Junge Künstler verarbeiten Auschwitz-Eindrücke in einer Ausstellung

Spurensuche in Text und Bild

+
Bodo Lemme (v.l.) und Manfred Göx von der Cohn-Scheune sowie die Eichenschüler Iris Kamil und Till Petersen bereiten die Ausstellung zum Gedenktag vor.

Rotenburg - Von Ulla Heyne. Der große ovale Tisch im ersten Geschoss der Rotenburger Cohn-Scheune ist mit Schwarz-Weiß-Fotos übersät: Bilder von menschenleeren Flächen, von Gebäuden hinter Stacheldrähten, von Gleisen, die unweigerlich auf das Tor des Vernichtungslagers von Auschwitz zulaufen: Eine Perspektive ohne Zukunft, eindringlich, beklemmend. Es sind die Bilder des 17-jährigen Schülers Till Petersen, die hier ab dem 27. Januar ausgestellt werden.

Dieses Datum hat historische Bedeutung: Vor 71 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz von russischen Streitkräften befreit. Es wird auch in Rotenburg begangen, wechselseitig ausgerichtet von den Rotenburger Werken und der Stadt Rotenburg. Dass auch die Betreiber des kleinen jüdischen Museums den Termin aufgreifen, ist fast einem Zufall zu verdanken, wie Beisitzer des Fördervereins Bodo Lemme erklärt: „Zuerst wollten wir Till Petersen vertrösten, als er vor einigen Wochen wegen einer Ausstellung anfragte“, erklärt Lemme, schließlich läuft die derzeitige Exposition „Unter dem Schnee“ mit Collagen von Monica Schefold zu den Texten der Bremer Lyrikerin Inge Buck noch bis zum 20. Januar.

Doch schnell erkannten er und seine Mitstreiter die glückliche Fügung hinter der Anfrage – und deren Brisanz. Im Boot ist nämlich auch Mitschülerin Iris Kamil. Die 18-Jährige, ebenfalls Teilnehmerin der Eichenschul-Studienfahrt des zwölften Jahrgangs, hinter dem ein internationales Begegnungsprojekt mit Polen und England stand, war auf Spurensuche nach ihren jüdischen Vorfahren. In Auschwitz wurde sie fündig: Auf einem der langen Reihen von Fotos der hierhin Deportierten entdeckte sie einen Cousin ihres Urgroßvaters, in den Listen standen die gleichen Namen wie im mitgebrachten Familienstammbuch. „Das hat mir fast die Füße unter dem Boden weggezogen“, erinnert sich die Eichenschülerin. Zu Papier bringen konnte sie ihre Erfahrungen lange Zeit nicht; zur Ausstellung will sie sie jedoch erstmals für die Öffentlichkeit in Worte fassen: „Es muss in den Köpfen bleiben, was die Deutschen damals getan haben.“ Schilderungen aus Sicht der Betroffenen gebe es viel zu wenige.

Aber auch die Fotografien haben es in sich: „In ihrer farblichen Reduktion, ihrer Kälte, spiegeln sie eindringlich die Ausweglosigkeit der Menschen wieder“, zeigt sich Vorstandsmitglied Manfred Göx beeindruckt. Dabei wollen die Organisatoren die Ausstellung nicht als Konkurrenz zu den Gedenkveranstaltungen verstanden wissen, sondern als Ergänzung. „Viel zu oft, auch im Schulunterricht, wird das Thema Nationalsozialismus zu abgehoben behandelt – hier kommt es herunter ins tatsächliche Leben einzelner Menschen“, so Lemme. Für ihn liegen die Parallelen zwischen der Rotenburger Familie Cohn, deren Spur sich mit den Transportpapieren nach Auschwitz verliert, und dem der Vorfahren von Iris Kamil auf der Hand.

Die fotografische und textliche Spurensuche ist bis Mitte Februar jeweils mittwochs und sonntags in der Zeit von 14 bis 18 Uhr zu sehen; am Donnerstag, 27. Januar, werden die beiden jungen Künstler ab 16 Uhr für Fragen zur Verfügung stehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

20. Etappe: Froome hat vierten Toursieg so gut wie sicher

20. Etappe: Froome hat vierten Toursieg so gut wie sicher

Gute Stimmung auf dem Campingplatz beim Deichbrand

Gute Stimmung auf dem Campingplatz beim Deichbrand

Bartels trifft gegen Ex-Club, aber Werder verliert

Bartels trifft gegen Ex-Club, aber Werder verliert

Israel nimmt nach Anschlag Bruder des Attentäters fest

Israel nimmt nach Anschlag Bruder des Attentäters fest

Meistgelesene Artikel

Sattelzug hat 17 Tonnen Hühnerkot zu viel geladen

Sattelzug hat 17 Tonnen Hühnerkot zu viel geladen

Chester Bennington beim Hurricane: „Einer der besten Auftritte“

Chester Bennington beim Hurricane: „Einer der besten Auftritte“

Das Herz der Stadt ist seit 30 Jahren autofrei

Das Herz der Stadt ist seit 30 Jahren autofrei

Mirjana Prather: Freibad statt Ärmelkanal

Mirjana Prather: Freibad statt Ärmelkanal

Kommentare