Ein gutes Beispiel

Irak-Flüchtling Mayan Ilyas schafft erste berufliche Schritte

Mayan Ilyas
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Mayan Ilyas kommt aus dem Irak.

Rotenburg – Erich Milkereit und Annelies Wibbelt sind „total stolz“. Schon seit längerer Zeit begleiten und betreuen die beiden Rotenburger ehrenamtlich die Irakerin Mayan Ilyas. Seit drei Jahren lebt die 30-Jährige an der Wümme – und inzwischen spricht sie nicht nur nahezu fließend Deutsch, sondern sie hat nach anderthalb Jahren auch noch die „Kleine Ausbildung im Verkauf“ in der Tasche. Die junge Frau ist dankbar: „Ohne diese Unterstützung wäre mir das alles sehr schwergefallen.“

Nach außen hin ist es ruhig geworden um die Flüchtlingshilfe in Rotenburg. Corona überschattet auch dieses Thema. Dabei gibt es aus Sicht von Martina Hoffstedt noch jede Menge zu tun. Sie ist als Ehrenamtskoordinatorin am Diakonissen-Mutterhaus beschäftigt und hat in den vergangenen Jahren nicht nur die ehrenamtliche Arbeit aufgebaut und vernetzt, sondern auch viele wertvolle Projekte auf die Beine gestellt, die den Geflüchteten Halt geben, ihnen helfen, sich hier zurechtzufinden und einen neuen Lebensweg einzuschlagen. Inzwischen geht es weniger ums Ankommen, als vielmehr ums Weiterkommen – mit Blickrichtung auf die Ausbildung in der Schule oder im Beruf. Dazu verlassen nach und nach die Menschen den Campus, um eigene Wohnungen zu beziehen. Damit verändert sich zugleich der Unterstützungsbedarf der Menschen. Außerdem steckt hinter jedem einzelnen Flüchtling eine ganz eigene Geschichte – auch hinter Mayan Ilyas.

Die Jesidin stammt aus einem kleinen Ort im Norden des Iraks. Im Zuge der Familienzusammenführung ist sie vor drei Jahren nach Rotenburg gekommen, nachdem ihr Mann Khalil Khalaf schon 2015 seine Heimat in Richtung Deutschland verlassen hatte. Die Frau hatte es nicht leicht in ihrer Heimat. Eine Schule hat sie nie besucht, gearbeitet hat sie ausschließlich zu Hause. Sie spricht Arabisch und Kurdisch. Aber was ihr fehlt, ist eine Ausbildung. Bevor sie sich auf den Weg nach Deutschland machte, begann sie, eine für sie fremde Sprache zu lernen. „Du musst Deutsch lernen“, hatte ihr Mann ihr vor ihrer Abreise immer wieder gesagt.

Ehrenamtlich am Ball: Erich Milkereit.

Zunächst sind die beiden Iraker auf dem Campus in Unterstedt untergebracht worden. „Die Anfänge in Deutschland gestalteten sich schwer“, erinnert sich Mayan Ilyas an die erste Zeit. Auf dem Campus traf sie auf Menschen vieler verschiedener Nationalitäten, sie und ihr Mann hatten nur ein Zimmer. Es gab ausschließlich Gemeinschaftsküchen. „Das Zusammenleben war nicht einfach. Ich war sehr ängstlich, fühlte mich nicht wohl.“

Das sollte sich ändern. Jetzt, drei Jahre später, bezeichnet Erich Milkereit die junge Frau als selbstbewusst und ehrgeizig. „Eine tolle Frau“, sagt er. Sie stünde nun mitten im Leben, und „sie hat es selbst geschafft“. Den Campus haben sie und ihr Mann verlassen; sie leben jetzt in einer eigenen Wohnung. Ihr Mann hat einen Job bei Dönitz in Scheeßel – und bald soll es auch für Mayan Ilyas beruflich weitergehen. Die „Kleine Ausbildung“ kann die Grundlage dafür sein.

Für junge Menschen mit Migrationshintergrund stelle das Ausbildungssystem in Deutschland eine große Hürde dar, heißt es in einem Flyer zu dem Projekt „Teilqualifikation Verkauf“, hinter dem ein gemeinsames Projekt der Berufsbildenden Schulen (BBS) Rotenburg und der Akademie für Wirtschaft und Logistik in Kooperation mit dem Jugendberufszentrum des Landkreises und der IHK steht. Häufig, heißt es, scheiterten Ausbildungen an den sprachlichen Herausforderungen im Job und in der Berufsschule.

Daher können die Teilnehmer in der „Kleinen Ausbildung im Verkauf“ Sprachkenntnisse erlangen und sich beruflich orientieren, damit der Start gelingt. Die „Kleine Ausbildung“ sei eine sinnvolle Qualifikation im Anschluss an einen Sprach- oder Integrationskurs und lasse sich später auf eine Ausbildung zum Kaufmann im Einzelhandel oder zum Verkäufer anrechnen.

Annelies Wibbelt

Zusammen mit Mayan Ilyas hatten im September 2019 27 weitere Flüchtlinge den Versuch in diese Richtung gestartet, am Ende nahmen neun von ihnen an der Prüfung teil, sieben haben sie bestanden. Für die 30-jährige Irakerin war das alles eine ganz neue Erfahrung – sie besuchte eine Schule, sie absolvierte mehrere Praktika, musste sich im Klassenraum und auch im Job durchsetzen, behaupten und sehr viel lernen.

Jetzt hat sie es geschafft – und sie ist selbst ebenso stolz darauf, wie ihre ehrenamtlichen Helfer. Erich, habe sie einmal gesagt, sei wie ein Papa für sie. Annelies Wibbelt: „Das alles ist nur gegangen, weil sie selbst diesen großen Ehrgeiz entwickelt und das alles geleistet hat.“ Ob die Irakerin jetzt tatsächlich eine Ausbildung zur Verkäuferin folgen lässt, ist noch offen. „Ich möchte gerne einen Job haben. Wenn das nicht gelingt, mache ich die Ausbildung.“ Gerne wieder in einer Bäckerei, denn bei Tamke in Rotenburg hat sie vier Praktika absolviert. „Ja, das hat mir Spaß gemacht.“

Martina Hoffstedt unterstreicht, wie sehr Mayan Ilyas ein schillerndes Beispiel dafür ist, wie es mit den Flüchtlingen bei passender Unterstützung und Begleitung nach der schweren Zeit der Eingewöhnung in einem für sie fremden Land weitergehen kann. Hilfe allein ist es aber nicht. Die Menschen müssen ihre Chance auch selbst ergreifen – so wie diese junge Frau. Hoffstedt: „Sie hatte sich schon bald auch auf dem Campus engagiert, eingebracht und geholfen – sie war selbst eine Ehrenamtliche.“ Im Café Campus war sie mit von der Partie, und auch in der Kulturküche macht sie mit. Die Ehrenamtskoordinatorin: „Mayan nimmt die Angebote wahr.“

Und bei alledem war es kein Hindernis, zum Deutschlernen während der Pandemie die digitale Hürde zu nehmen – die Kontakte zu Wibbelt blieben per Video-Chat bestehen. Annelies Wibbelt: „Ich selbst habe dabei auch viel gelernt.“ Das zeigt: „Mayan ist voller Kraft und Energie“, so Milkereit.

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