Johannes Stephens über Flüchtlings-Integration in der Pandemie

„Campus eine Art soziale Insel“

Koch-Abende für geflüchtete Frauen gehören zum Angebot von Martina Hoffstedt (M.), deren Arbeit laut Johannes Stephens, Referent des Vorstandes und Pressesprecher im Diakonissin-Mutterhaus, aufgrund der Pandemie nun in anderen Formaten stattfindet.
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Koch-Abende für geflüchtete Frauen gehören zum Angebot von Martina Hoffstedt (M.), deren Arbeit laut Johannes Stephens, Referent des Vorstandes und Pressesprecher im Diakonissin-Mutterhaus, aufgrund der Pandemie nun in anderen Formaten stattfindet.

Rotenburg – Was macht die Pandemie mit der Integration von Flüchtlingen? An welchen Stellen sind grundsätzliche Veränderungen bei dieser Arbeit erforderlich? Wir haben mit Johannes Stephens darüber gesprochen. Er ist Referent des Vorstandes und Pressesprecher im Diakonissin-Mutterhaus. Unter diesem Dach wird die Flüchtlingsarbeit in der Kreisstadt koordiniert.

Herr Stephens, Corona verdrängt viele Themen, die deswegen aber noch lange nicht erledigt sind. Inwieweit betrifft das auch die Integration der geflüchteten Menschen in der Kreisstadt?

Corona hat ja im Grunde alles verändert für uns als soziale Organisation und besonders für die Menschen, die wir betreuen und unterstützen. Mit Beginn der Corona-Pandemie geriet alles andere aus dem Blick. Die Lebensbedingungen und Integration von geflüchteten Menschen und viele weitere soziale Randgruppen waren von jetzt auf gleich kein Thema mehr. Auch heute noch ist der Bereich der Flüchtlingshilfe nahezu komplett aus dem Fokus geraten – auch die schrecklichen Zustände in den Flüchtlingslagern vor der europäischen Grenze. Wie jeder hier lebende Mensch sind auch die Flüchtlinge voll von der Corona-Pandemie und ihren Auswirkungen betroffen.

Was macht die Pandemie mit der Integration?

Integration kann nur durch ein kommunikatives Miteinander gelingen. Durch Kommunikation und vor allem Interaktion mit anderen hier lebenden Einheimischen wird die Integration erst möglich. Die Pandemie hat diesen Prozess nun deutlich verlangsamt beziehungsweise durch die Kontaktbeschränkungen auch teilweise ausgesetzt. Damit steigt wieder die Sprachbarriere, wenn die deutsche Sprache nicht mehr täglich geübt werden kann.

An welchen Stellen hakt es besonders?

Auch in Bezug auf das Ehrenamt beschäftigen uns ein paar Sorgen. Vor der Pandemie gab es rund 70 Menschen, die sich in diesem Bereich ehrenamtlich engagiert haben. Die Pandemie hat dies fast komplett gestoppt oder ins Digitale verlagert. Doch der persönliche Kontakt zwischen den Ehrenamtlichen und den geflüchteten Menschen lässt sich digital kaum ersetzen. Auch die Arbeitssuche ist deutlich schwieriger geworden für Menschen mit Migrationshintergrund und keiner hohen fachlichen Qualifikation. In Deutschland zählt ja oftmals, was auf dem Papier steht, als Voraussetzung für einen Job. Letztens habe ich dazu den passenden Begriff „Scheinkompetenz“ gehört. Dies trifft es ganz gut.

Wie ist Ihr Eindruck, wenn Sie auf dem Campus in Unterstedt zu Gast sind oder mit Flüchtlingen sprechen, die schon eine eigene Wohnung bezogen haben? Wie geht es ihnen?

Es fehlen eindeutig die sozialen Kontakte und der Austausch mit den Ehrenamtlichen sowie den Einheimischen. Der Campus ist zu einer Art sozialer Insel geworden. Besonders die Kinder machen uns Sorgen. Ihnen fehlen der soziale Kontakt und die Interaktion mit anderen Kindern am meisten. Für die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und Fluchterfahrungen ist es momentan eine Art „Warteraum“. Sie können sozial kaum noch interagieren mit Einheimischen, versuchen im Home Schooling zu lernen und dennoch steht die Integration aktuell fast komplett still.

Ein wesentlicher Teil der Integration ist die Sprache. Wie steht es um den Deutschunterricht für die Flüchtlinge?

Die Volkshochschule fehlt eindeutig. Alle Bewohner des Campus, die daran teilnehmen könnten, sind für die Deutschkurse auch bereits angemeldet. Nun warten sie darauf, dass es endlich losgehen kann. Denn Integration funktioniert eben nur mit Sprache.

Hinter der Integration von Flüchtlingen steht ein großes Netzwerk. Wie lässt sich diese Zusammenarbeit in der jetzigen Phase aufrechterhalten?

Es geht den Ehrenamtlichen gut, und sie sind unermüdlich weiter dabei. Die Aufgaben haben sich gewandelt, und die Ehrenamtlichen haben dies angenommen. Die Ehrenamtlichen unterstützen die geflüchteten Menschen nach allen Möglichkeiten. Aktuell ist es wieder sehr schwierig, weil es eben keinen persönlichen Kontakt mehr geben kann. Jedoch haben sich schnell digitale Kommunikationsmöglichkeiten gefunden. Auch heute sind die Ehrenamtlichen weiter mit den Flüchtlingen in Verbindung und unterstützen diese nach Möglichkeiten. Dies geschieht durch Social Messenger, Telefongespräche und Videoanrufe. Das Café Campus ist zurzeit natürlich nicht möglich. Daher bleiben die spontanen Treffen auf der Strecke.

Praktika, Probearbeit oder auch andere Versuche, beruflich Fuß zu fassen, dürften zurzeit recht schwer sein. Wie ist da der Stand der Dinge?

Auch die Integration in den Arbeitsmarkt und durch den Arbeitsmarkt ist aktuell nur sehr eingeschränkt möglich. Vereinzelt ergeben sich individuelle Lösungen und Vereinbarungen mit Arbeitgebern, die nach dem Motto handeln „Das Leben geht doch trotz Corona auch weiter.“ Einige Unternehmen kämpfen wirtschaftlich ums Überleben und haben natürlich keine weiteren Kapazitäten frei. Doch gerade die Gewinner der Krise, zum Beispiel Lieferdienste, suchen aktuell dringend weiteres Personal. Hier gelingt es immer wieder, Jobs zu vermitteln. Vor Kurzem kam sogar ein Rotenburger Unternehmen auf den Campus und hat ganz gezielt für Auszubildende für das nächste Azubi-Jahr angefragt. Diese positiven Erfahrungen freuen uns und machen Hoffnung.

Inwieweit hat sich angesichts der Pandemie das Leben auf dem Campus für die Menschen noch einmal verändert?

Das Leben auf dem Campus ist deutlich ruhiger geworden. Doch zugleich leben die Menschen dort nun verstärkt in einer Gemeinschaft untereinander. Der Campus ist zu einer Art Insel geworden, gerade auch weil dort aktuell keine Besuche von Ehrenamtlichen möglich sind. Hier hoffen wir, dass es bald besser wird.

Welche Projekte konkret sind nach wie vor machbar, welche sind vorübergehend eingestellt?

Im Prinzip sind aktuell alle Projekte auf dem Campus eingestellt. Dies betrifft die Fahrradwerkstatt, die Holzwerkstatt, die Nähwerkstatt, den ehrenamtlichen Deutschunterricht und das Café Campus. Sonst war dort ja immer viel los, und es kamen fast täglich Ehrenamtliche. Dies ist aktuell leider nicht so.

Die Flüchtlingsarbeit, die das Diakonissen-Mutterhaus angeschoben hat vor fünf Jahren, ist abhängig auch von finanzieller Unterstützung der Diakonie. Kann diese Arbeit aufrechterhalten werden, oder steht zu befürchten, dass das Mutterhaus diese einstellen wird?

In erster Linie wird die Flüchtlingssozialarbeit des Diakonissen-Mutterhauses auf dem Campus von der Stadt refinanziert. Aktuell haben wir eine Zusammenarbeit bis Ende des Jahres vereinbart und hoffen sehr, dass es auch im kommenden Jahr noch weitergehen wird. Der Bedarf an Sozialarbeit und Wohnmöglichkeiten für geflüchtete Menschen ist ja unverändert vorhanden und wird weiterhin benötigt. Auch das Diakonische Werk in Niedersachsen fördert einzelne Projekte. Dies sind dann immer zeitlich begrenzte, punktuelle Förderungen Die Ehrenamtskoordination wird seit September 2017 von der Aktion Mensch gefördert, und diese Unterstützung läuft noch bis einschließlich August 2022.

Was bedeutet das für die Koordinatorin dieser Arbeit, Martina Hoffstedt?

Die Arbeit von Frau Hoffstedt hat sich gewandelt und findet nun in anderen Formaten statt. Sie ist natürlich weiterhin in Kontakt mit den Ehrenamtlichen und unterstützt diese in diesen herausfordernden Zeiten. Dies geschieht vor allem digital und auf Distanz. Martina Hoffstedt telefoniert viel, schreibt Nachrichten in Social Messenger-Diensten oder als E-Mail. Insgesamt ist sie sehr bemüht, den Kontakt zu jedem einzelnen Ehrenamtlichen aufrechtzuerhalten und diese zu unterstützen.

Viele Menschen leiden sehr unter der Corona-Situation. In nicht wenigen Fällen kommt es zu psychischen Problemen. Viele Flüchtlinge haben schlimme Erfahrungen gemacht vor und während der Flucht. Brechen da womöglich psychische Wunden wieder auf?

Den Mitarbeitenden auf dem Campus ist nicht bekannt, dass es zu neuen Traumata kommt. Die geflüchteten Menschen kämpfen aktuell mit den gleichen Herausforderungen wie alle anderen Menschen in Deutschland auch.

Inwieweit stellt sich das Mutterhaus angesichts der Vorhaben in der Flüchtlingsarbeit in dieser neuen Realität neu auf?

Das Mutterhaus hat schnell gelernt, viele Bereiche neu digital aufzustellen. Wir haben Schutzkleidung, FFP2-Masken und Schnelltests für unsere Mitarbeitenden besorgt. Der persönliche Gesundheitsschutz steht für uns an oberster Stelle. Doch ein Homeoffice ist für die Sozialarbeit auf dem Campus nicht möglich. Dies muss weiter persönlich und vor Ort erfolgen. Hier tun wir alles, damit sowohl die Mitarbeitenden als auch die geflüchteten Menschen auch weiterhin bestmöglich geschützt sind gegen das Virus.

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