„Bündnis gegen Depression“ lädt zu Auftaktveranstaltungen

„Es kann jeden treffen“

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Carsten Konrad hat sich für die Gründung des Vereins „Bündnis gegen Depression im Landkreis Rotenburg“ eingesetzt. 

Rotenburg - Von Inken Quebe. So gut wie jeder kennt jemanden, der darunter leidet: Depression gehört zu den Volkskrankheiten in Deutschland. So ist auch die wesentliche Botschaft des neu gegründeten Vereins „Bündnis gegen Depression im Landkreis Rotenburg“: „Es kann jeden treffen“, sagt Professor Carsten Konrad, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg. Er ist sowohl Initiator des Bündnisses als auch Vorsitzender des Vereins, der für Freitag und Samstag zu Auftaktveranstaltungen in Bremervörde und Rotenburg einlädt.

„Psychische Erkrankungen führen seit Jahrhunderten zu Ausgrenzung, dabei ist die Krankheit sehr weit verbreitet – es trifft normale Menschen wie dich und mich“, sagt Carsten Konrad. Daher sei es wichtig, dass sich Betroffene nicht dafür schämen. Es ist ihm und den 14 weiteren Mitgliedern, die das Bündnis seit der Gründung im Juni schon für diese Sache überzeugt hat, ein Anliegen, über die Krankheit aufzuklären. Denn: „Durch Aufklärung verbessern sich die Behandlungschancen. Viele lassen sich dann früher behandeln“, so Konrad. Das ist nicht nur seine subjektive Wahrnehmung, sondern das habe auch eine Forschungsarbeit zur Senkung der Suizidrate ergeben. Trotzdem: „Deutschlandweit gibt es immer noch 10. 000 Suizidtote pro Jahr“, sagt Konrad.

Der Verein, den es schon in vielen Orten in Deutschland gibt, ist mit einem Vier-Ebenen-Konzept aufgestellt. Durch Aktivitäten in den vier Handlungsfeldern will der Verein vor allem eine Verbesserung der Versorgung für erkrankte Menschen und damit eine Senkung der Suizidrate erzielen. Das soll durch Öffentlichkeitsarbeit, Zusammenarbeit mit Hausärzten sowie mit Multiplikatoren – das können zum Beispiel Lehrer sein – und erweiterte Angebote für Betroffene und deren Angehörige erreicht werden. Außerdem soll das Bündnis Hoffnung vermitteln. „Depressionen sind behandelbar. Es lohnt sich also, sich in Behandlung zu begeben“, so Konrad.

„Rotenburg ist gutes Pflaster für so ein Bündnis“

Dass es das Bündnis aber überhaupt erst in Rotenburg gibt, ist ihm zu verdanken. Er hatte die Idee von seiner alten Wirkungsstätte in Marburg mitgebracht und habe zunächst im Diako davon erzählt. „Ich habe mit dem Theologischen Direktor, Matthias Richter, und weiteren Kollegen darüber gesprochen, und sie waren der Meinung, dass Rotenburg ein gutes Pflaster für so ein Bündnis ist“, erinnert sich der Arzt. Schließlich ging es daran, andere gesellschaftliche Gruppen für dieses Thema zu gewinnen. Also habe er zum Telefonhörer gegriffen und um namhafte Mitglieder geworben. Die hat er zum Beispiel in Jutta Wendland-Park, Vorstandsvorsitzende der Rotenburger Werke, sowie Susanne Briese, Superintendentin des Kirchenkreises, gefunden.

Und auch in einer weiteren Gruppe hat der Arzt Kontakte geknüpft. „Für die Wirtschaft ist das ein schwieriges Thema“, sagt Konrad. Vorzeitige Berentung durch die zunehmende Zahl von psychischen Erkrankungen sei ein großes Problem. „Da frühzeitig einzugreifen und Therapiemöglichkeiten aufzuzeigen, ist wichtig, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein“, ist er überzeugt. So fand er auch unter Wirtschaftsvertretern häufig offene Ohren. Das Rotenburger Wirtschaftsforum habe sogar Interesse an Fortbildungen zu diesem Thema gezeigt. Konrad: „Das Interesse in der Wirtschaft ist groß. Das Thema brennt unter den Nägeln.“ Man habe es geschafft, das Thema aus dem Rahmen der Psychologen und Ärzte in die Gesellschaft zu tragen.

Dass den Auftakt nun ausgerechnet eine Kabarettveranstaltung bildet, ist für den Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie kein Widerspruch zur Krankheit Depression. „Wir wollen vermitteln, dass man das Leben trotzdem genießen und mit Humor nehmen kann“, so Konrad. Unterhaltsam und selbstironisch erzähle Tobi Katze Geschichten über das Leben mit der psychischen Störung, die er mit vier Millionen Menschen in Deutschland teilt, heißt es deshalb auch in der Ankündigung. „Spricht man so über Depression? Ja, genau so! Und es darf dabei herzhaft gelacht werden“, so die Veranstalter.

Der Verein schmiedet weitere Pläne für die Zukunft. Konrad kann sich schon ein paar Aktionen vorstellen, die auch für Rotenburg interessant seien. Bisher sei eine Fotoausstellung „Wege aus der Depression“ für Frühjahr 2017 in Planung. Zunächst stand noch die Konstituierung im Vordergrund: „Das Bündnis muss sich noch strukturieren.“

Trotzdem sieht Konrad schon jetzt eine positive Entwicklung: „Es nimmt ab, dass Depressionen ein Tabuthema sind. Gerade in Niedersachsen ist der Tod des Torhüters Robert Enke ein Schlüsselereignis gewesen, das die Menschen aufgerüttelt hat.“ Da ist es auch nicht verwunderlich, dass neben der Stiftung des Diakonissen-Mutterhauses in Rotenburg auch die Robert-Enke-Stiftung das Bündnis finanziell unterstützt. Und so kann vielleicht bald auch ein weiteres Ziel des Vereins erreicht werden: ein kleines Büro mit einem Angestellten, der kontinuierlich auf das Thema Depressionen aufmerksam macht.

Der Verein „Bündnis gegen Depression im Landkreis Rotenburg“ lädt zu zwei Auftaktveranstaltungen mit Tobi Katz ein, der sein Programm „Morgen ist leider auch noch ein Tag – Irgendwie hatte ich von meiner Depression mehr erwartet“ präsentiert. Katz tritt am Freitag ab 19 Uhr im Möbelmarkt der Bremervörder Beschäftigungsgesellschaft (BBG) an der Bremer Straße 11 auf. Am Samstag kommt er ins Heimathaus nach Rotenburg. Los geht es um 19 Uhr. Der Eintrittspreis beträgt zwölf Euro an der Abendkasse.

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