Johannes F. Faget von „Fogelvrei“ über die Faszination am Mittelalter und gestiegene Kosten für das Pfingstspektakel

„Die Zeiten sind härter“

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Johannes F. Faget kommt mit seinem mittelalterlichen Markt nach Rotenburg.

Rotenburg - Von Inken Quebe. Kreuzzüge, Pest, Hundertjähriger Krieg – das Mittelalter gilt als eine dunkle Epoche. Am Heimathaus in Rotenburg haben die Besucher ab Sonnabend wieder Gelegenheit, einen Einblick zu erhalten, wie es damals gewesen sein könnte: Das Pfingstspektakel steht an. Dahinter steckt Johannes F. Faget, der die Veranstaltungsfirma „Fogelvrei“ leitet. Im Interview erzählt er, warum er sich trotzdem keine Zeitmaschine wünscht und warum es schwieriger geworden ist, einen solchen Markt zu finanzieren.

Herr Faget, wie sind Sie darauf gekommen, zu diesem Thema eine Veranstaltungsfirma zu gründen?

Johannes F. Faget: Ich habe als Jugendlicher mit 15, 16 Jahren schon historische Musik gemacht. Damals fing das Interesse an historischer Musikdarbietung zum Beispiel mit Ougenweide an. Der Amerikanismus war ein bisschen vorbei. Da suchten die Menschen die Wurzeln der deutschen Musik. Zu dieser Zeit habe ich zum Beispiel Straßenmusik in Rotenburg ob der Tauber gemacht und mich dadurch als Künstler weiterentwickelt. Auch später im Studium habe ich meine Semesterferien damit verbracht, Straßenmusik zu machen. Damit habe ich mein Studium finanziert. 1989 bin ich dann in Japan als Künstler engagiert worden und habe dort als Projektkoordinator für einen japanischen Vergnügungspark gearbeitet. Die hatten dort Deutschland als Kernthema – das war dann Mittelalter, Märchen und bayrische Kultur. In diesem Rahmen habe ich inszeniert, nach Akteuren gesucht und Künstler gebucht. Nach drei Jahren kam ich zurück nach Deutschland und habe die Firma weiter nach vorne gebracht.

Der Name der Firma fällt schon auf. Wieso schreiben sie eigentlich „fogelvrei“ nicht in der richtigen Schreibweise?

Faget: Der ursprüngliche Begriff „vogelfrei“ war im Mittelalter ziemlich negativ belegt. Die Vogelfreien waren Rechtlose und aus der Gesellschaft ausgestoßen. Rechtschreibung war außerdem früher nicht wichtig, man durfte so schreiben, wie es einem in den Sinn kam. Ich hab das v und das f also damals umgedreht, um mich von den Vogelfreien abzusetzen.

Was interessiert die Menschen an einem mittelalterlichen Markt?

Faget: Das Thema ist akut geworden, weil sich die Menschen mehr auf Geschichte bezogen haben, weil es immer mehr gab, die zum Beispiel nach den eigenen Wurzeln gesucht haben. Andere wollten der Welt entfliehen und etwas anderes tun. Da gab es viel mehr Gruppen. Bei uns ist aber der Erfahrungshorizont schon groß. Wir wollen ein kulturhistorisches Projekt präsentieren, relativ stark an dem angelehnt, was uns die Geschichte vorgibt. Es eröffnet sich für die Menschen eine gesamte mittelalterliche Welt, in der der Besucher – wir machen regelmäßig Umfragen – mindestens drei bis vier Stunden verweilt. Viele geben auch an, den ganzen Tag zu bleiben, denn es gibt einfach unglaublich viel zu erleben. Die Leute suchen vor allem Entschleunigung. Die Menschen nehmen sich Zeit, beim Schmied oder der Korbflechterin zuzugucken, wie etwas entsteht. Sie schauen auch beim Drechsler zehn Minuten zu und sehen, wie aus einem Baumstamm ein Honiglöffel wird. Bei uns ist so, dass man sich die Zeit dafür nehmen soll. Das hat einen pädagogischen Hintergrund: Wir möchten altes Handwerk erhalten und zeigen, wie die Dinge so entstanden sind. Im Gegensatz zu unserer heutigen Welt, in der wir die Gegenstände auf dem Tisch im Supermarkt präsentiert bekommen.

Ist der Markt denn eine authentische Abbildung des Mittelalters?

Faget: Speziell in den Heerlagern wird mit recht hohem Anspruch Forschung betrieben. Wir holen uns einmal im Jahr auch Wissenschaftler dazu, die bei uns Vorträge halten und mit denen wir im Austausch stehen. Wir reflektieren schon über Wahrhaftigkeit und Folklore in der Darstellung. Im Marktbereich müssen wir teilweise folkloristisch arbeiten. Wir müssen den Besucher da abholen, wo er herkommt, nämlich aus der Neuzeit. Wir nehmen ihn dann über verschiedene Kunstgriffe mit in die mittelalterliche Welt.

Wie funktioniert das genau?

Faget: Das machen wir zum Beispiel über die Sprache. Es gab früher keine Autos, keine Kinderwagen und auch keine Feuerzeuge. Wir übersetzen das in einen mittelalterlichen Sprachduktus. Feuerzeuge sind dann Drachenzungen, Autos sind Stinkende-Kutschen und Kinderwagen sind Lustkutschen. Wir machen – so nenne ich das – kreativen Anachronismus.

Das heißt?

Faget: Wir wissen, wie es damals gewesen sein könnte, aber wir passen das an die heutige Zeit an, damit sich der Besucher darüber Gedanken macht, dass es solche Dinge früher eben noch nicht gab – im theatralischen Bereich. Aber: Wir müssen auch die neuesten Hygienevorschriften berücksichtigen. Vorne sieht ein Versorgungsstand „authentisch“ aus, aber letztlich sind die Tischplatten gewienert und lackiert, im Hintergrund ist moderne Technik, es laufen intern Stromverbindungen zum Beispiel für die Kühlung. Das war im Mittelalter alles nicht gegeben. Wir vermeiden, dass Abwasser einfach in die Gasse zu kippen, so wie es damals war. Wir stellen den Besuchern ordentliche Sanitäranlagen zur Verfügung. Wir bauen also einen versteckten, modernen Background.

Wie ist denn die Rückmeldung seitens der Forschung?

Faget: Ich habe dafür schon positive Rückmeldung von einem Geschichtsprofessor erhalten, mit dem ich einmal zusammen gearbeitet habe. Obwohl unsere Umsetzung des Themas Mittelalter populistische Züge trägt, weil der Besucher zum Beispiel mit den Akteuren in Kontakt tritt und wir viel zur Unterhaltung anbieten. Er meinte: „Wenn Sie nicht wären, gebe es gar keinen Nachwuchs in der Geschichtswissenschaft mehr. Sie bringen die Kinder und die Eltern dazu, sich wieder damit zu befassen.“

Woher haben Sie die Infos, wie ein mittelalterlicher Ort ausgesehen hat?

Faget: Die gibt es in alten Dorfordnungen, darüber können wir uns dem annähern, welche Regeln, Irrungen und Verbote es im Rahmen des Markthaltens gab. Hieraus ist die Inszenierung unserer historischen Markteröffnung entstanden, bei der in Rotenburg auch eine Vertreterin des Magistrates zugegen sein wird. Es ist interessant, sich zuerst theoretisch mit der Geschichtsschreibung auseinanderzusetzen. Die gewonnenen Erkenntnisse dann dramaturgisch im nächsten Schritt auf das Marktgefüge zu transportieren und mit Künstlern und Marktvolk zu inszenieren.

Was ist denn für Sie selbst so faszinierend am Mittelalter?

Faget: Die Entschleunigung und die greifbare, schlichte Struktur. Die Welt war noch nicht globalisiert. Es war noch alles überschaubar. Es gab eine feste Verortung des Menschen innerhalb der Ständeordnung, sie waren nicht haltlos in der Welt unterwegs. Das Faszinierende ist das Spannungsfeld zwischen den Problematiken der heutigen Welt und den Erfahrungen aus der Vergangenheit. Wir müssen die Geschichte begreifen, um für das Jetzt zu lernen.

Wünschen Sie sich manchmal eine Zeitmaschine?

Faget: Dazu habe ich auch eine passende Aussage von einem Historiker: „Bloß nicht zurück ins Mittelalter: Die Seuchen, der Dreck, die Krankheiten.“ Ich möchte auf gar keinen Fall im Mittelalter leben. Auch nicht für einen Tag. Das ist nicht mein Ansatz. Es ist spannend, Dinge darüber zu lesen und daraus Analysen zu ziehen, aber zurück reisen möchte ich nicht. Bei unserem Markt kommt aber häufiger die Frage auf, ob das nicht eine Art von Flucht in eine andere Welt ist. Bei den Heerlagern ist das auch mit Sicherheit so, denn da sind Leute dabei, die machen das als Hobby, aber mit sehr viel Akribie und Engagement. Ich möchte trotzdem lieber an der heutigen Welt dran bleiben und darin etwas bewegen – auch politisch.

Finanziert sich das Projekt denn eigentlich einzig über den Eintritt und die Einnahmen vom Markt?

Faget: Die Zeiten sind in den vergangenen Jahren härter geworden. Früher hatten wir ganz schnell mal eben 10000 Besucher auf dem Platz. Da hat sich das Projekt-Volumen durch den Eintritt schnell refinanziert. Das ist mittlerweile sehr viel schwerer. Aktuell finanziert es sich nicht, wir müssen schon sehr viel Glück haben, dass bei einem Projekt Überschuss bleibt und der verraucht schon meist bei dem nächsten, schlechter besuchten Markt. Das ist auch der Grund, weshalb es nicht mehr 30 Projekte sind, sondern nur noch 12, die dann aber auch stabil sind. Selbst bei denen gibt es ein dramatisches Risiko.

Woran liegt das?

Faget: Das hat viele Gründe. Das kommt zum einen daher, dass es mehr Märkte von unterschiedlicher Qualität gibt. Zum anderen sind die Auflagen der Behörden viel höher – das fängt beim einfachen Plakat an. Außerdem sind die Werbekosten hochgegangen, und dafür erreicht man nicht mehr so viele Menschen. Die Leute reisen heute aus maximal 50 Kilometern an, früher waren es 200. Vor allem junge Menschen dazu zu bewegen, zu unserem Markt zu kommen, ist schwer. Wobei es da einen Wandel gibt. Die, die vor 25 Jahren als Kinder mit ihren Eltern so etwas erlebt haben, sind jetzt wieder dabei. Das ist in letzter Zeit häufiger passiert, dass ich von denen angesprochen wurde. In der Besucherstruktur findet also ein Generationswechsel statt. Das lässt mich hoffen, dass wir stabil bleiben und wieder Besucherwachstum bekommen.

Und speziell in Rotenburg?

Faget: Der Samstag war in Rotenburg meist sehr schwach besucht. Statt diesen Tag komplett aufzugeben wollten wir hier etwas Besonderes machen. Abends hatten wir in Rotenburg früher stets einen Pestzug, um auch einmal die dunkle Seite des Mittelalters zu zeigen – aber mit einer selbst auferlegten Altersbeschränkung ab 12 Jahren in Begleitung von Erwachsenen. Die Inszenierung war wegen der Emotionalität nicht geeignet für kleinere Kinder, die das nicht als reines Schauspiel verdauen können. Sie nehmen das ungefiltert wahr. Das hat dazu geführt, dass die Familien am Abend weggeblieben sind. Mit dem Ziel für den Samstagabend ein attraktives, anderes und familientaugliches Zusatzmodul für eine dreitägige Veranstaltung zu entwickeln, haben wir das Thema Mystik bearbeitet – und nehmen das im Sinne von Mythen und Legenden aus dem Mittelalter mit in die Gesamtumsetzung auf. Kinder lieben Elfen und Feen – und so hatten wir eine Grund-Idee zur Hand, eine Abendveranstaltung speziell für Familien zu entwickeln.

War die schwierige finanzielle Lage ein Aspekt, das Projekt um die mystische Welt zu erweitern?

Faget: Das war eine Idee im Rahmen der „Herr der Ringe“-Filme und dem PC-Spiel „World of Warcraft“ – also erstmal auch populistisch angeknüpft. Ich bin kein Computerspiele-Freak, aber ich sehe den Zeitgeist, der sich da entwickelt hat. Ich habe seit Ende der 90er immer wieder analytisch den Fantasy-Rollenspiel-Bereich beobachtet, um eine mögliche Zielgruppe für mein Projekt generieren zu können.

Das Pfingstspektakel

Los geht es Sonnabend um 18 Uhr wenn die Fanfaren ertönen und der Markt beginnt. Für 19 Uhr ist der Gaukler Tumalon angekündigt. Ab 20 Uhr erwartet die Besucher ein Auftritt der Band Scherbelhaufen, im Anschluss tanzen die Marktleute. Ab 21.15 Uhr geht es vorwiegend um Legenden und Mythen aus dem Mittelalter – die Besucher tauchen in eine mystische Welt ab.

Sonntag öffnen die Stände um 11 Uhr. Die offizielle Markteröffnung ist für 12 Uhr geplant. An diesem Tag gibt es im Heerlager auch ein Landsknechttheater mit Bundschuh. Das Programm läuft an beiden Tagen bis 23 Uhr. Der Montag steht im Zeichen der Kinder. Das vollständige Programm ist auch auf der Internetseite abrufbar.

www.fogelvrei.de

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