Neues Studio ab Donnerstag / Nachwuchs gesucht

Die Zeit der Bänder ist für das Kanal-11-Fernsehteam vorbei

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Das Fernsehteam von Kanal 11 posiert vor der grünen Leinwand im neuen Studio (v.l.): Ralph Müller, Manfred Pastak, Heike Tetzlaf und Hilmer Drögemüller. 

Rotenburg - Von Joris Ujen. Ein eigener Fernsehsender nur für die Bewohner der Rotenburger Werke. Kein Wunschdenken, sondern seit 28 Jahren Realität. Am Donnerstag sind die Ehrenamtler mit Kanal 11 zum 1 207. Mal auf Sendung, eine sehr hohe Zahl, aber eigentlich keine mit Nachrichtenwert.

Allerdings ist diese Ausgabe eine ganz besondere. Denn fortan wird das Format aus einem neuen Studio samt neuem Equipment über die Flimmerkästen der Rotenburger Werke laufen. Konzept und Team bleiben gleich, nur jetzt halt gestochen scharf. Eine noch viel größere und wichtigere Neuerung ist die Barrierefreiheit zum Studio, betont das fünfköpfige Fernsehteam. 

Ab sofort können die Gäste und Fans mit dem Fahrstuhl das Studio besuchen – gerade in den Werken mit vielen Rollstuhlfahrern und Gehbehinderten sinnvoll. Beide Daumen hoch – eine Gestik, die für den Sender steht und ein jeder in den Rotenburger Werken kennt.

Mehrere hundert Zuschauer schalten jeden Donnerstag um 17 Uhr ihre TV-Geräte ein, um über die neuesten Veranstaltungen in Rotenburg informiert zu werden, unterhaltsame und lockere Interviews mit Prominenten zu sehen und neue Mitarbeiter der Rotenburger Werke kennenzulernen. 

Vor der Kamera stehen Heike Tetzlaf und Hilmer Drögemüller, die seit Anbeginn dabei sind. Wilhelm Bellmer ist ein sogenannter „Allrounder“, erzählt Drögemüller, und kümmert sich mit Ralph Müller und Manfred Pastak um die Technik. Ab und an stehen die drei Techniker auch vor der Kamera, meistens übernehmen aber Drögemüller und Tetzlaf diesen Part.

Ausstrahlung auch im Café Bunt und im Wichernhaus

Warum heißt es eigentlich „Kanal 11“? „Das hing mit den durchnummerierten Frequenzbereichen zusammen“, erklärt Müller die recht simple Namensfindung. „Dieser Kanal war halt damals nicht belegt.“ 

Die Idee kam im Jahr 1989 von Dr. Dieter Wolff, der bis 2005 Leitender Psychiater in den Rotenburger Werken war. Das Konzept der Show ist bis heute unverändert: Wichtig sei vor allem die Verständlichkeit für die Zuschauer. Kein Fachjargon, sondern einfach gehaltene Sprache. „Aber vor allem Politikern fällt das oft schwer“, verrät Sozialpädagoge Drögemüller. 

Veröffentlicht wird die Sendung nur intern, Youtube-Videos gibt es keine. Dadurch sollen auch bewusst die Persönlichkeitsrechte der Bewohner geschützt werden. Zudem entstehen so recht lockere und offene Gespräche mit den Gästen, sagt der Pädagoge. „Wir machen das nur für unsere Bewohner“, ergänzt Tetzlaf. „Viele von ihnen, vor allem ältere, sind des Lesens und Schreibens nicht mächtig, wissen durch unser Format aber immer über anstehende Veranstaltungen in Rotenburg und der Einrichtung Bescheid.“ 

Nichtbewohner können sich die Sendungen übrigens jeden Donnerstag ab 17 Uhr im Café Bunt und im Wichernhaus ansehen. Am Donnerstag informiert Kanal 11 die wahlberechtigten Bewohner über die anstehende Bundestagswahl unter anderem mit Gästen aus der Politik.

Interviews mit Schmeling und Kohl

Der Ablauf einer Kanal-11-Sendung hat sich in den vielen Jahren kaum verändert. Die Show beginnt immer mit Geburtstagsgrüßen sowie eventuellen Sterbefällen. Anschließend folgen Beiträge aus den Werken und Rotenburg, gefolgt von Veranstaltungstipps und einem oder mehreren Studiogästen. Über die Jahre kamen so in dem nun ehemaligen Studio im Dachgeschoss vom „Haus Bethel“ viele bekannte Persönlichkeiten zu Wort. Mitunter Helmut Kohl, Stefan Effenberg, Die Prinzen und Boxlegende Max Schmeling. „Ab und an wollen die Bewohner auch ältere Beiträge noch mal sehen. Zum Beispiel Aufnahmen von vor 20 Jahren. Alle Beiträge sind archiviert, und für viele ist das wie eine Art Familienfotoalbum“, erklärt Tetzlaf, die als Neuropsychologin in der Werkstatt für behinderte Menschen arbeitet.

Ein Vierteljahrhundert hat Kanal 11 auf Band aufgenommen, überwiegend auf VHS-Kassetten. „Irgendwann war aber diese Zeit vorbei“, sagt Ralph Müller. Der 69-jährige Pensionär und ehemalige Lehrer ist seit 2011 Teil des Teams und zudem Initiator der Foto- und Filmwerkstatt in Visselhövede. Ein Mann vom Fach also. Für das Hobby-Fernsehteam war es von Anfang wichtig, Freiheiten zu haben. Die wechselnden Vorstände haben ihnen laut Drögemüller dabei nie Steine in den Weg gelegt.

Spenden ermöglichen den Betrieb

Im Gegenteil: Einige anfallende Anschaffungen wurden vom Vorstand finanziell unterstützt, das meiste Geld fließt aber weiterhin über Spenden an das TV-Studio. Seit zweieinhalb Jahren filmt die Crew bereits mit einer Full-HD-Kamera, „die Vorbereitung für das neue Studio“, sagt Technikfan Müller, der ins Schwärmen gerät: „Eine Besonderheit ist auch der sogenannte ,Scaler‘, mit dem wir nun die Möglichkeit haben, die alten Videokassetten, von denen wir bestimmt 500 bis 600 Stück haben, hochzuskalieren, um sie somit in einer besseren Auflösung darstellen zu können. Die Zeit der Bänder ist vorbei.“

In ihrem neuen Studio im Textilzentrum der Rotenburger Werke hat das Team jetzt deutlich mehr Platz für sein altes und neues Equipment. Auch mit Hinblick auf eine neue Generation bei Kanal 11 sei die Digitalisierung ein notwendiger Schritt gewesen, „denn wer von den jungen Leuten kann denn heute noch mit dieser alten Technik umgehen?“, fragt sich das Fernsehteam. 

Das möchte und muss sich verjüngen. Heike Tetzlaf ist mit ihren 54 Jahren das Nesthäkchen, ihre Kollegen sind schon alle über 60 Jahre alt. Daher sucht Kanal 11 nach motivierten jungen Leuten, die sich ehrenamtlich engagieren möchten. Anfragen nimmt Hilmer Drögemüller per E-Mail an hilmer.droegemueller@rotenburgerwerke.de entgegen.

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