Interview am Wochenende

Lebendiges Interesse ist „faszinierend“: Karsten Müller-Scheeßel über Moorkolonisator Findorff

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Karsten Müller-Scheeßel hat sich in seiner Doktorarbeit dem Moorkolonisator gewidmet.

Scheeßel – Am 22. Februar 2020 jährt sich der Geburtstag des Moorkolonisators Jürgen Christian Findorff zum 300. Mal. Mit zahlreichen Veranstaltungen zwischen Bremen, Lilienthal und Ottersberg im Süden bis Bremervörde im Norden wird Findorffs und der Moorkolonisation im Rahmen eines „Findorff-Jahres“ gedacht. Im Arbeitskreis zu dessen Vorbereitung ist der Scheeßeler Karsten Müller-Scheeßel, der über den Pionier der Moorkolonisation promovierte.

Herr Müller-Scheeßel, in Ihrer Funktion als Gemeindearchivar haben Sie ja schon des Öfteren Artikel verfasst, auch für die Kreiszeitung. Nun gehen Sie unter die Buchautoren. Wie ist es dazu gekommen?

So wirklich stimmt das nicht. Meine 1975 gedruckte Doktorarbeit war im Buchhandel erhältlich. Jetzt handelt es sich um einen Neudruck und ein inhaltlich nur marginal verändertes Buch. Drei Anstöße gab es, meine Arbeit neu aufzulegen: Das war erstens die Tatsache, dass sie auch nach mehr als 40 Jahren immer noch als Standardwerk über Findorff und die Moorkolonisation gilt, zweitens, dass die erste Auflage 1975 mit 500 Exemplaren seit langem vergriffen ist, und drittens drängten mich viele Menschen im Zusammenhang mit Findorffs 300. Geburtstag dazu, die Arbeiten für eine neue Auflage anzugehen.

Was hat Sie – damals wie heute – an Findorff fasziniert?

Mein Interesse an Findorff ist in dem Maße gewachsen, indem ich mich mit seiner Person und seinem Kolonisationswerk beschäftigt habe. Den Anstoß gab mein Doktorvater Georg Schnath, Professor für Landesgeschichte in Göttingen und Staatsarchivdirektor in Hannover, in einer Vorlesung mit der Bemerkung, dass über Findorff noch keine Arbeit vorliege, die wissenschaftlichen Ansprüchen genüge. Da Findorffs Wirkungsbereich in meiner Heimatregion liegt, dachte ich, dass das ein interessantes Thema sein könne. Aber was fasziniert mich an ihm? Findorff hat sich vom Tischlermeister in Lauenburg/Elbe zum Moorkommissar, einer Position, die es bis dahin nicht gab, emporgearbeitet und sich seinen eigenen Tätigkeitsbereich geschaffen. Vielseitig begabt, hat er nicht nur die Moore entwässern, Siedlungen nach einem unverwechselbaren Schema anlegen, Schifffahrtskanäle graben und Dämme als Wege aufwerfen lassen. Genauestens hat er die Siedler hinsichtlich der landwirtschaftlichen Nutzung der Moore beraten und angeleitet. Drei Kirchen hat er als Architekt für die Siedler in Worpswede, Grasberg und Gnarrenburg bauen lassen. Und schließlich ging er mit den Moorbauern so um, dass sie ihn „Vater aller Moorbauern“ nannten. Und faszinierend ist, wie lebendig das Interesse an seiner Person und die Erinnerung an ihn bis heute in den Moordörfern sind. Ohne dieses Interesse wäre es nicht denkbar, dass 2020 über das Moor verteilt mehr als 40 Veranstaltungen ehrenamtlich organisiert werden. Immer wieder bin ich seit 1975 um Vorträge und Beiträge in verschiedensten Veröffentlichungen gebeten worden. Allein für 2020 sind sechs Vorträge bereits terminiert.

Findorff hat den Bremer Raum geprägt, davon zeugen Straßennamen, sogar ein gesamtes Viertel wurde nach ihm benannt. Warum ist er heute noch von lokalgeschichtlicher Bedeutung?

In Zeiten des Klimawandels ist die Entwässerung von Mooren kritisch zu sehen, weil ein wichtiger CO2-Speicher dadurch verloren geht. Heute steht eher die Wiedervernässung abgetorfter Flächen wie im Tister Bauernmoor auf der Agenda. Findorff ist das nicht anzulasten. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hat er Häuslingen und jüngeren Bauernsöhnen aus den benachbarten Geestdörfern die Chance geboten, sich eine eigene Existenz aufzubauen, wenn auch, wie wir wissen, unter schwierigsten Rahmenbedingungen. Geschaffen hat er eine eigentümliche Landschaft mit einer charakteristischen Siedlungsstruktur.

Haben Ihre Erkenntnisse, die Sie 1975 zu Papier brachten, denn noch Gültigkeit oder mussten Sie sie in Teilen überarbeiten?

Arbeiten über Findorff und die Moorkolonisation nach 1975 beziehen sich in erster Linie auf meine Doktorarbeit, die wie gesagt nach wie vor als Standardwerk bezeichnet wird. Inhaltlich habe ich deshalb nur geringfügige Veränderungen vornehmen müssen. Deutlich verändert hat sich allerdings die Aufmachung des Buches, das von meinem Verlag Atelier im Bauernhaus in Fischerhude reich bebildert wurde.

Worin besteht die Relevanz Findorffs heute, warum lohnt es sich, sich mit ihm zu beschäftigen?

Keine Relevanz hat Findorffs Kolonisationswerk als Modell für ähnliche Vorhaben. Solche wird es in absehbarer Zeit nicht geben. Von Relevanz ist die Beschäftigung mit ihm für die Menschen in der Moorregion, die sich ihrer Wurzeln versichern wollen, und Touristen, die sich für die eigentümliche Landschaft mit ihrem besonderen Charme interessieren.

Auf welche Veranstaltungen des Findorff-Jahres freuen Sie sich persönlich am meisten?

Die Hauptveranstaltung in Worpswede Ende August mit Ministerpräsident Stefan Weil, bei der ich die Festrede halten werde, die Torfkahnarmada Ende April von Worpswede zum ehemaligen Torfhafen in Bremen-Findorff, die „Illuminierte Nacht“ im September am Hamme-Oste-Kanal und Festgottesdienste in den von Findorff gebauten Kirchen.

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