Ruf nach mehr Rücksicht

Kreisjägerschaft-Chef Marco Soltau über Wildunfälle im Frühjahr

Wildwechsel-Schild
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Mit solchen Schilder, wie sie unter anderem an der B 75 zu finden sind, soll auf einen vermehrten Wildwechsel hingewiesen werden.

Rotenburg – Gerade in der dunklen Jahreszeit kommt es im Landkreis zu Wildunfällen. Irrtum, sagt Marco Soltau, Vorsitzender der Rotenburger Kreisjägerschaft. Vor allem im April sei das Risiko hoch, dass einem Rehwild vor die Motorhaube läuft. Warum das so ist, was Autofahrer selbst dazu beitragen können, solche Unfälle zu vermeiden, welche offiziellen Präventionsmaßnahmen es im Landkreis gibt und an welcher Stelle es noch hakt – darüber haben wir uns mit dem 53-Jährigen unterhalten.

Herr Soltau, wann haben Sie das letzte Mal zu einem Wildunfall ausrücken müssen?

Erst vor zwei Wochen wurde uns von einem Landwirt ein Rehkitz mit einem abgebrochenen Lauf gemeldet, das bei ihm auf dem Acker saß. Wir konnten das Tier zeitnah erlösen und mussten feststellen, dass es zuvor eine Kollision mit einem Auto gehabt haben musste. Dieser Wildunfall wurde nicht gemeldet. Eine Woche zuvor wurde an fast gleicher Stelle die dazugehörige Mutterricke bei einem Verkehrsunfall getötet.

Für Sie und Ihre Jagdkollegen sind solche Fälle sicher keine Seltenheit.

Leider gehört es zum Alltag vieler Jäger, angefahrene Tiere zu suchen, gegebenenfalls zu erlösen und zu bergen. In manchen Revieren passieren jährlich mehr als 100 Wildunfälle. Bedauernswerterweise werden häufig Wildunfälle nicht gemeldet. Sie tauchen daher auch nicht in den Statistiken von Polizei und Versicherung auf. Hier findet man eher zufällig Tage später verletzte oder tote Tiere.

Warum finden denn keine Meldungen statt?

Die Gründe sind vielfältig: kein Schaden am Fahrzeug, Alkohol am Steuer, keine Teilkasko-Versicherung und Termindruck sind nur einige Beispiele.

Die Jagdpächter werden also zu den Unfallorten gerufen. Was passiert dann?

Wir suchen und bergen die Stücke, um sie anschließend zu entsorgen. Häufig findet man angefahrenes Wild erst nach sehr langer Nachsuche mit dem ausgebildeten Jagdhund. Der Einsatz dauert also von einer Stunde bis hin zu mehreren Tagen. Noch lebende Stücke, die in der Nähe des Unfallortes aufgefunden werden, sind immer so schwer verletzt, dass sie keine Überlebenschance haben. Festzuhalten ist: Wild ist herrenlos. Es gehört zunächst auch nicht den Jägern. So liegt auch die Verantwortung zur Verminderung von Wildunfällen nicht bei uns. Selbst das Entsorgen von Fallwild stellt einen ehrenamtlichen Einsatz der Revierinhaber dar.

Im Herbst, das ist allgemeinhin bekannt, quert Wild besonders häufig die Straßen. Dass es statistisch gesehen im April zu den meisten Unfällen kommen soll, war mir neu.

Politisch gesehen hat das zuständige Ministerium in Niedersachsen die Jagdzeiten auf gewisse Tiere verlängert, indem man sie statt bisher im Mai jetzt schon im April freigibt. Hinter vorgehaltener Hand munkelt man, dass der Hauptgrund für die Jagdzeit im April der mangels erleichterte Abschuss „baumfressender“ Tiere im Wald ist. Einige Waldbesitzer sehen Reh- und Damwild nämlich als Forstschädlinge an. Der größte Waldbesitzer bei uns ist das Land Niedersachsen selbst, vertreten durch das Ministerium, das die Jagdzeiten verordnet.

Marco Soltau ist Berufsjäger.

Ein Reh, das bereits im April gestreckt wird, macht halt in dieser Vegetationsperiode also keinen Schaden mehr?

Richtig. Unumstritten ist der Lebensraum Wald stark gebeutelt. Bedingt durch eine suboptimale, ertragsorientierte Waldwirtschaft in der Vergangenheit führten Dürre, Borkenkäferinvasion, Windwurf und weitere Faktoren zu gravierenden Schäden, die in den nächsten Jahren nachgepflanzt werden müssen. Das Bemühen, Jungbäume vor Verbiss zu schützen, ist nachvollziehbar. Bei der Größe der geschädigten Flächen ist ein Einzäunen teuer und schwer umsetzbar. Solch eingezäunte Flächen können dann auch vielen Tieren nicht mehr als Lebensraum dienen. Daher bleibt hier nur die temporäre Absenkung des Wildbestandes.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang das Reh?

Dass es überhaupt im April vermehrt zu Wildunfällen kommt, daran ist das Reh tatsächlich zu einem Großteil beteiligt. Diese Tierart bezieht jetzt in die Sommereinstände. Ein Rehbock sucht sich ein Revier und vertreibt jüngere Konkurrenten; eine Ricke kommt in den Bereich, in dem sie ihre Kitze zur Welt bringen will. Die Vorjahreskitze müssen nun plötzlich ohne mütterliche Fürsorge auskommen. Bisher brauchten sie nur der aufmerksamen Mutter zu folgen, nun sind sie auf sich allein gestellt. Der Nahrungsbedarf nach dem Winter ist hoch. Während im Spätherbst und Winter der Körper eher auf Energieerhaltung eingestellt ist, nutzen die Tiere die saftigen Frühjahrspflanzen, um die Energiespeicher wieder aufzufüllen. In unserer Landschaft mangelt es diesbezüglich an Abwechslung, und so müssen Hase und Reh ungewöhnlich weite Strecken bei der Nahrungssuche zurücklegen – wobei auch immer Straßen zu kreuzen sind.

Also ist das Reh am häufigsten an den Unfällen beteiligt.

Ja, und zwar je nach Region zu 50 bis 80 Prozent. Es werden aber zum Beispiel auch viele Hasen an- oder überfahren, nur dass hier selten Schäden am Fahrzeug entstehen und daher nicht die Polizei informiert wird.

Wie sollte man sich in dem Moment verhalten, wenn das Tier vors Auto läuft?

Ein Wildunfall ist häufig für den Fahrer nicht zu vermeiden, wenn man mit den zulässigen 100 km/h auf Landstraßen unterwegs ist. Die plötzlich auf die Straße springenden Tiere lassen kaum eine Chance zum sicheren Ausweichen. Deshalb gilt: Lenkrad festhalten und besonders stark bremsen, ohne die Fahrbahn zu verlassen oder in den Gegenverkehr zu gelangen. Sollte es zu einem Beinahe-Unfall kommen muss immer mit nachfolgenden Tieren gerechnet werden. Hier bleibt vielleicht noch Zeit, zu hupen.

Zur Person 

Seit dem vergangenen Jahr ist Marco Soltau, Jahrgang 1967, Vorsitzender der Kreisjägerschaft. In Ostervesede betreibt der Berufsjäger eine eigene Jagdschule. 2017 wurde Soltau von der Landesjägerschaft Niedersachsen (LJN) mit der Verdienstmedaille für besondere Verdienste um die Jagdscheinausbildung ausgezeichnet. Unter anderem ist der zweifache Familienvater in der Reihe seiner Ehrenämter auch Vorsitzender der Damwildhegegemeinschaft Scheeßel-Lauenbrück und Geschäftsführer des Damwildringes Rotenburg-Verden.

Wie der Deutsche Jagdverband meldet, soll die in Coronazeiten steigende Zahl von Waldspaziergängern auch zu einem Anstieg der Wildunfälle geführt haben. Sehen Sie aus Ihrer Erfahrung hier auch einen Zusammenhang?

Homeoffice, Kontaktbeschränkungen, Kurzarbeit und Einschränkungen im Freizeitangebot führen dazu, dass sich deutlich mehr Menschen erholungssuchend in der Landschaft bewegen. Sei es als Spaziergänger, Jogger, Fahrradfahrer oder beim Familienausflug ins Grüne: jedes Mal werden Wildtiere gestört, die dann flüchten, um später in den vertrauten Bereich zurückzukehren. Eigentlich müsste man bei einem geminderten Berufsverkehr in den Morgen- und Abendstunden rückläufige Zahlen erwarten. Hier sieht man die teilweise dramatische Auswirkung der Störung durch rücksichtlose Erholungssuchende. Interessant auch, dass die Nachfrage nach Hunden als Haustier im Laufe des Jahres sprunghaft gestiegen ist. Als ein Resultat daraus finden wir immer mehr Tiere, die von wildernden Hunden gerissen wurden. Bei ihren Jagdausflügen hetzen Hunde Tiere, die kopflos Straßen überqueren. Erst am 1. April beginnt bei uns die gesetzliche Anleinpflicht in freier Landschaft, die dann leider von vielen Bürgern immer noch ignoriert wird.

Gibt es eine Region bei uns im Landkreis, in der besonders viele Wildunfälle auftreten?

Unser Landkreis ist ja über 2 000 Quadratkilometer groß. Alle Wildunfallschwerpunkte aufzuzählen, fällt da schwer. Grundsätzlich kann man sagen, dass in Deckungsbereichen, also bei Straßen, an die Wald grenzt, oft Wildunfälle passieren. Hinzu kommen traditionelle Wildwechsel-Straßenkreuzungen. Häufig haben Jäger in diesen Bereichen blaue Wildwarn-Reflektoren an den Begrenzungspfosten angebracht. Sie sollen eigentlich die Aufmerksamkeit des Wildes erhöhen, wenn sich Fahrzeuge nähern. Die dauerhafte Wirkung auf Tiere ist jedoch umstritten. Zumindest aber geben sie den Fahrzeugführern einen Hinweis auf Wildunfallschwerpunkte. Bei Stückpreisen um fünf Euro kann sich jedenfalls jeder Autofahrer denken, dass das nicht zum Spaß passiert ist.

Wo wir auch schon bei der Verhinderung von Wildunfällen sind. Welche Möglichkeiten gibt es noch?

Erst einmal ist jeder Fahrzeugführer in der Verantwortung, durch erhöhte Aufmerksamkeit und angepasste Geschwindigkeit solche Unfälle zu verhindern. Eine gewisse Anzahl ist jedoch unvermeidbar. Es gab bereits 2009 ein aufwendiges Projekt im Landkreis, um Wildunfälle zu reduzieren. Die Aktion „Drei Beine – ein Ziel“ wurde von den Jägern in Zusammenarbeit mit Verkehrswacht, Polizei und weiteren Stellen mit großem Aufwand betrieben. Vielerorts konnte die tatsächliche Zahl der Wildunfälle zumindest kurzzeitig reduziert werden. Leider ist dem Projekt die Puste ausgegangen, was vermutlich auch daran lag, dass zu viele Stellen an einem Strang hätten ziehen müssen. Grundstückseigentümer könnten erheblich dazu beitragen, wenn sie dichten Bewuchs an Straßen auslichten würden. Erholungssuchende sollten sich respektvoll als Gast in der Natur bewegen und das Ruhebedürfnis der Tiere beachten. Wald und Feld sind in erster Linie der Lebensraum frei lebender Tiere und nicht der Abenteuerspielplatz für Hund, Quad- oder E-Bikefahrer, Geocacher und Crossläufer.

Und an welchen Stellen hapert es noch?

Die Mängel sind sehr vielschichtig. Zum Beispiel müssten Fahrzeugführer meiner Meinung nach mehr in die Verantwortung genommen werden. Den Teilkaskoversicherern ist es gleich, wie viele Wildunfälle passieren. Mehr Schadensersatz wird durch höhere Beiträge finanziert. Die Meldung eines Teilkaskoschadens nach einem Wildunfall hat keine Auswirkung auf die Höhe der Prämien des einzelnen. Nicht zeitgemäß sind die Regeln, wann Warnschilder oder gar Geschwindigkeitsbeschränkungen wegen Wildunfallschwerpunkten aufgestellt werden dürfen. Die Möglichkeiten, temporäre Geschwindigkeitsbeschränkungen etwa in der Damwildbrunft einzurichten, könnten besser sein. Und wenn es solche gibt, fehlt es an der Überwachung, denn die wenigen „mobilen Blitzer“ sind voll ausgelastet. Und: Es müsste eine Möglichkeit geben, dass Jäger ihre Informationen über Wildunfälle in die selbe Liste melden, in der die polizeilich aufgenommenen stehen. Nur so kann das tatsächliche Ausmaß erkannt werden.

Wie präzise ist denn die Erfassung generell?

Während noch vor zehn Jahren Wildunfälle nur nach großen Streckenabschnitten registriert wurden, kann man heute Schwerpunkte schon besser identifizieren. Ein Tierfundkataster ermöglicht es als kostenfreie App jedem Bürger zudem, das Auffinden toter Tiere zu melden. Das hilft, Statistiken zu vervollständigen. Auch erscheint mir die Kooperation zwischen Polizei und Jägern besser geworden zu sein. Vielerorts war es sehr schwierig, in Erfahrung zu bringen, welcher Revierinhaber wo zuständig ist. Häufig waren die Kontaktdaten veraltet. Wenngleich hier das Optimum für die schnelle Informationsweitergabe noch nicht erreicht ist, sehe ich aber Fortschritte.

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