Rotenburger Kantorei probt digital

Chorarbeit funktioniert auch in Zeiten der Pandemie

Geht auch: Kreiskantor Simon Schumacher sitzt am Klavier und hat die Sängerinnen digital zugeschaltet. In der Pandemie hat auch die Kantorei einen Weg gefunden, sich neu zu arrangieren.
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Geht auch: Kreiskantor Simon Schumacher sitzt am Klavier und hat die Sängerinnen digital zugeschaltet. In der Pandemie hat auch die Kantorei einen Weg gefunden, sich neu zu arrangieren.

Rotenburg – „Wer hat denn da einen Vogel?“ Kreiskantor Simon Schumacher sitzt an diesem Mittwochabend allein im großen Saal des Gemeindehauses der Rotenburger Stadtkirche am Flügel und spricht scheinbar mit sich selber. Bei näherem Betrachten der seltsamen Szene aber wird deutlich, dass der Kirchenmusiker Besuch hat. Keinen echten aus Fleisch und Blut, wohl aber digital.

Auf dem kleinen Bildschirm seines Laptops sind ihm 15 Frauen zugeschaltet. Und wem attestiert Schumacher da einen Vogel? Ist das vielleicht rhetorisch verrohender Umgang in der Stadtkantorei?

„Das sind zwei Kanarienvögel“, gibt eine Sängerin aus der Reihe der Altistinnen Entwarnung. Die Gefiederten dürfen der Chorprobe lauschen und aus voller Kehle mitsingen. Alle Sängerinnen sitzen bei sich zuhause und sind über Zoom dieser virtuellen Chorprobe zugeschaltet. Das ist also die technische Zwangsmaßnahme und Errungenschaft dieser Pandemie, dass Menschen, die in Chören singen wollen, digital zusammenkommen, um einem Infektionsrisiko beim Rudelsingen in einem Raum aus dem Wege zu gehen.

Simon Schumacher hat tief in die Trickkiste gegriffen, um solch eine Video-Schaltung möglich zu machen. „Technische Hilfe haben sich die Kantorei-Mitglieder von Familie und Freunden geholt“, erklärt er. Nicht jedem ist der routinierte Umgang mit PC, Links und Video-Konferenzen gegeben. Seit Mitte März jedoch läuft das digitale Proben-Programm. „Ich finde, es wird überwältigend gut angenommen“, ist der Kreiskantor durchaus begeistert, und die Besetzung des Chores kann sich sehen beziehungsweise hören lassen. „Wir haben inzwischen 15 Altistinnen, zehn Soprane, vier Tenöre und sechs Bässe am Start“, zählt der Kantor auf. Das entspricht einer Kammerchor-Besetzung. „Die Stimmen proben mit mir jeden Mittwoch stündlich und getrennt voneinander von 18 bis 22 Uhr“, erklärt Simon Schumacher. „Es wird spannend, wenn wir in Präsenz zusammenkommen. Jetzt mach ich mal kurz das Licht an, und dann geht es hier los.“

Licht einschalten scheint noch die kleinste Herausforderung an diesem Abend zu sein. „Wenn du das Feld oben anklickst, kannst du deinen Namen ändern“, erklärt es der Chorleiter einer Sängerin, die ihren Namen falsch geschrieben entdeckt hat. Schumacher stellt klar: „Das Einsingen geschieht in Eigenregie.“ Heißt, jede Chorstimme singt sich selber zuhause ein, das ist wie das Aufwärmen der Muskulatur vor dem Sport. Die Übungen hat Schumacher mit einer Kollegin aufgenommen und als Audiodatei zur Verfügung gestellt. Dann geht es los.

Ich finde, es wird überwältigend gut angenommen.

Kantor Simon Schumacher

„Es ist 19.03 Uhr, guten Abend. Heute im Programm Sanctus und Gloria“, begrüßt der Kantor seine Altistinnen daheim und meint die Messe Solennelle von Louis Vierne, ein fünfsätziges, süffiges Werk der Spätromantik für Chor und Orgel. „Ich kann mit Klavier oder eingespielter Orgel begleiten und singe eine Stimme über die Mikrofone dazu“, beschreibt der Kirchenmusiker sein Vorgehen. „Die Empfänger können mich hören, ich sie aber nicht. Das wäre auch schwierig, weil der Gesang zeitlich versetzt zu meinem Spiel käme.“ Das ganze geht also nicht immer ohne Unsicherheiten. „Mir fehlen ein bisschen die Einsätze,“ klagt eine Sängerin am Bildschirm. Nützt aber nichts, die kämen wegen der Zeitverzögerung eh zu spät. „Jetzt freue ich mich schon auf das rollende R in Propter“, motiviert Schumacher seine Sängerinnen auch bezüglich der Artikulation. „Bitte einmal von vorn im Stehen.“

Tatsächlich folgen alle Altistinnen der Aufforderung und erheben sich zuhause von ihren Stühlen. Eigentlich eine ganz normale Probe – mit rollendem R –, wenn man den Chor nur hörte. „Es ist mir völlig egal, wie der Alt gerade singt, ich höre ihn sowieso nicht. Jede einzelne Sängerin soll aber Sicherheit für sich bekommen“, sagt der Kantor. „Noch einmal vom Fortissimo in 14 bitte!“ Es geht voran, Seite für Seite arbeitet man sich durchs Gloria. Es geht sehr diszipliniert zu. Kein Wunder, kann ja nicht mit der Sitznachbarin getuschelt werden. „Das Fis in Takt 100 muss tief genug sein“, macht Schumacher vorbeugend aufmerksam. Auch wenn die Sängerinnen sich gegenseitig nicht hören, einzeln äußern können sie sich schon: „Das Cis ist nicht aufgelöst.“ Was auch immer das bedeuten mag, Schumacher reagiert: „Das hätte ich in der Probe natürlich gehört. Da merkt man das geschulte Ohr mancher Sängerinnen.“

„Rauscht es bei euch auch so?“ fragt eine Altistin. „Das kommt, wenn ich den Kanal zur Orgel zu lange offen lasse“, erklärt der Kantor und dreht den eingespielten Ton herunter. „Jetzt müsste es weg sein.“ Auf jede Frage gibt es eine Antwort. „Amen.“ Das Gloria ist durch, Schumacher ist zufrieden. Wann kommt denn nun die Messe Solennelle von Vierne überhaupt zur Aufführung? „Ende Juni, Anfang Juli wollen wir aufführen, wenn Corona es erlaubt“, sagt Schumacher und singt nun wieder scheinbar allein vor sich hin im großen Saal des Gemeindehauses, während 15 Altistinnen zuhause digital kraftvoll mit einstimmen.

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