Stille Nacht, streitvolle Nacht

Jugendamt des Landkreises Rotenburg stellt sich auf unruhige Tage ein

Hoffen darauf, dass das Weihnachtsfest in den Familien friedlich bleibt: Jugendamtsleiterin Ulrike Helle und Sozialdezernentin Imke Colshorn.
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Hoffen darauf, dass das Weihnachtsfest in den Familien friedlich bleibt: Jugendamtsleiterin Ulrike Helle und Sozialdezernentin Imke Colshorn.

Die hohen Erwartungen an die besinnliche Zeit erfüllen sich oft nicht, in vielen Familien spitzen sich die Probleme zu. Es kommt deshalb zu Krisensituationen, in denen Hilfe von außen gefragt ist. Sozialarbeiter des Jugendamts des Landkreises sind an den Weihnachtsfeiertagen erreichbar.

Rotenburg – Weihnachten im Kreise der Familie, mit einem geschmückten Baum, einer festlich gedeckten Tafel und einem Berg liebevoll verpackter Geschenke – so stellen sich zumindest die Filmemacher den Heiligabend vor. Doch die Wirklichkeit sieht häufig anders aus. Die hohen Erwartungen an die besinnliche Zeit erfüllen sich oft nicht, in vielen Familien spitzen sich stattdessen die Probleme zu. Es kommt deshalb zu Krisensituationen, in denen Hilfe von außen gefragt ist.

Sozialarbeiter des Jugendamts des Landkreises Rotenburg sind deshalb auch an den Weihnachtsfeiertagen über die Notfallnummer 112 erreichbar. „Wenn akute Probleme auftreten, können wir schließlich nicht sagen: Rufen Sie bitte am Montag noch einmal an“, erklärt Sozialdezernentin Imke Colshorn, die deshalb großen Wert darauf legt, dass das Jugendamt über ausreichend Personal verfügt.

Dies gelte besonders an Weihnachten, obwohl es im vergangenen Jahr trotz der Pandemie ruhiger war als zunächst befürchtet. „Wir machen uns deshalb auch in diesem Jahr keine Sorgen – sind aber darauf vorbereitet, wenn es zu Krisensituationen kommt. Insgesamt ist der Bedarf in den vergangenen Monaten aufgrund der Coronakrise gewachsen“, betont Jugendamtsleiterin Ulrike Helle.

Sie habe festgestellt, dass sich deutlich mehr Familien hilfesuchend an das Jugendamt wenden. Es gebe außerdem mehr Meldungen über mögliche Kindeswohlgefährdungen. „Wir haben besonders während der Lockdowns eine geballte Überforderung festgestellt. Wenn Eltern neben Hausarbeit und Homeoffice nebenbei auch noch die Kinder betreuen, geraten sie oft an ihre Grenzen. Es gibt Kinder, die haben nicht einmal ein eigenes Zimmer, dann fehlt der Rückzugsort“, so Helle.

Muss kurzfristig etwas passieren, weil eine akute Gefährdung vorliegt, hat das Jugendamt die Möglichkeit, Kinder je nach Bedarf für einige Tage oder Wochen unterzubringen. „Wir haben aktuell drei Familien, die sich für eine Bereitschaftspflege zur Verfügung gestellt haben. Für Kinder, die älter als zehn Jahre sind, haben wir im Landkreis außerdem eine Inobhutnahmestelle. Insgesamt ist der Bedarf jedoch größer, sodass wir zwei weitere Familie suchen“, klärt Ulrike Helle auf.

Die Bereitschaftspflege-Familien bieten einem oder mehreren Kindern im Alter bis maximal zwölf Jahren Schutz und Unterstützung in einer Notsituation. Nach spätestens drei Monaten werde entschieden, ob die Kinder wieder bei ihren Eltern wohnen können oder eine Fremdplatzierung für alle Seiten die beste Lösung ist.

Interessierte Familien, die sich vorstellen können, ein Kind aufzunehmen, sollten über ausreichend Wohnraum verfügen und Erfahrung bei der Betreuung haben. Weitere Informationen gibt es unter www.lk-row-de/bereitschaftspflege.

Kinder und Jugendliche, die Beratung suchen, haben auch an den Festtagen die Möglichkeit, die „Nummer gegen Kummer“ zu wählen. Unter 116117 können sich Hilfesuchende montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr kostenlos und anonym informieren. Erwachsene, die Hilfe suchen, können außerdem die Erziehungsberatungsstelle in Anspruch nehmen. „Das Angebot richtet sich an Eltern, die zunächst einfach mal reden wollen“, erklärt Imke Colshorn.

Die Arbeit des Jugendamts habe ich sich seit Ausbruch der Pandemie insgesamt verändert, berichtet Leiterin Ulrike Helle: „Wir übernehmen seither zahlreiche neue Aufgaben und stellen uns auf neue Verordnungen und Gesetzesänderungen ein, zum Beispiel auf die des Sozialgesetzbuchs VIII sowie des Jugendhilfe- und Kindertagesstättengesetzes.“

Die Pandemie habe gezeigt, dass auch im digitalen Zeitalter, in denen oft bereits Grundschüler ein Smartphone hätten, die persönlichen sozialen Kontakte wichtig seien. Weil Ferienzeiten nicht oder nur in geringerem Ausmaße möglich sind, hat der Jugendhilfeausschuss in seiner jüngsten Sitzung dafür gestimmt, auch Tagesfahrten zu fördern. „Kinder brauchen hin und wieder eine Auszeit. Ich wünsche mir für das kommende Jahr insgesamt mehr Stabilität. Die Verunsicherung war in den vergangenen Monaten oft groß“, bedauert Ulrike Helle.

Mit Sorge beobachten sie und ihre Kollegen, dass im Moment die Jugendbegegnungstätten nicht mehr so gut besucht werden: „Mit Mitteln aus dem Landes-Förderprogramm ,Startklar in die Zukunft‘ wollen wir Projekte entwickeln, um wieder mehr Jugendliche zu erreichen.“ Von dem Programm profitiert der Landkreis Rotenburg als öffentlicher Träger der Jugendhilfe genauso wie die Gemeinden und Städte sowie freie Träger der Kinder- und Jugendhilfe.

Seit 2010 war Helle als Mitarbeiterin im Jugendamt tätig, ehe sie 2018 die Leitung der Behörde übernommen hat. 117 Mitarbeiter sind dort aktuell beschäftigt. Und die Arbeit des Jugendamts, freut sich Helle, werde heute in der Öffentlichkeit viel positiver wahrgenommen. „Die Zeiten, in den die Mitarbeiter im Kleppermantel die Familien besucht haben, sind endgültig vorbei.“

Heute liege der Fokus stattdessen immer mehr in der Präventionsarbeit. „Im Rahmen der Frühen Hilfen unterstützen wir unter anderem das Familienforum Simbav in Rotenburg, das DRK und das Familienzentrum Panama in Bremervörde. Alle Familien profitieren heute von einem großen Angebot, unabhängig davon, ob es Schwierigkeiten gibt.“

Auch in anderen Bereichen habe es einen großen Wandel gegeben. So habe sich zum Beispiel die Kita-Landschaft in den vergangenen Jahren weiterentwickelt, hin zu Bildungseinrichtungen mit ausgeweiteten Betreuungszeiten. Das Familienservicebüro, das zum Jugendamt gehört, koordiniere die Familienbesuche von Ehrenamtlichen in jungen Familien und übernehme außerdem die Fachberatung von Kindertagesstätten und die Aus- sowie Weiterbildung von Kindertagespflegestellen.

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