Kathrin Bahr und Julia von Wild von der Agentur Zweifellos sprechen über das Besondere von „La Strada unterwegs...“

„Die Unterschiedlichkeit macht Rotenburg aus“

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Kathrin Bahr und Julia von Wild sind die künstlerischen Leiterinnen von „La Strada unterwegs...“.

Rotenburg - Von Ulf Buschmann. Durch Rotenburg toben ein Wochenende lang Straßenkünstler. Sie bezaubern die Menschen von binnen und von buten bei „La Strada unterwegs...“ mit Jonglagen, Akrobatik und vielem mehr. Wir sprachen mit den beiden künstlerischen Leiterinnen Kathrin Bahr und Julia von Wild über spezielle Anforderungen und besondere Plätze in Rotenburg.

Was ist an La Strada in Rotenburg anders als in Bremen?

Kathrin Bahr: Rotenburg ist erst einmal deutlich kleiner und hat weniger Publikum. Das heißt, man kann alle Shows gut sehen. Es gibt auch weniger Spielorte, nämlich vier: am Kirchhof, auf der Geranienbrücke, auf dem Pferdemarkt und am Heimathaus. Die Künstler, die wir dort einladen, sind in ganz Europa unterwegs. Wir achten darauf, was aktuell ist. Aber wir haben in Rotenburg auch die Möglichkeit, klassische Shows einzuladen, die sich bewährt haben. La Strada in Bremen achtet inzwischen darauf, dass sie Deutschland-Premieren präsentieren und damit durchweg neue Shows haben. Das müssen wir in Rotenburg nicht. Wir versuchen, die möglichst breite Palette des Genres zu zeigen: Jonglage, Akrobatik, Erzähltheater, aber auch mal Tanz und Musikcomedy. Wir sind eher damit beschäftigt, eine Vielfalt zu zeigen.

Es klingt ein bisschen abwertend: Wir holen das Bewährte ins Boot.

Julia von Wild: Nee, ganz und gar nicht. Zum Teil können wir hochklassige Shows einladen, über die wir uns total freuen, weil sie einfach super sind. Wir haben aber in diesem Jahr auch zwei Deutschland-Premieren dabei. „Tumble Circus“ aus Nordirland zum Beispiel. Sie waren zwar schon einmal in Bremen, aber diese Show ist ziemlich neu. Dafür kommen die Künstler extra aus Nordirland. Die andere Show ist ein ganz junges Trio. Die haben wir auf einer Börse für Straßentheater entdeckt. Es ist die „Compagnie 0032“ aus Belgien. Sie sind auch das erste Mal in Deutschland.

Sie hatten 2014 erstmals das Heimathaus im Programm – sehr erfolgreich.

Julia von Wild: Wir hatten erst ein bisschen Bauchschmerzen. Aber unsere Devise ist ja, dass wir mit dem Festival gerne wachsen möchten und wir die Stadt immer mehr erobern möchten. Deshalb schauten wir uns das Gelände im vergangenen Jahr an und fanden das so super, dass wir sagten, wir möchten es mit aufnehmen.

Haben Sie das Programm speziell aufs Ambiente des Heimathauses abgestellt? Was ist daran denn das Faszinierende am Heimathaus?

Julia von Wild: Das ist nochmal so ein ganz anderer Ort. Die Unterschiedlichkeit macht Rotenburg sowieso aus. Wir haben den Kirchhof, der ist sehr idyllisch. Dann haben wir den Pferdemarkt und die Geranienbrücke. Sie sind beide mitten in der Stadt mit Fußgängerzone, Cafés und Trubel. Das Heimathaus ist auch sehr idyllisch, aber durch diese Größe und Breite bietet es noch einmal ganz andere Möglichkeiten. Wir bauen am Heimathaus ein riesengroßes Trapez auf. Das kann man nicht mal eben auf den Pferdemarkt stellen. Wir nutzen auch den Biergarten mit seinen alten Bäumen. Es gibt eine Show, die direkt unter diesen Bäumen spielen wird. Das wird sehr intim mit einem kleinen Zuschauerkreis.

Sie haben schon verlauten lassen, dass es auf dem Pferdemarkt in diesem Jahr etwas anders zugeht. Was tut sich dort?

Julia von Wild: Wir bespielen ihn anders als sonst. Es gibt dort keine klassische Bühne. Wir haben das Blaumeier-Atelier aus Bremen eingeladen. Sie werden mit einer ziemlich großen Parade den Pferdemarkt befahren und mit 27 Leuten, der „Schweinebande“, den Platz auseinandernehmen.

Und alle Shows sind frei...

Julia von Wild: Genau. Es ist alles umsonst und draußen. Abends ist die Gala in der Aula der Realschule. Sie ist eintrittspflichtig, denn es ist ein Galaprogramm, bei dem einige Künstler einen besonderen Varieté-Abend gestalten. Dafür gibt es noch Karten.

Wie steht es denn um den logistischen Aufwand?

Julia von Wild: Rotenburg hat im Vergleich zu Bremen den Vorteil der kleineren Kreisstadt. Es ist toll, dass wir extrem kurze Wege haben. Dadurch, dass die Stadt zusammen mit der Kulturinitiative Rotenburg (Kir) Mitveranstalter ist, können wir das alles organisatorisch und logistisch ganz anders lösen.

Wie denn?

Julia von Wild: Wir haben zum Beispiel einen Künstlershuttle mit einem Bus der Stadt, wir haben leichteren Zugang zur Realschule, wir haben alternative Spielstätten, falls es regnet. Wir haben zum Beispiel schon in der Stadtkirche gespielt. In Bremen gibt es sowas nicht!

Kathrin Bahr: Ganz wichtig ist es zu wissen, dass wir das Festival zusammen mit der Kir vor sieben Jahren aufgebaut haben. Es gibt mehr als 100 freiwillige Helfer, die mit der Kir verbandelt sind und sich dieser Aufgabe mit einem unglaublichen Enthusiasmus widmen und das ganze Ding nach vorne bringen. Ohne sie ginge es ja gar nicht. In Rotenburg hat es sich noch einmal ganz anders entwickelt als in Bremen. Dort gibt es freiwillige Helfer, die ausschließlich während der Veranstaltung für die Künstlerbetreuung oder das Catering zuständig sind. In Rotenburg gibt es Arbeitsgruppen, die sich schon ein halbes Jahr vorher treffen. Sie organisieren das Catering, den Bierstand und einige Foodstände komplett selbst. Durch dieses ehrenamtliche Engagement kommen die Einnahmen direkt dem Verein und der Veranstaltung zugute.

Was ist an logistischem Aufwand notwendig?

Julia von Wild: Einiges. Es geht damit los, dass am Donnerstag ein Lkw Material in Bremen abholt. Am gleichen Tag beginnt mit unseren Bremer Technikern der Aufbau. Und dadurch, dass wir in diesem Jahr 54 Künstler gebucht haben, müssen wir sie in mehreren Hotels unterbringen. Nicht alle schlafen allerdings in der Stadt. Dann sind solche Dinge wie das Catering zu organisieren. Im Gemeindehaus der Stadtkirche wird jeden Tag für 120 bis 150 Leute gekocht.

Wie koordinieren Sie die ehrenamtliche und hauptamtliche Arbeit?

Julia von Wild: Die Ehrenamtlichen werden von der Kir koordiniert. Wir haben das Festival gemeinsam entwickelt und eine Organisationsstruktur empfohlen. Anfangs wirkten wir sehr viel mit, haben diesen ganzen Bereich aber inzwischen an die Kir übergeben. Dieses Festival wird von Rotenburgern organisiert, und das macht auch die Atmosphäre aus. Es ist nicht so, dass wir ein Festival in die Stadt setzen und anschließend wieder weg sind. Im Vorfeld und auch nachher hat dieses Festival einen Input für Rotenburg.

Wie beziehen Sie sonstige örtliche Akteure ein?

Julia von Wild: Unser großer Vorteil ist, dass es den Bauhof gibt. Die Mitarbeiter stellen die Schilder für die Straßensperrungen und Umleitungen auf und unterstützen uns bei der Gala in der Realschule. Dafür müssen wir an der Bühne ein bisschen was anbauen, das übernimmt alles der Bauhof. Das Bildungswerk Niedersächsischer Volkshochschulen beteiligt sich, das Café Karo hilft beim Auf- und Abbau und eine Klasse der Lindenschule übernimmt einen Stand mit Kaffee und Kuchen. Insofern ist es ein inklusives Festival. Auch das Rathaus ist für La Strada geöffnet.

Haben Sie den Eindruck, dass sich die Rotenburger mit „La Strada unterwegs...“ identifizieren?

Julia von Wild: Ja. Es ist ein wirklich tolles Publikum. Wir kriegen vor und nach dem Festival ganz viele Rückläufe. Erst vor einigen Tagen rief ein Rotenburger an und erkundigte sich nach Auftrittsort und -zeit einer Gruppe. Wir merken extrem, dass dieses Festival dort gewollt ist.

Kathrin Bahr: Ich glaube auch, dass die Zuschauerzahlen für sich sprechen. Beim ersten Mal war es ein Versuchsballon und am Ende waren rund 15000 Menschen in der Stadt. So viel sind es sonst am Wochenende nicht. Da war für die Stadt und die Kir klar, dass sie weitermachen möchten. Die Zuschauerzahlen sind stetig gewachsen, und wir erkennen Leute, die immer wieder kommen. Sie sagen von sich selbst, sie seien Wiederholungstäter.

Julia von Wild: Wir hatten ja schon im zweiten Jahr nicht die Feuer-, sondern die Wassertaufe: Es regnete wie aus Eimern. Unsere Angst war, ob es mit dem Publikum klappt und ob sie uns ins Rathaus folgen. Sie taten es, und es war eine tolle Atmosphäre.

Können Sie etwas über die Besucherzahlen sagen?

Kathrin Bahr: Bei Openair-Veranstaltungen ist eine Schätzung immer schwer. Was wir definitiv sagen können ist, dass die neue Spielstätte am Heimathaus angenommen worden ist. Da waren wir zunächst nicht sicher, weil die vor dem Gelände verlaufende Bundesstraße als Grenze begriffen werden kann. Dass es vom Publikum für alle Spielstätten mit dem Heimathaus gereicht hat, lässt den Schluss zu, dass wir mehr Menschen erreicht haben.

In den vergangenen Jahren haben Sie auf einem Bauernhof übernachtet. Im Stall?

Julia von Wild: Ja, in einer Familienpension, Bamanns Hof in Unterstedt. Aber dort bekommen wir nicht mehr alle unter.

Kathrin Bahr: Man muss einfach sehen, dass unsere Künstler in ganz Europa unterwegs sind. Da gleicht ein Hotel dem anderen, und eine Familienpension wie die in Unterstedt ist schon etwas Besonderes. Beispielsweise steht ein Trampolin im Garten, das auch schon benutzt wurde.

Julia von Wild: Die Künstler genießen es, wenn Sie persönlich das Frühstück serviert bekommen.

Haben Sie sich Ziele für dieses Jahr gesetzt?

Julia von Wild: Wir freuen uns auf einige Künstler ganz besonders, Adrian Schvarzstein zum Beispiel. Er hat das erste Jahr mit uns gemeistert. Ich freue mich auch auf „Tumble Circus“, weil die wirklich etwas Besonderes sind. Und wir sind natürlich gespannt, wie es sich in diesem Jahr mit dem Heimathaus entwickelt.

Ist aus Ihrer Sicht noch Luft nach oben oder hat das Festival jetzt so etwas wie seine endgültige Grenze erreicht?

Kathrin Bahr: Es ist immer Luft nach oben.

Julia von Wild: Da das Festival vom Publikum so gut angenommen wird, können wir wirklich sagen, dass es noch Potenzial gibt. Auch Festivals in anderen kleinen und mittleren Städten haben sich gut entwickelt.

Kathrin Bahr: Das muss nicht von heute auf morgen sein. Mit dem neuen Spielort am Heimathaus haben wir einen weiteren Schritt gemacht. Den möchten wir erst einmal füllen und sehen, ob es Bestand hat.

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