herbeizuführen?
Klingbeil: Für mich war es erst einmal wichtig, dass die SPD sich in der Sache positioniert. Das ist bei der Klausur der Landtagsfraktion auch erfolgt mit einem Positionspapier, an dem ich mitgewirkt habe. Für mich ist völlig klar: Es muss pragmatische Unterstützung geben, was Präventions- und Entschädigungszahlungen angeht. Die Betroffenen sind einer irren Bürokratie ausgesetzt, das kann ich nicht unterstützen. Eigentlich muss es eine Beweislastumkehr geben. Wenn also irgendwo 15 Schafe gerissen werden, dann kommt nur der Wolf infrage. Wenn dann der Landwirt über Monate nachweisen muss, dass es ein Wolf war, läuft es fehl. Und verhaltensauffällige Wölfe müssen entnommen werden. Das muss viel schneller gehen als bisher. Wir müssen gucken, wie sich Populationen entwickeln, um am Ende zu überprüfen, ob der Wolf ins Jagdrecht gehört. Da muss es Entscheidungen geben, weil der Druck aus der Region zum Glück ja auch steigt. Das ist ein Thema, bei dem ich quer liege zu meiner Partei und meiner Ministerin, aber das ist ja nicht das erste Mal, dass ich mich anders positioniere.

Rösel: Euer Generalsekretär Hubertus Heil hat die Linken für koalitionsfähig erklärt. An welchen Stellen hältst du die Linken für nicht koalitionsfähig?
Klingbeil: Erstens kämpfe ich für eine starke SPD. Zweitens glaube ich, dass Menschen Koalitionsdebatten langweilig finden vor Wahlen, weil wir über Inhalte reden sollten, was in diesem Wahlkampf leider viel zu wenig geschieht. Und drittens fängt es bei der Linken ganz oben an. Mit Personen wie Sahra Wagenknecht kann man keine Regierung machen. Die Unterschiede in meinem politischen Wirken – Digitalisierung und Verteidigung – sind teilweise groß. Die Nato infrage zu stellen oder ob wir sicherheitspolitisch in der EU zusammenarbeiten, das sind für mich zwei Werte, die die SPD niemals antasten wird. Im Bereich Digitalisierung sind keine großen Unterschiede zu erkennen. Da gibt es bei Netzpolitikern fraktionsübergreifend Konsens.

Rösel: Wie stehst du zu dem Ziel, die Ausgaben für Verteidigung sukzessiv auf zwei Prozent des Bruttoinlandprodukts zu steigern?
Klingbeil: Ich gehöre mit zu den Leuten, die dafür gesorgt haben, dass im SPD-Wahlprogramm steht, dass wir die Verteidigungsausgaben erhöhen wollen. Wir haben es jetzt in dieser Legislatur auch schon getan, auf 37 Milliarden Euro, da war ich als Ausschussmitglied beteiligt. Eine Erhöhung auf zwei Prozent würde bedeuten, dass wir am Ende einen Verteidigungsetat von jährlich über 70 Milliarden Euro haben. Ich sehe gar nicht, wie wir dieses Geld bei den momentanen Strukturen, die wir auch in der Rüstungsindustrie haben, verbrauchen können. Wir benötigen mehr Geld, das ist völlig klar, dafür kämpfe ich. Aber wir brauchen eine Steigerung, die jährlich bei zwei Milliarden Euro liegt. Eine Verdoppelung ist falsch.

Rösel: Die Entscheidung hier im Kreistag zur Beibehaltung des Namens Lent-Kaserne ist in der SPD nicht einstimmig gefallen. Wie hättest du abgestimmt, wenn du Mitglieds des Kreistags wärst?
Klingbeil: Ich bin Mitglied im Kreistag, aber im Heidekreis. Diese kommunalpolitische Anbindung ist mir sehr wichtig. Nachdem ich das erste Mal in diese Debatte eingebunden wurde, habe ich viel gelesen, mit Menschen diskutiert und mich klar dafür ausgesprochen, den Namen Lent zu behalten. Was mich an der Debatte stört, ist das Hin und Her, das wir gerade erleben. Es gibt ein klares Votum des Kreistags, des Stadtrats und der Truppe. Das wird eingefordert von der Bundesebene, aber jetzt am Ende sagt die Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) im Ausschuss, wir sollten trotz dieses klaren Votums noch einmal neu denken. Damit wird Vertrauen in politische Prozesse kaputtgemacht.

Rösel: Du hast Altkanzler Gerhard Schröder nach Rotenburg eingeladen. Er steht wegen seiner Pläne beim russischen Unternehmen Rosneft in der Kritik. Er kassiert 350 000 Euro für vier Sitzungen im Jahr. Euer Kanzlerkandidat Martin Schulz hat sich von ihm distanziert. Warum die Einladung?
Klingbeil: Punkt eins: Ich freue mich, dass Gerhard Schröder gekommen ist. Ich hatte auch die Forderung bekommen, die Veranstaltung abzusagen. Ich bin aber niemand, der sich wegduckt. Das mache ich nicht. Es war für mich eine Ehre, dass der Bundeskanzler a.D. in meinen Wahlkreis gekommen ist. Wir haben über alle Themen geredet. Was für mich auch klar ist: Ich habe mich immer kritisch geäußert zu den Dingen, die in Russland passieren. Das werde ich auch beibehalten. Ich lade mir nicht nur Gäste ein, die immer meiner Meinung sind. Politik lebt auch vom Diskurs.

Lars Klingbeil

Lars Klingbeil saß 2005 für neun Monate als Nachrücker zum ersten Mal im Bundestag, 2009 und 2013 ist er über die Landesliste der SPD nach Berlin gewählt worden. Bei beiden Wahlen unterlag er als Direktkandidat seinem CDU-Kontrahenten Reinhard Grindel, zuletzt mit 4,2 Prozentpunkten. Klingbeil ist Mitglied im Verteidigungsausschuss, Sprecher der SPD für Digitalisierung, und er führt die SPD-Landesgruppe Niedersachsen/Bremen im Bundestag. Er war Mitglied des Stadtrates seiner Heimatstadt Munster und ist seit 2006 Abgeordneter im Kreistag des Heidekreises. Der 39-jährige Politikwissenschaftler ist ledig.

Interviewerin Kathrin Rösel ist ebenfalls im Internet zu finden.

Nach diesem Gespräch wurden die Rollen getauscht. Lars Klingbeil interviewt Kathrin Rösel.

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