„Kann die Forderung verstehen“

Kreis-Veterinär Dr. Joachim Wiedner über die Afrikanische Schweinepest

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Dr. Joachim Wiedner leitet das Veterinäramt beim Landkreis Rotenburg. Die Afrikanische Schweinepest ist beim ihm zurzeit Tagesthema. „Fakt bleibt, der Schwarzwildbestand in Deutschland muss reduziert werden“, sagt er.

Rotenburg - Von Guido Menker. Die deutschen Behörden mahnen weiter zu besonderer Wachsamkeit bei Reisenden und Landwirten, um ein Einschleppen der Afrikanischen Schweinepest aus Osteuropa zu verhindern.

Bis heute sei die Tierseuche „bei uns nicht angelangt“, so Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) in dieser Woche in Berlin. Das Risiko sei aber hoch, und ein Ausbruch hätte gravierende wirtschaftliche Folgen. „Ich appelliere an alle, Vorsichtsmaßnahmen konsequent zu beachten.“ Aber wie sehen die aus? Wir haben dazu ein Interview mit Kreisveterinär Dr. Joachim Wiedner geführt.

Herr Wiedner, was kennzeichnet eigentlich die Afrikanische Schweinepest?

Dr. Joachim Wiedner: Bei der Afrikanischen Schweinepest (ASP) handelt es sich um eine Viruserkrankung bei Schweinen, egal ob Haus- oder Wildschwein. Der Mensch erkrankt an dieser Seuche nicht, sie ist für uns ungefährlich. Das ASP-Virus unterscheidet sich völlig von dem immer mal wieder in großen Abständen aufgetretenen Virus der Europäischen Schweinepest.

Was macht sie so gefährlich?

Hierfür gibt es mehrere Gründe. Betrachten wir zunächst die „biologische Gefährlichkeit“. Drei Dinge sind besonders maßgeblich. Ein Impfstoff gegen die ASP existiert trotz intensivster Forschung nicht, die Überlebensfähigkeit des Virus in der Umwelt ist enorm und je nach Typ treten bis zu 100 Prozent Todesfälle nach einer erfolgten Infektion auf. Einmal in der Natur nachgewiesen, bedeutet wahrscheinlich das Vorkommen des Virus auf Dauer in der Natur. Das Virus kann sieben Monate in blutverschmierter Erde oder bis zu 18 Monate in verendeten ASP-infizierten Wildschweinen überleben. In Salami oder Rohschinken bleibt das Virus bis zu sechs Monate infektiös. Eine weitere bedeutsame „Gefährlichkeit“ liegt in den Konsequenzen bei einem Nachweis. Neben dann einzurichtenden sehr großen Restriktionsgebieten mit deutlichen Einschränkungen für Landwirtschaft und Jagd spielen die internationalen Handelsbeschränkungen für Schweinefleisch und Schweinefleischerzeugnisse eine herausragende Bedeutung. Nach allen bisherigen Erfahrungen mit anderen Tierseuchen werden die Drittländer ihren Import sofort stoppen. Dies hätte enorme wirtschaftliche Folgen, sowohl für die Landwirtschaft als auch für die verarbeitende Industrie.

Also ist es in der Tat sehr wichtig, alles dafür zu tun, dass sie uns nicht erreicht. Geht das überhaupt?

Ich fürchte nein. Alle Experten sind sich einig, es ist nicht die Frage ob die ASP kommt, sondern wann. Die Wahrscheinlichkeit der Weiterverschleppung steigt mit jeder geografischen Ausdehnung.

Was muss jetzt schon im Sinne einer guten Prävention unternommen werden?

Einen ganz wichtigen Punkt stellen die Information und die Aufklärung dar, sowohl für die Betroffenen, wie Landwirte und Jäger, als auch für die Bevölkerung. Große Sprünge in der Weiterverbreitung hat das Virus immer nur mit Hilfe des Menschen geschafft. Manchmal war es der illegale Handel mit Tieren, die bereits infiziert waren, manchmal ist es das unachtsame Wegwerfen von Lebensmitteln, die nicht erhitzte Schweinefleischanteile enthalten; also das berühmte Salamibrot im Wald oder auf dem Parkplatz an der Autobahn. Derartige Lebensmittel gehören, wenn sie nicht mehr gegessen werden, in geschlossene Abfallbehälter und nicht in die Umwelt. Die Veterinärbehörden beim Bund, Land und den Kommunen versuchen über Plakataktionen, die vielen Lkw-Fahrer aus den von der ASP betroffenen Ländern wie Polen, Litauen, Lettland, Estland und Ukraine zu informieren und aufzufordern, Lebensmittelreste nur in Abfalltonnen zu entsorgen. Die Saisonarbeiter in der Landwirtschaft werden ebenfalls über ihre deutschen Arbeitgeber informiert und aufgefordert, keine Lebensmittel aus den Ländern mitzubringen. Und ein weiterer wichtiger Punkt ist, dass die Jäger gefordert sind, den Schwarzwildbestand zu reduzieren.

Die Bauern fordern ja eine Reduzierung des Wildschweinbestandes um bis zu 70 Prozent. Ist das wirklich die Lösung?

Ich kann die Forderung verstehen. Rein statistisch kann man die ASP viel besser beherrschen, wenn es weniger Wildschweine gibt. Weniger Wildschweine heißt auch weniger Kontaktmöglichkeiten untereinander und damit weniger Weitergabe der Infektion.

Ist das überhaupt machbar?

Was nun exakt die richtige Prozentzahl ist, bleibt den Statistikern überlassen, andere sprechen sogar von 80 bis 90 Prozent. Fakt bleibt, der Schwarzwildbestand in Deutschland muss reduziert werden. Die große Herausforderung liegt in der praktischen Umsetzung. Wildschweine sind intelligente Tiere, die ihr Verhalten sehr genau steuern, wenn es durch vermehrte Jagd gefährlich wird. Jagd ist auch kein An-/Aus-Knopf. Nicht jeder Ansitz oder jede Drückjagd bringt den gewünschten Erfolg. Zu viele unkalkulierbare Einflüsse wirken sich auf den Jagderfolg aus, zum Beispiel das Wetter oder die Wahl des Jagdortes sowie Beunruhigung des Wildes. Für das Jagen von Schwarzwild bedarf es der Erfahrung, die Rufe nach Scharfschützen oder nach der Bundeswehr helfen nicht weiter. Die Landwirtschaft muss für eine stärkere Reduzierung des Schwarzwildes ebenfalls ihren Beitrag leisten. Erfolgreich jagen kann der Jäger nur dort, wo es ihm möglich ist. Bei den großen Maisschlägen müssen breite Jagdschneisen vorgesehen werden, Mais oder Getreide bis dicht an die Waldgrenze zu säen, macht es dem Jäger unmöglich, erfolgreich einen Schuss anzusetzen.

Wie bereitet sich der Landkreis darauf vor, wenn die Afrikanische Schweinepest auch uns erreichen sollte?

ASP ist momentan bei uns Tagesthema mit den unterschiedlichsten Schwerpunkten. Der Landkreis informiert Jäger und Landwirte im Rahmen von Vorträgen, versucht die Verbreitung mit Lebensmitteln zu verhindern und präpariert sich für den Ernstfall. Seit über zehn Jahren gibt es eine Vereinbarung der Landkreise Cuxhaven, Osterholz, Rotenburg, Stade und Verden, beim Ausbruch einer gefährlichen Tierseuche zusammenzuarbeiten. Konkret bedeutet dies die Bildung eines gemeinsamen Tierseuchenkrisenzentrums für das gesamte Gebiete der beteiligten fünf Landkreise. Hier werden die personellen Kräfte gebündelt, und alle Maßnahmen werden von dort gesteuert, sodass diese koordiniert und gleichförmig ablaufen. ASP bei Wildschweinen lässt sich nur großflächig unter Kontrolle bekommen, umso wichtiger das gemeinsame Vorgehen. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Früherkennung der Seuche. Je eher ein Virusträger erkannt wird, desto besser. Von besonderer Wichtigkeit sind verendete Wildschweine. Es hat sich in den betroffenen Ländern gezeigt, dass Ausbrüche oftmals erst bei den verendeten Tieren festgestellt werden. Aber auch Blutproben dienen der Früherkennung. Jäger sind deshalb angehalten, mit jeder Trichinenprobe dem Veterinäramt auch eine Blutprobe zu übergeben. Hierfür statten wir die Jäger mit den notwendigen Materialien aus und versenden die Blutproben zur Untersuchung. Sollten Spaziergänger ein verendetes Wildschwein finden, sollte dies unbedingt dem Veterinäramt gemeldet werden.

Wie sieht der Plan für einen solchen Fall genau aus?

Die Rechtsvorschriften und die Maßnahmen unterscheiden sich zwischen einem Nachweis beim Hausschwein oder bei einem Wildschwein. Wird die ASP bei einem Hausschwein nachgewiesen, gelten die üblichen Maßnahmen, wie Tötung der Tiere des Bestandes, Reinigung und Desinfektion der Stallungen, Einrichtung eines Sperrbezirks und Beobachtungsgebiets. Dies sind Abläufe, die wir bereits bei anderen Seuchen schon erfolgreich durchlaufen haben. Anders ist es beim Nachweis der ASP beim Wildschwein. Hier besteht die Schwierigkeit, das Virus wieder aus der Natur zu bekommen. Das Virus besitzt eine enorme Überlebensfähigkeit. In Kadavern hält es sich bis zu 18 Monaten. Wird der Tierkörper nicht gefunden, stellt dieser immer wieder eine Infektionsquelle dar. Trotz aller Schwierigkeiten muss versucht werden, jedes verendete Wildschwein zu finden, zu bergen und sicher zu entsorgen. Parallel dazu muss der Wildschweinebestand weiter gesenkt werden. Beim Nachweis der ASP bei Wildschweinen bedeutet die Pufferzone einen Radius von mindestens 30 Kilometern. Aufgrund der Größe der Restriktionsgebiete sind immer mindestens zwei Landkreise betroffen. Alle genannten Maßnahmen werden von der Behörde in verbindlichen Jagdstrategien umgesetzt. Um erfolgreich zu sein, bedarf es der Umsetzung der Strategie in einem großflächigen Gebiet. Deshalb ist das gemeinsame gleichförmige Vorgehen in den fünf Landkreisen so wichtig.

Vor diesem Hintergrund ist nachvollziehbar, dass die Landwirte Forderungen wie die nach einem großen Abschuss der Wildschweine fordern. Schließlich sind die wirtschaftlichen Folgen enorm. Aber sind die Wildschweine das einzige Problem, wenn man an die Verbreitung der Pest denkt?

Nein. Der Kontakt von Wildschwein zu Wildschwein spielt für die Weiterverbreitung eher eine untergeordnete Rolle. Der Mensch ist bei der Übertragung der ASP das größte Risiko. Da geschieht die Übertragung durch Gedankenlosigkeit, vielleicht auch aus Unwissen, wie das weggeworfene Salamibrot in der Natur. Hier sind große Distanzen schnell überbrückt, wie das Beispiel des Ausbruchs in Tschechien belegt. Durch Information besteht die Chance, die Übertragung auf diesem Weg zu vermeiden. Momentan ist ein Schwerpunkt in den Behörden informieren und aufklären. Dies betrifft Jäger, Landwirte und Bevölkerung. Nur alle gemeinsam können wir Schlimmeres verhindern und herauszögern.

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