Freiwilliges Soziales Jahr nach der Schule / Noch Plätze frei

Ein Jahr zur Orientierung

Das Freiwillige Soziale Jahr habe ihm bei seiner Entscheidung für die berufliche Zukunft geholfen, sagt der 18-Jährige Tom Honemann. Foto: Beims

Rotenburg – Was mache ich nach der Schule? Wie soll die Zukunft aussehen? Sollte ich mich gleich für eine Ausbildung oder ein Studium entscheiden, wenn ich nicht genau weiß, ob der zugehörige Job später etwas für mich ist? Es sind Fragen wie diese, die sich jedes Jahr viele Schüler stellen. Zwar gibt es Praktika, die dabei unterstützen, aber nicht jeder weiß nach zwei Wochen, ob es passt. Daher gibt es Möglichkeiten wie das Freiwillige Soziale Jahr (FSJ), das Schüler im Anschluss an ihre Schulpflicht zur besseren Orientierung nutzen können.

Viele Einrichtungen, auch im Landkreis Rotenburg, bieten Plätze in diversen Bereichen an. Dazu zählen unter anderem das Diakonieklinikum, das aktuell 20 Freiwillige beschäftigt, sowohl FSJler als auch Bundesfreiwilligendienstleistende (Bufdis). Diese sind in fünf verschiedenen Bereichen in Kooperation mit dem Diakonischen Werk beschäftigt, teilt Personalleiterin Alexandra Grothe mit. Auch die Rotenburger Werke bieten beispielsweise Plätze an: 44 sind es aktuell, sowohl FSJler als auch Bufdis, so Sephan Slomma, Koordinator der Freiwilligendienste.

Im Waldkindergarten in der Ahe sowie der zugehörigen Krippe ist ebenfalls ein Platz verfügbar. Und für das kommende FSJ, das im August beginnt, ist dieser auch noch nicht vergeben, erzählt Krippenleiterin Laura Springborn. Dort ist derzeit Tom Honemann eingesetzt. Der 18-Jährige hat sich nach Abschluss der elften Klasse für ein FSJ im Bereich Kinderbetreuung entschieden, nachdem es ihm in einem zweiwöchigen Schulpraktikum in einem Kindergarten gut gefallen hatte. „Ich wollte nicht mehr zur Schule gehen, sondern etwas Praktisches machen – und ich hatte die Arbeit mit Kindern lieb gewonnen“, so der ehemalige BBS-Schüler.

Wie es in der Krippe bezüglich des FSJ weitergeht, weiß noch niemand, bisher gibt es keinen Nachfolger. „In diesem Jahr gucken natürlich alle, wo sie ihre Leute herbekommen können, auch wegen der fehlenden Abiturjahrgänge“, erklärt Eike Holsten (CDU), Vorstandsmitglied des Naturpädagogischen Vereins, während eines Pressetermins in der Krippe. Das Problem könnten viele Träger haben, denn in diesem Jahr kommt neben der Pandemie, die für die ein oder andere Verunsicherung sorgen könnte, ein weiterer Faktor hinzu: Ein kompletter Abiturjahrgang der Gymnasien und Kooperativen Gesamtschulen (KGS) fehlt durch die Umstellung von G8 auf G9. „Die Träger haben bereits unter normalen Umständen Probleme, die freien Plätze im klassischen Bereich – wie zum Beispiel in der Kranken- und Altenpflege – zu besetzen. Reduziert sich zusätzlich die Zahl der Bewerber, wird sich dies entsprechend stark bemerkbar machen“, schreibt das Niedersächsische Landesamt für Soziales, Jugend und Familie dazu auf Nachfrage. Sind es sonst etwa 32 000 Abiturienten, rechnet das Kultusministerium nun mit der Hälfte. In Niedersachsen gibt es pro Jahr um die 4 000 FSJ-Plätze. Genaue Zahlen könne das Landesamt nicht geben, „da uns diesbezüglich keinerlei Daten der Kommunen vorliegen, die ebenfalls FSJ-Plätze anbieten“.

Wie es weitergeht, wissen auch die Werke noch nicht, sagt Slomma. Zwar hätten sie einige Bewerbungen für den Sommer, allerdings „sind die lokalen Bewerberzahlen aufgrund des fehlenden Abi-Jahrganges stark rückläufig“, meint er. „Wir setzen aber seit vielen Jahren auch auf internationale Bewerber, und da haben wir schon viele Interessenten.“ Doch auch hier mache sich die Pandemie bemerkbar, in den Einrichtungen könne derzeit niemand hospitieren. „Das stellt uns vor neue Herausforderungen. Ich bin aber optimistisch und hoffe, dass wir im Sommer wieder viele neue Freiwillige begrüßen können“, erklärt er. Ähnlich sieht es im Diakonieklinikum aus, die ersten Bewerbungen sind eingetrudelt. Erste Einstellungen seien bereits erfolgt. Den wegfallenden Abiturjahrgang bemerke man hier noch nicht, so Grothe. „Da wir auch Bewerbungen von Interessierten bekommen, die einen Realschulabschluss haben. Wir halten das Angebot aufrecht und freuen uns über weitere Bewerbungen“. Interessierte könnten im Bereich der Pflege, OP-Pflege, Radiologie, Patiententransport und im Kindergarten arbeiten.

Ein FSJ sei zur Orientierung und Selbstfindung gut, findet Honemann. Bei ihm hat sich die Entscheidung noch einmal verändert, auch wenn ihm die Arbeit mit den Kindern sehr viel Spaß gemacht habe. „Ich habe einen Ausbildungsplatz als Fachinformatiker ab dem 1. August“, erzählt er. Doch vorher steht noch eine Woche Hospitation im Kindergarten auf dem Plan. Das Abschlussseminar fällt in diesem Jahr allerdings Corona bedingt aus. Dafür soll es eine Praxisreflektion auf digitalem Weg geben – Wege, die viele Träger derzeit gehen. Ausnahmeregelungen für FSJler von offizieller Seite gebe es aber bislang nicht, so das Landesamt. „Es gelten weiterhin die im Jugendfreiwilligengesetz festgelegten Ansprüche an ein FSJ, wie eine Pflichtteilnahme an 25 Seminartagen. Die Umsetzung der Vorgaben ist Aufgabe der Träger.“

Die tägliche Arbeit habe sich mit Ausbruch des Coronavirus verändert, sagt Honemann. Mit der Schließung der Krippen und Kindergärten sind auch die Kinderbetreuungen in der Ahe auf eine Notbetreuung runtergefahren worden. Aktuell sind drei Krippenkinder tagsüber in der Obhut von Springborn, Erzieherin Eva-Maria Raschdorf und Honemann. Viel Zeit also für andere Dinge. Und diese haben sie ausgiebig genutzt, meint der 18-Jährige. Während andere FSJler durchaus auch in Kurzarbeit geschickt werden könnten, wenn nicht genug Arbeit da ist, musste das in der Waldkrippe bisher nicht gemacht werden. „Es bleibt Zeit für das, was man sonst nicht schafft. Viel Aufräumen, säubern und Vorbereiten auf die Zeit, wenn die Kinder wiederkommen dürfen.“

Wer sich für ein FSJ im sozialen Bereich interessiert, sollte bestimmte Voraussetzungen mitbringen, meint der 18-Jährige: „Teamfähigkeit ist wichtig, auch Empathie im Umgang mit den Kindern und Ruhe bewaren können in stressigen Momenten.“ Wer das beherzige, könne viele schöne Momente erleben. So wie den einen, der Honemann besonders im Gedächtnis geblieben ist: „Am Anfang kam gleich ein Kind zu mir, ich sollte ihm vorlesen und es wickeln. Das hat mir sehr geholfen beim Start. Das motiviert.“

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