Jugendamt sucht nach Pflegeeltern für minderjährige unbegleitete Flüchtlinge

Zwischen großem Herz und harter Realität

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Die meisten unbegleiteten Flüchtlinge sind zwischen 15 und 17 Jahre alt.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Es ist wenige Wochen her, da hat das Jugendamt des Landkreises per Aufruf nach Pflegeeltern für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge gesucht. Darauf haben sich rund 70 Interessierte gemeldet, berichtet Jugendamtsleiterin Karin Ritter. Was aber mit der Aufnahme eines solchen Jugendlichen verbunden ist, ist nicht jedem klar.

Dass schon nach dem ersten Aufruf so viele potenzielle Pflegeeltern angerufen haben, freut Ritter: „Wir sind froh und dankbar über die große Bereitschaft, die Jugendlichen aufzunehmen.“ Doch dabei müsse einiges beachtet werden.

Das „Verfahren“ beginnt mit einem Telefoninterview. Darin werden die Eckdaten geklärt. „Rund die Hälfte scheidet dabei schon aus“, berichtet Ritter. Ein Grund dafür: falsche Vorstellungen. „Hart gesagt: Es ist eben nicht das vierjährige syrische Mädchen, sondern der 17-jährige Junge, den sie aufnehmen könnten“, so Ritter. Es reiche manchmal nicht aus, nur ein großes Herz zu haben, manchmal sehe die Realität anders aus. Gerade deswegen sei es wichtig, so etwas vorab telefonisch zu erklären, bevor die Interessenten besucht werden.

Einen Termin dafür gebe es, sobald einige für das Jugendamt wichtige Dokumente eingetroffen sind, darunter ein erweitertes Führungszeugnis sowie eine ärztliche Bescheinigung. „Es ist wichtig, dass die möglichen Pflegeeltern psychisch und physisch belastbar sind“, erklärt Ritter.

Es folgt eine etwa vierwöchige Prüfungsphase der Dokumente und ein Hausbesuch. Dabei loten die Mitarbeiter des Jugendamtes aus, ob sich die Interessenten tatsächlich dafür eignen, einen jugendlichen Flüchtling aufzunehmen. Es werde begutachtet, wie die häuslichen Verhältnisse aussehen. „Die Frage ist: Wie lebt die Pflegefamilie? Sind Mutter und Vater berufstätig? Muss sich noch jemand um die pflegebedürftige Großmutter kümmern? Ist genügend Platz vorhanden?“, so Ritter.

Dass so viele Gespräche geführt werden, sei wichtig, um alles gründlich zu klären, betont die Jugendamtsleiterin. Sie ist überzeugt: „Eine vorschnelle Aufnahme geht schief. Damit tun wir keinem Minderjährigen einen Gefallen.“ Das Ziel des Jugendamtes sei es, die jungen Menschen in stabile, belastbare Familien zu geben, „zu denen wir Vertrauen haben“. Dazu befragen die Mitarbeiter auch die leiblichen Kinder der Familie. „Meist wollen diejenigen aufnehmen, die schon eigene Kinder haben“, berichtet Ritter. Normalerweise sei es sogar üblich, die Pflegeeltern bei Infoveranstaltungen auf ihre Aufgabe vorzubereiten. Das werde in diesem Fall im Anschluss nachgeholt.

Wenn dann ein Jugendlicher vermittelt werden soll und sich eine Familie gefunden hat, steht ein erstes Treffen an. „Es kann ja auch sein, dass die Chemie nicht passt. Der Funke muss überspringen“, so Ritter.

Momentan steht noch keiner der Jugendlichen zur Vermittlung an. Viele wollen wohl auch gar nicht, vermutet Ritter. Die Pflegeeltern müssten sich darüber im Klaren sein, dass es sich um Heranwachsende – noch dazu mitten in der Pubertät – handelt, die wissen, was sie wollen. „Und sie wollen häufig, dass ihre Familien aus ihrem Herkunftsland nachziehen.“ In vielen Fällen würden die männlichen Jugendlichen von den Familien vorgeschickt. Andere sind während der Flucht von ihren Angehörigen getrennt worden, oder die Eltern sind gar gestorben. „Das heißt für die Pflegeeltern, dass sie offen sein müssen für einen anderen Kulturkreis. Das fängt bei der Ernährung und der Wertvorstellung an“, so Ritter.

Die Frage sei zudem, ob es überhaupt möglich ist, einen 17-Jährigen noch zu erziehen. „Manche wollen vielleicht gar nicht in einer Pflegefamilie unterkommen.“ Dann müsse das Jugendamt andere Möglichkeiten in Erwägung ziehen, zum Beispiel betreutes Wohnen.

Wenn unbegleitete minderjährige Ausländer – so der rechtliche Terminus, der mit UMA abgekürzt wird – im Landkreis Rotenburg auftauchen, nimmt das Jugendamt sie vorläufig in Obhut und führt zunächst ein sogenanntes Erstscreening durch: Woher kommt der Jugendliche? Wie alt ist er? Wie steht es um seine Gesundheit? Bei der Notunterkunft in der Lehnsheide-Kaserne in Visselhövede habe sich schon herauskristallisiert: Die meisten, die ankommen, sind männlich und zwischen 15 und 17 Jahre alt, berichtet Jugendamtsleiterin Karin Ritter.

Das Jugendamt des Landkreises ist weiterhin auf der Suche nach Pflegeeltern für unbegleitete minderjährige Ausländer. Interessierte können sich unter der Telefonnummer 04261/ 9832501 oder per E-Mail an jugendamt@lk-row.de melden.

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