Jürgen Cassier über den Wolf im Landkreis Rotenburg / Naturschutzamtsleiter warnt vor Panikmache

„Er kommt zurück. Und das ist gut so.“

+
Jäger, Forstoberrat, Amtsleiter und ehrenamtlicher Wolfsberater des Landkreises: Jürgen Cassier.

Rotenburg - Von Michael Krüger. Er würde sich freuen, sagt Jürgen Cassier im Interview mit der Kreiszeitung, wenn er in seinem Revier irgendwann mal einen Wolf sehen dürfte. Doch dort, wo der Leiter der Unteren Naturschutzbehörde des Landkreises mit Landrat Hermann Luttmann gemeinsam auf Pirsch geht, ist es noch nicht soweit.

Woanders schon: Spuren, Bilder und Beobachtungen mehren sich, dass Isegrim zurückkehrt. Der 64-jährige Cassier spricht als ehrenamtlicher Wolfsberater des Kreises über die Gründe der Rückkehr, mögliche Gefahren und die Vorbehalte mancher Kollegen in der Jägerschaft.

Warum soll der Wolf hier wieder heimisch werden?

Jürgen Cassier: Die Frage ist eine andere: Warum will der Wolf hier wieder heimisch werden? Es ist eine überraschende Entwicklung. Bis zum Jahr 1904 wurden die Wölfe hier ausgerottet. Danach hat man als Jäger allenfalls mal etwas über den Wolf gelesen. Dass sie es von alleine wieder geschafft haben, sich aus ihren bisherigen Lebensräumen wieder zu verbreiten, ist eine erstaunliche Entwicklung. Ich sehe Parallelen zu anderen Tierarten, die wir seit Jahrzehnten hier nicht mehr hatten: Fischotter, Kranich, Seeadler. Der Wolf ist ein Bestandteil unserer internationalen Artenvielfalt.

Wieso kommt der Wolf denn zurück?

Cassier: Es gibt einen einfachen Grund: Polen ist Mitglied der EU geworden. Somit galten auch dort EU-Naturschutz-Vorgaben. Nach diesen ist der Wolf eine streng geschützte Tierart. Bis zu diesem Zeitpunkt konnte der Wolf in Polen gejagt werden. Auch in der DDR war die Jagd noch zulässig. Dann war Schluss damit. 2000 kamen dann die ersten Wölfe nach Sachsen-Anhalt. Anders als von einigen behauptet, wurde der Wolf nicht ausgesetzt. Es ist eine ganz natürliche Entwicklung der polnischen Population. In andere Gebiete Deutschlands wandern Tiere aus anderen Bereichen ein – aus Italien oder Spanien. Die Anzahl der Beutetiere in einem Revier bestimmt die Population Wenn diese nicht mehr ausreichen, um alle Wölfe zu ernähren, müssen einige Tiere abwandern. Das genau geschieht hier jetzt.

Wie lange gab es keine Wölfe mehr im Landkreis?

Cassier: Mitte der 70er Jahre wurde in Horstedt noch ein Wolf geschossen. Aber das waren einzelne Wölfe, die auf ihren alten Fernwechseln unterwegs waren oder sich verirrt hatten. Das war aber keine mit heute vergleichbare Expansion.

Ist der Wolf gefährlich?

Cassier: Der Wolf ist in der Regel für den Menschen ungefährlich. Wir gehören nicht zu seinem Beuteschema. Es gibt eine Studie norwegischer Wissenschaftler, die die Übergriffe auf den Menschen seit von den 60er Jahren bis 2000 untersucht. Dabei kam heraus: Es gab fünf tödliche Übergriffe tollwütiger Wölfe. Von diesen Wölfen kann eine Gefahr ausgehen. Gefährlich kann es auch werden, wenn der Mensch den Wolf an sich gewöhnt, ihn zu nah an sich heranlässt, ihn sogar füttert. Auf der anderen Seite gibt es eine Statistik zu tödlichen Beißunfällen mit Hunden von 1968 bis 2000 in Deutschland: 26 durch Schäferhunde, fünf durch Rottweiler, fünf durch Doggen, vier durch Mischlinge, drei durch Pittbulls... Das ist eine ganz andere Größenordnung. Die Gefahr, die durch den Hund ausgeht, ist ungleich größer.

Woher stammt dann diese diffuse Angst in der Bevölkerung?

Cassier: Da muss man einige Jahrhunderte zurückgehen. Als wir noch Jäger und Sammler waren, war der Wolf ein Bruder. Man hat gemeinsam gejagt und voneinander profitiert. Die Probleme begannen erst, als der Mensch sesshaft wurde und begann, Vieh im Wald zu halten. Damit ist der Mensch in die Lebensräume der Wölfe vorgedrungen. Die natürliche Beute der Wölfe wurde stark dezimiert, also bediente er sich bei den Kühen oder Ziegen. Es gab dann auch Übergriffe auf Menschen – der Wolf wurde zum Feind und nahm eine teufelsähnliche Gestalt an. Es war ein regelrechter Vernichtungsfeldzug. Alles Schlechte, was passierte, wurde dem Wolf zugeschrieben, in Erzählungen und Märchen. Das sind Geschichten, die wir alle gehört haben, und deswegen haben wir ein ungutes Gefühl.

Wie viele Wölfe können hier im Landkreis leben, ohne dass es Probleme gibt?

Cassier: Der Platz für Wölfe richtet sich nach ihrer Nahrungsgrundlage. Wir haben im Landkreis Rotenburg einen Überbestand an Dam-, Reh- und Schwarzwild. Damit ist genug Nahrung für Wölfe vorhanden. Wenn man es auf die Fläche des Kreises hochrechnet, dann kommt man auf maximal drei Rudel. Das ist aber eine vage Voraussage.

Wie viele Tiere wären das dann?

Cassier: Ein Rudel besteht nicht aus 40 oder 50 Tieren. Es besteht aus dem Elternpaar, aus dem diesjährigen und dem vorjährigen Nachwuchs. Die älteren Jungtiere helfen noch bei der Aufzucht, dann müssen sie abwandern.

Wo sind Wölfe im Landkreis Rotenburg bislang nachgewiesenermaßen aufgetaucht?

Cassier: Nachgewiesen durch mich und vom Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz bestätigt sind die drei Schafsrisse in Borchel im vergangenen Jahr. Dazu gab es Sichtungen bei Alfstedt und Kuhstedt. Wobei das Wölfe waren, die sich hauptsächlich im Grenzbereich mit dem Kreis Cuxhaven aufhalten. Und dann liegt die Vermutung nahe, dass es sich aktuell bei dem Wildriss in Ahausen um einen Wolf gehandelt hat. Diesbezüglich steht aber die abschließende Beurteilung der DNA-Analyse noch aus. Es gab auch andere Bilder aus Wehldorf, Granstedt oder Wense, da dürfte es sich aber zumeist um wilde Hunde gehandelt haben.

Lebt hier im Landkreis bereits ein Wolf?

Cassier: Das Tier im Nordkreis ist eine Fähe, die allein vornehmlich im Raum Cuxhaven unterwegs ist und einen sehr großen Aktionsradius hat. Sie kommt aus dem Rudel in Munster und ist auf der Suche nach einem Partner. Die Wölfe, die wir bislang hier sehen, sind auf der Wanderung und suche neue Territorien und Geschlechtspartner. Ich hoffe nur, dass sie dabei nicht auf Hunde treffen. Denn wenn sich Wolf und Hund kreuzen, haben wir ein Problem.

Was wäre daran schlimm?

Cassier: Bei einer großen Gruppe wäre es nicht schlimm. Aber bei unserer kleinen Population hier könnte eine Vermischung stattfinden, die in der Natur nicht akzeptiert wird. Aus dieser Situation könnte sich eine Gewöhnung an den Menschen herausbilden, die zu Problemen führt. Diese Tiere müsste dann eingefangen werden.

Was tue ich, wenn ich als Läufer im Wald einem Wolf begegne?

Cassier: Stehen bleiben, den Wolf anschauen und mit ihm reden. Dann wird er sich zu 99 Prozent verziehen. Bei jungen Wölfen kann es natürlich passieren, dass diese neugierig sind und hinterher laufen.

Was tue ich als Hundehalter, wenn ich einen Wolf sehe?

Cassier: Das gleiche. Solange der Hund in Ihrer Nähe bleibt, wird er als Anhängsel des Menschen betrachtet und ignoriert. Der Hund kann aber auch zum Geschlechtspartner oder Konkurrenten werden, wenn er in das Territorium des Wolfes eindringt.

Wo halten sich Wölfe auf?

Cassier: Das, was ich bisher an Bildern gesehen habe, hat mich erstaunt. Ich dachte früher eher an große, naturbelassene Räume weitab und menschenleer. Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Die Wölfe sind teilweise tagsüber unterwegs, und auch in Randbereichen menschlicher Besiedlung. Borchel war so ein Beispiel. Der Wolf ist im Wald und auf Feldern unterwegs – dort, wo die Rehe stehen. Was das Rudel braucht, ist ein ungestörter Platz, wo die Jungen aufgezogen werden können. Eine Höhle und später ein Rendezvousplatz, wo sich Welpen und Elterntiere zur Fütterung treffen.

Warum sind Sie gegen die Wolfsstreifgebiet-Warnschilder, die hiesige Jäger unter anderem in Fintel bereits aufgestellt haben?

Cassier: Ich habe bislang überhaupt keine Kenntnis darüber, dass dort tatsächlich Wölfe gesehen wurden. Das wird behauptet.

...aber die Schilder stören doch nicht.

Cassier: Sie haben eine abschreckende Wirkung. Viele Menschen fragen an, ob sie da überhaupt noch hingehen dürfen. Und die Schilder sind fachlich nicht solide. Wolfsstreifgebiet ist im Grunde genommen ganz Deutschland. Das kann man nicht an einem Ort festmachen. Das einzige, was erreicht wird: Es wird Angst geschürt. Und zwar dort, wo es gar keinen Grund gibt, Angst zu haben. In anderen gebieten ist die Chance des Aufeinandertreffens viel größer. Ich weiß, warum einige Jäger solche Schilder gerne aufstellen: Um möglichst wenig Spaziegänger in ihrem Revier zu haben.

Geht die Ausbreitung des Wolfes zu schnell, wie Kritiker sagen?

Cassier: Sie geht schneller als erwartet. Wobei wir auch nicht wissen, mit welchen Problemen die Wölfe bei der Ausbreitung noch zu rechnen haben.

Für welche Tierarten könnte eine höhere Population gefährlich werden?

Cassier: Solange wir diese hohe Wilddichte haben, sehe ich überhaupt keine Gefahr. Der Wolf gehört in unser Ökosystem. Beutegreifer nehmen immer nur so viel weg, dass sie ihre Nahrung nicht zugrunde richten. Anders als der sogenannte Spitzenregulator Jäger kann der Wolf die Tiere anders beurteilen. Er jagt nach anderen Kriterien: Er holt sich junge oder kranke Tiere. Diesbezüglich ist er Profi. Der Jäger selektiert nach anderen Vorstellungen.

Also ist der Wolf nicht der Feind des Wildes, sondern der Jäger?

Cassier: Es gibt einen Großteil an Jägern, die den Wolf als Konkurrenten des Jagdvergnügens sehen. Manch einer vertritt die Ansicht, es seien seine Rehe. Aber Rehe gehören niemandem. Sie sind herrenlos. Ich kann die Jäger aber beruhigen: Die Jagdstatistiken in den Gebieten, wo sich wieder Rudel angesiedelt haben, zeigen, dass die Abschusszahlen nicht sinken.

Jäger als Wolfsbeauftragte – macht man damit nicht den Bock zum Gärtner?

Cassier: Nein, warum? Jäger sind draußen vor Ort präsent und haben den Erhalt der Artenvielfalt zur Aufgabe. Die Jägerschaft ist ein anerkannter Naturschutzverband. Durch die Kooperationsvereinbarung der Landesjägerschaft mit dem Umweltministerium beteiligen sich die Jäger am Wolfsmanagement und akzeptieren die Einwanderung des Wolfes. Die Wolfsberater setzen sich nicht aus nur aus Jäger und Förster zusammen, selbst ein Berufsschäfer gehört dazu.

Müssen Wölfe bald auch wieder bejagt werden, um sie scheu zu halten?

Cassier: Das ist zurzeit überhaupt nicht erforderlich. Momentan sind Europa in Mitteleuropa weiterhin vom Aussterben bedroht und müssen deshalb geschützt werden. Wenn wir hier wieder eine tragfähige Population haben, die sich über hundert Jahre selbst erhalten kann, dann ist der Zeitpunkt gekommen, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Die Probleme mit den Nutztieren müssen wir anders lösen – über Schadensregulierung und andere Haltungsformen.

Welche Tiere kommen nach dem Wolf noch zurück in den Landkreis?

Cassier: Der Biber. Ihn gibt es an der Wümme im Kreis Verden bereits. Bei vielen anderen Tiere kann ich keine Prognose abgeben. Ich hätte, als ich hier anfing, nie gedacht, dass wir hier wieder den Seeadler haben. Ich hätte nie an die Rückkehr des Fischotters oder der Kraniche geglaubt. Plötzlich hat sich irgendwas verändert. Was ich nicht für erforderlich halte, manche sind da ja sehr konsequent: Der Bär muss wieder her, der Luchs... Das müssen wir uns nicht antun. Solange etwas von alleine passiert, kann man es verfolgen. Aber ich würde es nicht forcieren. Wir siedeln den Wolf auch nicht an. Er kommt. Und das finde ich gut.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Deutsche U21 nach Elfmeter-Krimi im EM-Finale

Deutsche U21 nach Elfmeter-Krimi im EM-Finale

Bilder: Deutschland setzt sich im Elfmeterschießen gegen England durch

Bilder: Deutschland setzt sich im Elfmeterschießen gegen England durch

Kreiszeltlager der Jugendfeuerwehr: der Dienstag in Aschen

Kreiszeltlager der Jugendfeuerwehr: der Dienstag in Aschen

Totenmesse für Altkanzler Helmut Kohl in Berlin

Totenmesse für Altkanzler Helmut Kohl in Berlin

Meistgelesene Artikel

Lent-Kaserne soll Namen behalten 

Lent-Kaserne soll Namen behalten 

Rotenburger Kreistag plädiert für den Namen Lent-Kaserne

Rotenburger Kreistag plädiert für den Namen Lent-Kaserne

Kommentare