Karsten Müller-Scheeßel berichtet von Hunger und Krankheiten nach dem Kriegsende

Hoffnung trotz bitterer Not

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Die Menschen hamsterten auch Kartoffeln wie hier auf dem Bahnhof Gorgast (Brandenburg).

Rotenburg - Von Karsten Müller-Scheeßel. Zerstörte Städte, Industrie- und Verkehrsanlagen, Verlust von Heimat und Besitz, Wohnungsnot, Hunger und Mangel – die totale Niederlage nach einem totalen Krieg war 1945 anders als 1918 nicht zu leugnen. Und doch keimte Hoffnung: Der Krieg war zu Ende, man selbst hatte überlebt. In ausweglos erscheinender Situation mussten die Menschen das nackte Überleben – auch in der hiesigen Region – von Tag zu Tag neu organisieren.

Zu klagen und die Hände deprimiert in den Schoß zu legen, half nicht. Hilfe von staatlichen Institutionen, die es nicht mehr gab, war ebenfalls nicht zu erwarten. Es galt, selbst anzupacken, zu improvisieren und sich so gut es in der Not ging einzurichten. Millionen von Deutschen haben dies getan und den Grundstein für ein bis heute funktionierendes Gemeinwesen gelegt. In den drei westlichen Zonen haben ihnen dabei die Besatzer zunehmend geholfen.

Wer nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde und in eine freiheitlich-demokratische Wohlstandsgesellschaft hineinwachsen durfte, kann sich kaum vorstellen, in welchen Lebensumständen sich Menschen damals zurechtfinden mussten. Die ländliche Region mit bäuerlicher Prägung und wenig bis gar nicht zerstörten Dörfern und Kleinstädten war besser dran als die benachbarten, zerbombten Großstädte. Nicht umsonst war deswegen die große Mehrheit der Flüchtlinge dort untergebracht worden. Doch auch auf dem Land herrschte bittere Not. Die von den Schulmeistern zu führenden Chroniken legen davon Zeugnis ab.

Die Einwohnerzahlen in den hiesigen Dörfern vergrößerten sich in den ersten Nachkriegsjahren teilweise bis auf das Doppelte im Vergleich zu 1939. Und in der Regel war kein einziges Haus zusätzlich errichtet worden. Vielköpfige Familien mussten froh sein, wenn sie einen Raum für sich hatten. Sie stellten nachts die Tische auf den Kopf, und nutzten den Tischkasten als Bett. Küchen und hygienischen Einrichtungen mussten sich häufig mehrere Familien teilen. Fließendes Wasser, Duschen, Spültoiletten oder Zentralheizungen waren ohnehin auch in Friedenszeiten Luxus. Wasser holten die Bürger in vielen Fällen noch von einer Pumpe auf dem Hof. Als Brennmaterial fiel Kohle wegen der zerstörten Verkehrsinfrastruktur weitestgehend aus. In unserer Region waren die Bürger froh, auf Holz und Torf zurückgreifen zu können.

Die Nahrungssituation stellte sich auf dem Lande etwas besser dar als in den großen Städten. Doch auch in dieser Region war Schmalhans Küchenmeister. Die Ernte 1945 brachte nicht die gewohnten Erträge, weil die Frühjahrsbestellung wegen der bis Ende April andauernden kriegerischen Ereignisse, fehlender Arbeitskräfte und Zugtiere nur unzulänglich war. Außerdem wurden Feldfrüchte wie Viehstapel zwangsbewirtschaftet, ein guter Teil musste zur Versorgung der Großstädte abgeliefert werden. Die Bürger suchten sich Möglichkeiten, um diese Auflagen zu umgehen. Sie schlachteten nachts schwarz und schafften Erträge illegal beiseite. Insgesamt lebte es sich besser auf dem Lande.

Trotzdem ergab eine Untersuchung von 438 Kindern sogenannter Normalverbraucher – Familien, denen keine besonderen Zuschläge auf ihre Lebensmittelkarten gewährt wurden – noch im Juni 1947 in der Scheeßeler Schule folgendes Ergebnis ihres Ernährungszustandes: vier gut, 104 mittel, 330 schlecht. 85 von ihnen erhielten daraufhin für drei Monate eine tägliche warme Mahlzeit, meistens eine Milchsuppe mit Haferflocken. Vom 1. März 1948 an erhielten 453 Kinder täglich eine Mahlzeit, die aus amerikanischen Spenden gespeist wurde, die sogenannte Hoover-Schulspeisung. Die Zahl wäre wohl noch größer gewesen, wenn alle Eltern den Preis von 25 Pfennigen dafür hätten bezahlen können.

Es gab zu essen, was in der Gegend wuchs: Frisches Obst und Gemüse nur in der entsprechenden Jahreszeit, Kartoffeln, Steckrüben, Milch, Fleisch für den Normalverbraucher nur äußerst selten. Im Winter verendetes Wild kam selbstverständlich mit auf den Tisch. Um über den Winter zu kommen – der Winter 1946/47 war einer der strengsten des 20. Jahrhunderts – wurde im Herbst Gemüse eingemacht und Fleisch gepökelt, wenn es welches gab. Erinnern kann ich mich, was es bei uns auf der Domäne Luhne nach dem Krieg zum Abendessen gab: Warme Milchsuppe mit Haferflocken und Haut drauf und Spelzen drinnen, und danach in der Regel Bratkartoffeln, die in gar nicht wohl riechendem Rapsöl gebraten worden waren. Fleisch kam eigentlich nur am Sonntag auf den Tisch. Folge dieser vitaminarmen Mangelernährung waren zahlreiche Fälle von Kinderlähmung, gegen die grässlicher Lebertran verordnet wurde, und zahllose Fälle von Tuberkulose (TBC). Sowohl mein Vater wie auch ich selbst erkrankten daran. Die Lungenklinik in Unterstedt war mit TBC-Kranken überbelegt.

Was aber Hunger wirklich bedeutete und dass es uns auf dem Land tatsächlich vergleichsweise gut ging, hat sich mir als knapp Achtjährigem im Herbst 1947 bis auf den heutigen Tag tief eingeprägt. Eines Morgens kamen drei Männer zu uns auf den Hof in Luhne, und erzählten, dass sie mit dem Zug aus dem Ruhrgebiet gekommen seien und fragten meinen Vater, ob er Kartoffeln abzugeben habe. Die Ernte war gut, daher bekamen sie welche. Zuhause müssen sie von ihrem Glück erzählt haben, denn täglich wurden es mehr, die einen Sack Kartoffeln kaufen wollten, um damit in, an oder auf überfüllten Zügen 300 Kilometer zurück ins Ruhrgebiet zu fahren. Bis eines Tages mehr als 100 Menschen kamen, die tief enttäuscht umkehren mussten, weil die Vorräte erschöpft waren.

Noch an einem weiteren konkreten Beispiel soll die materielle Not nach dem Zweiten Weltkrieg verdeutlicht werden. Ende 1946 setzte ein strenger Winter ein. In der Scheeßeler Schule wurde die Versorgung der Kinder mittels Schuhen erhoben: 40 Prozent der Kinder besaßen gar keine, 55 Prozent nur ein Paar und nur 5 Prozent waren ausreichend versorgt. Wer es konnte, ließ sich ein paar Holzschuhe anfertigen, die notdürftig durch den Winter halfen und bei pappigem Schnee zu einer Art Stelzen wachsen konnten. Mit den ersten Sonnenstrahlen begannen wir, barfuß zu laufen, weil das bequemer war oder weil das einzige Paar Lederschuhe im Sommer geschont werden musste.

Die Jahre allgemeiner bitterer Not in der Nachkriegszeit dauerten bis zum Ende der 1940er Jahre. Erst mit dem Marshall-Plan seit März 1948, der Währungsreform im Juni 1948 sowie der Gründung der Bundesrepublik Deutschland im September 1949 ging es für die Mehrheit der deutschen Bevölkerung wieder spürbar bergauf.

Einleitend habe ich davon gesprochen, dass die Deutschen nach dem Krieg eine bewundernswerte Wiederaufbauleistung vollbracht hätten. Anmerken möchte ich aber, dass sie die Greueltaten des Nationalsozialismus weitgehend verdrängten, obwohl sie durch eigene Entnazifizierungsverfahren und die Nürnberger Prozesse damit konfrontiert wurden. Diesen Verdrängungsprozess hat mit Sicherheit erleichtert, dass die Menschen nach dem Krieg fast ausschließlich mit der Organisation des nackten Überlebens beschäftigt waren. Die Aufarbeitung setzte so erst mit den kritischen Nachfragen meiner Generation bei den Eltern in den 1960er und 70er Jahren ein.

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