Stolperstein für Zeugen Jehovas / Erinnerung an NS-Opfer

Jede Menge Gedenkorte

Im Haus „Kirchstraße 9“, in dem heute Ferdinand Klemme seinen Laden hat, hat ein Jahr lang, bis 1934, Heinrich Mathias gelebt. Für den Schlosser und Zeugen Jehovas, der später in einem Konzentrationslager getötet wurde, soll dort im kommenden Jahr ein Stolperstein verlegt werden.
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Im Haus „Kirchstraße 9“, in dem heute Ferdinand Klemme seinen Laden hat, hat ein Jahr lang, bis 1934, Heinrich Mathias gelebt. Für den Schlosser und Zeugen Jehovas, der später in einem Konzentrationslager getötet wurde, soll dort im kommenden Jahr ein Stolperstein verlegt werden.

Rotenburg –  Heinrich Mathias. Der Name wird vielen Rotenburgern zunächst nichts sagen. Vielleicht aber ab dem kommenden Jahr ein wenig mehr: Denn dann soll für ihn ein Stolperstein verlegt werden. An der Kirchstraße 9, dort, wo er zuletzt gewohnt und gearbeitet hat, bis er zunächst in Haft kam und später, nach einer fast zehnjährigen Oddyssee, in der Tötungsanstalt Hartheim im Schloss Hartheim durch Gas umgebracht worden ist. Mathias war Schlosser – und Zeuge Jehovas. In den Augen der Nationalsozialisten war das Grund genug, ihn einzusperren – sie hatten die Organisation 1933 verboten. Der Grund dafür: Die Zeugen Jehovas verweigerten den Kriegsdienst und den Hitlergruß. „Als Zeuge Jehovas ist Jehova, also Gott, der höchste, und sie konnten daher nicht den Hitlergruß machen“, so der Lauenbrücker Heinz Promann, der in den vergangenen Monaten Einzelheiten aus dem Leben des Schlossers zusammengetragen hat.

Auf den Namen ist er über einen anderen Zeugen Jehovas gekommen: Willi Sommerfeld, ein Bibelforscher, der in Unterstedt gelebt hat. „Er wurde auch verhaftet, kam ins KZ Sachsenhausen und ist dort im Frühjahr 1939 verhungert“, weiß der ehemalige Geschichtslehrer. Über Sommerfeld habe er viele Originalunterlagen gefunden, darunter Verteidigungsschriften von ihm. Als eine seiner Schülerinnen vor seiner Pensionierung eine Performance über Sommerfeld macht, sichtet Promann danach die alten Gerichtsakten und stolpert über den Namen Heinrich Mathias. Er forscht weiter, findet heraus, dass die Wümmestadt der letzte Aufenthaltsort von dem gebürtig aus dem Ruhrgebiet stammenden Mathias war.

1894 kommt dieser als Sohn eines Zechenschmiedes in Eickel, heute Wanne-Eickel, zur Welt. Er lernt Schmied, wird später Schlosser. Als Erwachsener zieht Mathias nach Otterndorf, von dort nach Rotenburg. Trotz des Verbots verteilt er Flugblätter in Rotenburg und Verden, klebt sie an. Und er trifft sich mit Gleichgesinnten. Ein langer Aufenthalt in Rotenburg war ihm dann auch nicht vergönnt: Mathias wird ein knappes halbes Jahr nach seiner Ankunft verhaftet.

Er landet zunächst im Verdener Gefängnis, wird ein halbes Jahr später vom Sondergericht Hannover weiter verurteilt. Im Herbst 1935 landet Mathias in der dortigen Strafanstalt – angeordnet wurde Schutzhaft, ein von den Nationalsozialisten oft gewähltes Instrument, um Regimegegner zu bekämpfen. „Die Bevölkerung musste vor solchen Elementen beschützt werden, hieß es damals“, weiß Promann. Deswegen wurde Mathias immer weiter eingesperrt.

1937 schließlich landete der Schlosser im KZ Sachsenhausen, 1940 kam er ins KZ Dachau. „Er hat lange durchgehalten“, sagt Promann. Eine Chance hatte er dennoch nicht: Am 16. Februar 1942 kam Mathias mit einem Häftlingstransport nach Hartheim, wo er noch am gleichen Tag ermordet wurde – sein Todesdatum war allerdings verschleiert worden, offiziell sei er erst über einen Monat später gestorben, hieß es damals in Berichten.

Über die Zeugen Jehovas, die ebenfalls unter den Gräueltaten der Nationalsozialisten gelitten haben, wird aber heute wenig gesprochen. „Es ist eine Opfergruppe, die noch häufig vergessen wird“, so der Geschichtsexperte. Mit einem Stolperstein, der an der Kirchstraße verlegt wird, soll eine Form der Erinnerung geschaffen werden, damit sie eben nicht in Vergessenheit gerät. „Wir brauchen jede Menge Gedenkorte“, findet Promann.

Der Kulturausschuss der Stadt Rotenburg hat sich in seiner jüngsten Sitzung einstimmig für die Verlegung dieses Stolpersteins ausgesprochen. Bereits mehrere dieser Steine sind im Stadtgebiet als Teil der Erinnerungskultur verlegt worden. Für die Familie Cohn und ihre Angestellten sowie drei Steine für jüdische Bewohner der Rotenburger Werke, vor dem früheren grünen Tor eingelassen und zwei weitere im Eingangsbereich des Krankenhauses für zwei zwangssterilisierte Frauen, die dabei gestorben sind. Einen weiteren gibt es im Landkreis noch, im Nachbarort Scheeßel. Aber auch weitere Menschen aus Rotenburg sind in der NS-Zeit verfolgt sowie gefoltert worden und in Konzentrationslagern gestorben, „unter anderem eben auch Heinrich Mathias“, erklärte Bürgermeister Andreas Weber (SPD) in der Sitzung und zeigte sich dankbar für die Recherchearbeit von Promann. „Allerdings konnten von Mathias leider keine Familienangehörigen ausfindig gemacht werden.“ Daher hätten der Bürgermeister und seine Frau sich dazu entschieden, die Patenschaft für den Stein zu übernehmen. Nun muss noch der Rat der Stolpersteinverlegung zustimmen. Bis der Stein verlegt wird, kann es allerdings noch ein wenig dauern – Künstler Gunter Demnig, der das Projekt vor Jahren initiierte und jährlich mehrere Stolpersteine verlegt, ist aktuell bis September 2021 ausgebucht.  acb

Es ist eine Opfergruppe, die noch häufig vergessen wird.

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