60 MINUTEN Aufnahmen im Buhrfeindsaal

Kantoreien bereiten Klanginstallation vor: Ein Take nach dem anderen

Die Sängerinnen im Buhrfeindsaal
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Schon beim ersten Testlauf sind alle Sänger im Buhrfeindsaal voll bei der Sache.

Mal ist es mucksmäuschenstill, dann wieder dröhnen Stimmen kraftvoll und energiegeladen durch den Buhrfeindsaal. Dort sind Sänger der Stiftskantorei Loccum und der Stadtkantorei Rotenburg zusammengekommen, um gemeinsam die Vierne-Messe aufzunehmen. Wir waren 60 Minuten lang dabei.

Rotenburg – Es ist fast schon gespenstisch still im Buhrfeindsaal. Würde jemand eine Stecknadel fallen lassen, ihr feines „Pling“ wäre im ganzen Raum zu hören. Nur das gedämpfte Brummen eines Autos, das draußen auf der noch leicht regennassen Straße vorbeifährt, dringt durch die Eingangstür. Selbst die Vögel draußen sind ruhig, als wüssten sie, dass es darauf ankommt, möglichst keinen Mucks von sich zu geben. Denn im Saal werden gerade Aufnahmen für eine Klanginstallation der Vierne-Messe gemacht, die Anfang November bei einem Konzert in der Stadtkirche zu hören sein wird. Störende Geräusche wären nachher auch auf dem Band zu hören.

Mehr als 20 Sänger aus der Stiftskantorei Loccum und der Stadtkantorei Rotenburg sind mit von der Partie. Sie sind vor einer halben Stunde angekommen – da herrschte noch reges Stimmengewirr im Saal, plötzlich von einem energischen „Moin“ unterbrochen. Es ist Kreiskantor Simon Schumacher, der alle begrüßt. Noch sind ein paar der mit blauem Stoff bezogenen Stühle leer, von denen drei sich noch mit Nachzüglern füllen werden.

Bevor es allerdings richtig losgehen kann, müssen die Stimmen aufgewärmt werden. Dazu stehen alle auf, sie halten sich gerade, die Arme hängen bei den meisten entspannt an der Seite runter. Schumacher steht vor den Kantoreien, deren Männer- von den Frauenstimmen umrahmt werden – die Sängerinnen sind in der Mehrzahl.

Schumacher wirft die Arme in die Luft, nimmt sie wieder nach unten, bückt sich, steht wieder auf, streicht die Ohren aus – voller Körpereinsatz. Dabei spricht er die ganze Zeit, verbreitet gute Laune. „Jetzt beißen wir in einen Apfel“, sagt er, „mhmmmm“, ertönt es als Antwort. „Oh, eine faule Stelle“, bedauert er, „öhhhhhh“ vibriert es durch den Raum. Alle machen ihm die Bewegungen konzentriert nach.

Die Veranstaltungstechniker Michael Suhr und Cornelius Vogel geben eine Einweisung.

Dann, ganz plötzlich, wird es ungeahnt laut: Erst der „Signore“, dann die „Signorina“ werden kräftig durch den Raum getragen – während im Hintergrund leise, aber stetig der Beamer surrt. Das kleine schwarze Gerät unter der Decke wird noch für Herausforderungen sorgen.

Dann gibt Schumacher das Wort an die Veranstaltungstechniker weiter, die währenddessen im Hintergrund werkeln. Jetzt herrscht gespannte Aufmerksamkeit, alle harren der Dinge, die da kommen. Es ist ein Novum: Die Sänger nehmen die Vierne-Messe nicht einfach nur auf, sie tun dies mit professioneller Unterstützung. Da ein Konzert mit vielen Sängern in der Kirche noch nicht wieder möglich ist, können sie so trotzdem ein stimmstarkes Klangerlebnis zur Live-Orgelmusik bieten. Und für sie selber wird es auch spannend sein, sich selber als Zuschauer zu hören.

Sechs schwarze Mikrofone stehen zwischen den Stühlen verteilt, hinter der ausgefahrenen Trennwand haben die Techniker ihr Equipment aufgebaut. Möglich macht das eine finanzielle Unterstützung durch die Landschaftsverbände Stade und Weser-Hunte mit Mitteln des Landes Niedersachsen und des Kirchenmusikvereins Rotenburg. Jeder Sänger bekommt von Michael Suhr und Cornelius Vogel ein Set, bestehend aus einem kleinen, blau-schwarzen Sender und weißen Einheits-Kopfhörern. Die passen nicht in jedes Ohr, hier und da werden eigene Kopfhörer aus den Taschen gekramt.

Kantor Simon Schumacher (M.) ist diesmal mittendrin im Kreis der Sänger.

Auf einem Ohr hören die Sänger die Orgelmusik, im Vorfeld von Michael Merkel aufgenommen. Parallel dazu soll auf der großen Leinwand auf der Bühne das Video-Dirigat von Schumacher zu sehen sein, der diesmal selber mitten in der Runde der Sänger steht.

Es geht los: Sanctus, erster Testlauf. Es ist ruhig, alle schauen nach vorne auf die Leinwand, die Hände auf dem Sender. Suhr und sein Kollege sind bereit, dann klatscht Suhr einmal gut vernehmlich in die Hände. Das Zeichen fürs „Recording“, die Aufnahme. Das Video erscheint – und Schumacher bricht ab. Das funktioniert nicht. Zeitverzögert erscheint das Bild. Die Synchronisierung von dem einzeln aufgenommenen Video und der einzeln aufgenommenen Orgelmusik – sie wird in den kommenden Minuten eine Herausforderung sein. Mehrmals setzen die Sänger an, brechen ab, die Techniker justieren nach, suchen die beste Einstellung.

Die Sänger nehmen nochmal Platz – Testsingen geht auch im Sitzen. Fast zaghaft ertönt der Solo-Einstieg verschiedener Stimmen mehrfach, bis es, wenn alle einsteigen, mit Power durch den Raum schallt. Das zieht Zuschauer an: Christel Gerken kommt herein, „es ist unglaublich schön“, lobt sie in einer Einstellungspause. Das Kantoreimitglied wäre selber gerne dabei gewesen, muss aber verzichten. Einen Besuch wollte sie sich dennoch nicht entgehen lassen.

Konzert

„Musik am Ersten“ gibt es am Montag, 1. November, ab 19 Uhr in der Stadtkirche. Dann ist die Klanginstallation der Vierne-Messe aus der Kirchenkonzertreihe „Kathedral-Klang-Kosmos“, die unter anderem mit dem Corona-Sonderprogramm „Niedersachsen dreht auf“ gefördert wurde, mit Chorklängen und Live-Orgelmusik von Michael Merkel zu hören. Der Eintritt ist frei. 

Dann ist es geschafft, die Einstellung bestmöglich perfektioniert. Jetzt wird es ernst: Take eins, die erste richtige Aufnahme. Die Sänger geben alles – doch wäre es zu einfach, wenn der erste Take verwendbar wäre. „Cool“, kommentiert Schumacher dennoch, gibt dann ein paar Anweisungen. Er muss seine Augen und Ohren überall haben: selber singen, auf das Video-Dirigat achten, gleichzeitig auf alle vier Stimmen, um das Beste herauszuholen. Dabei ist die Stimmung nie angespannt-ernst, sondern durch Witze aufgelockert. Alle haben Spaß.

Dann ist wieder absolute Ruhe gefordert. Dennoch hört man aus manchem sehr laut eingestellten Kopfhörer fein Musik durch den Raum schweben. Fast urkomisch wird es, wenn mancher bei der Aufnahme die Seiten umblättern möchte und Verrenkungen hinlegt, um das Rascheln zu verhindern. Eine Sängerin unterdrückt krampfhaft einen Huster – niemand möchte für eine unnötige Wiederholung verantwortlich sein. Vor allem, wenn es ein guter Take war.

Nach dem Sanctus geht es mit der Kyrie weiter. Schumacher ist zufrieden, es geht gut voran. Wieder warten alle auf das Klatschen, nur das leise Surren des Beamers ist zu hören.

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