INTERVIEW AM WOCHENENDE Amtsarzt zur aktuellen Corona-Situation im Landkreis

„Die Grundlage muss eine entspannte Wachsamkeit sein“

Amtsarzt Jens Hedicke.
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Durchatmen ja, aber vorsichtig bleiben, rät Amtsarzt Jens Hedicke.

Rotenburg – Während in Bremervörde derzeit die Corona-Zahlen steigen, ist es im restlichen Landkreis in den meisten Kommunen vergleichsweise ruhig. Viele der Sequenzierungen zeigen aber: Die Menschen haben sich mit der ansteckenderen Delta-Variante infiziert, die in Deutschland auf dem Vormarsch ist. Ob wir dennoch einmal ganz tief durchatmen können, was wir weiter beachten sollten und wie die Situation im Landkreis ist, haben wir Jens Hedicke, den stellvertretenden Leiter des Gesundheitsamts, gefragt.

Herr Hedicke, die Fallzahlen sind in den meisten Kommunen bei 0 angelangt. Können wir jetzt ein wenig durchschnaufen?

Durchschnaufen ist eigentlich nie verkehrt, um etwas Abstand zu gewinnen. Auf die konkrete Situation bezogen heißt das aber auch, beim Genuss der stückweise zurückerlangten Freiheit nicht die eigene gesundheitliche Lage und das lokale Infektionsgeschehen aus den Augen zu verlieren.

Trotz allem ist der Landkreis bislang relativ glimpflich durch die Pandemie gekommen. Was haben wir hier anders/besser gemacht?

Kein Land in Mitteleuropa hat so niedrige Inzidenzzahlen bezogen auf 100 000 Einwohner wie Deutschland. Das wird in der öffentlichen Diskussion oft nicht genügend gewürdigt. Niedersachsen wiederum lag mit seiner Inzidenz innerhalb Deutschlands zumeist im unteren Drittel. Wir profitieren an dieser Stelle also zum einen vom Geschehen auf Bundes- und Landesebene, zum anderen wirken sich die Nachteile eines norddeutschen Flächenlandkreises diesmal zu unseren Gunsten aus. Bei uns legen keine Kreuzfahrtschiffe an wie in Cuxhaven, die dort die Zahlen hochgetrieben haben. Wir feiern keinen exzessiven Karneval. Kein internationaler Flughafen. Und wir liegen nicht im Grenzgebiet zu einem Hochinzidenzland. Hätten wir einen vergleichbar heftigen Ausbruch wie in Sachsen mit Inzidenzen über 500 gehabt, wären auch wir sicher überrollt worden. So gelang es uns mit externer Verstärkung und extremem Einsatz, die Fallverfolgung aufrecht zu erhalten, Ausbrüche zu erkennen und durch Isolierungs- und Quarantänemaßnahmen einzuhegen. Und trotz aller Ermüdung, Kritik und teilweiser Erbitterung hält die ganz überwiegende Zahl der Bürger und Bürgerinnen weiterhin durch. Ohne sie hätten wir keine Chance.

Es gehen weniger Leute in die Testzentren. Wie wichtig ist es, das Testen weiter aufrecht zu erhalten?

Wenn das Gesundheitsamt Testungen ansetzt, ist schon ein Infektionsgeschehen eingetreten. Dann gilt es, durch Testung dessen Ausdehnung zu erfassen, um es anschließend durch Quarantänemaßnahmen einzugrenzen. Um ein Infektionsgeschehen überhaupt zu erkennen, ist es vorher notwendig, dass sich Menschen mit Beschwerden umgehend testen lassen, um über eine mögliche Infektion Klarheit zu gewinnen. Es ist kaum möglich, im Einzelfall nur aufgrund der klinischen Symptomatik eine Covid-19-Erkrankung sicher zu diagnostizieren. Wir haben Menschen mit klassischen Symptomen bis hin zum Geruchs- und Geschmacksverlust getestet, die letztlich negativ waren und andere mit geringen oder fehlenden Symptomen, die sich als positiv erwiesen haben. Im Zusammenspiel von Symptomatik, Anamnese und Testergebnis lässt sich aber eine ziemlich sichere Diagnose stellen. Es gibt auch keinen perfekten Test, sondern leider stets einen kleinen Anteil falsch positiver oder falsch negativer Ergebnisse. Insbesondere die Schnelltests sind recht zuverlässig, wenn die betreffende Person bereits Symptome hat, sind aber bei asymptomatischen Personen manchmal falsch positiv. Daher müssen positive Schnelltests durch eine PCR überprüft werden. Das bereitet nicht nur dem Gesundheitsamt viel Arbeit, schlimmer noch verunsichert und belastet es die betroffenen Personen. In der gegenwärtigen Phase kommt hinzu, dass bei rückläufigen Infektionszahlen der Anteil der falsch positiven Tests zwangsläufig steigen muss. Trotz dieser Schwächen sind die Schnelltests ein Werkzeug auf dem Weg zu einer Normalisierung des Alltags. Sie helfen uns, asymptomatische Menschen zu erkennen, die sonst andere infizieren könnten.

An welchen Maßnahmen sollten wir außerdem festhalten?

Die Grundlage muss eine entspannte Wachsamkeit in Verbindung mit der Anwendung der weiter entwickelten AHA-Regeln sein. Testungen, Masken oder die Corona-Warn-App sind letztlich nur Werkzeuge, die wir situativ anwenden müssen. Impfungen retten Leben, das zeigt die Entwicklung der Todesfälle insbesondere in den Risikogruppen.

Folgen bei einer Inzidenz von glatt 0 weitere Erleichterungen? Oder ist der derzeitige Stand das Minimum, das wir vorerst weiter einhalten sollten?

Schon ein lokales Fallgeschehen ruiniert einem die schönste Inzidenz. Und selbst wenn wir hoffentlich einmal über längere Zeiträume bei der Null angelangen sollten, würden wir doch immer wieder Covid-19-Einträge von außen erleben, weil wir uns weder völlig abschotten können noch wollen. Trotzdem haben wir es im Landkreis etwas besser (gehabt) als manche anderen Kreise und insbesondere Städte, die nie auf Null kamen. Glück spielt da eine Rolle, lässt sich aber leider nicht herbeizwingen.

Wann können wir davon sprechen, dass die Pandemie „besiegt“ ist und Covid-19 als „normale“ Krankheit verbucht werden kann?

Selbst wenn die Pandemielage irgendwann aufgehoben wird, dürfte sich Covid-19 unter die üblichen Infektionskrankheiten einreihen und mit einer gewissen Saisonalität auch bei uns weiter zu Ausbrüchen führen. Wobei sich Saisonalität nicht auf das Wetter, sondern auf das Verhalten der Menschen bezieht: Wenn Wärme und Sonne allein vor Covid-19 schützen würden, hätte es die Delta-Variante nie geben dürfen. Völlig „besiegen“ lässt sich Covid-19 auf unabsehbare Zeit nicht. Es bleibt abzuwarten, wie sich das Wechselspiel von Immunisierung durch Impfung oder Erkrankung einerseits und der Entwicklung neuer (teil-)resistenter Mutationen andererseits weiterentwickelt. Ein erfolgreiches Virus zeichnet sich letzten Endes auch dadurch aus, dass es seinen Wirt nicht tötet, um sich möglichst lange in ihm vermehren zu können.

Reisen sind wieder möglich, die Ferien stehen an. Wie empfehlenswert ist ein Urlaub in diesem Jahr? Und wenn: Mallorca oder lieber an die Ostsee?

Das muss jeder selbst entscheiden. Die Reisewarnungen der Bundesregierung können zwar einen Anhalt bieten, reagieren aber etwas träge auf das Pandemiegeschehen. Und sie können sich ändern. Hinzu kommt, dass für große Teile der Welt überhaupt keine verlässlichen Daten vorliegen, weil zu wenig getestet wird oder eine dortige Regierung beschließt, die Daten im nationalen Interesse zu interpretieren. Wenn man entsprechende persönliche Schutzmaßnahmen durchführt, kann man auch in einem Hotspot Urlaub machen; die Frage ist allerdings, ob das noch Freude macht. Und natürlich sollte jedem klar sein, dass allein ein negativer Schnelltest vor dem Rückflug keine ausreichende Sicherheit bietet, dass man nicht doch infiziert wieder landet. Ob man vorauseilend im Anschluss an den Urlaub gleich noch ein paar Tage zuhause einplant, ist persönliche Einstellungssache.

Wie ist der Impffortschritt im Landkreis Rotenburg?

Bei den Impfungen im Impfzentrum und den niedergelassenen Ärzten sind bisher rund 58 Prozent der Einwohner erstgeimpft, rund 37 Prozent vollständig geimpft. Die Impfzahlen der Betriebsärzte können nicht in die Quote einfließen, da diese nur landesweit erhoben werden. Da für Kinder unter zwölf Jahren noch kein zugelassener Impfstoff zur Verfügung steht und für die zwölf- bis 17-jährigen Kinder und Jugendlichen keine generelle Impfempfehlung durch die Stiko besteht, liegt die Impfquote im Vergleich zur maximal erreichbaren Einwohnerzahl durchaus höher.

Wie lange bleibt das Impfzentrum geöffnet? Geplant ist bislang ein Betrieb bis Oktober.

Der Betrieb im Impfzentrum läuft bis spätestens zum 30. September, der genaue Zeitpunkt der letzten Impfungen steht noch nicht fest. Hierzu soll es noch eine Vorgabe des Landes geben, bis zu welchem Zeitpunkt neue Erstimpfungen durchgeführt werden.

Es gibt viele freie Impftermine für eine Dosis Astrazeneca. Was passiert mit dem Impfstoff, wenn sich nicht genügend Impfwillige finden lassen?

Der Impfstoff kann für anstehende Zweitimpfungen verwendet werden, wenn Impflinge entgegen der geänderten Stiko-Empfehlung keine heterologe Impfung – also die erste Impfung mit Astrazeneca gefolgt von einem mRNA-Impfstoff – möchten. Das Robert-Koch-Institut führt dazu aus, dass, wenn der Termin für die zweite Impfstoffdosis Vaxzevria (Anm.: Impfstoffname von Astrazeneca) in Kürze ansteht, dieser akzeptiert werden kann, da eine zweimalige Vaxzevria-Impfung ebenfalls sehr gut vor schweren Infektionen mit der Delta-Variante schützt. Wie mit unverimpften Dosen zum Zeitpunkt der Schließung der Impfzentren verfahren wird, prüft das Land derzeit noch.

Müssen wir uns jetzt vor allem um unsere noch nicht geimpften Kinder sorgen?

Aktuell liegen die Sieben-Tage-Inzidenzen bei jüngeren Menschen rund dreimal so hoch wie bei den höheren Altersgruppen. Glücklicherweise sind die Krankheitsverläufe in dieser Altersgruppe aber zumeist milder bis beschwerdefrei. Vor dem Hintergrund dieses sehr geringen Risikos für einen schweren Verlauf auf der einen und möglichen Nebenwirkungen durch eine Impfung auf der anderen Seite, hat sich die Stiko bislang nur für eine Impfung der Zwölf- bis 17-Jährigen mit Vorerkrankungen ausgesprochen; für Kinder und Jugendliche von zwölf bis 17 Jahren ohne Vorerkrankungen wird die Impfung zwar nicht empfohlen, ist aber nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz möglich. Für Kinder unter zwölf Jahren besteht noch keine Impfstoffzulassung. Daher werden für diese Altersgruppen die übrigen Schutzmaßnahmen vermutlich auch nach den Sommerferien in angepasster Form weiter bestehen.

Die Delta-Variante ist auf dem Vormarsch, auch in Rotenburg ist sie angekommen. Wie gefährlich kann sie uns noch werden?

In Deutschland verdrängt die Delta- die Alpha-Variante und stellt mittlerweile rund zwei Drittel aller Infektionen. Der Sieben-Tage-R-Wert (Anm.: R steht für die Reproduktionszahl) steigt seit Mitte Juni wieder an und liegt um eins bei niedrigen Fallzahlen. Das aktuelle Lagebild im Landkreis wird durch einen Ausbruch der Delta-Variante in Bremervörde getrübt. Das Gesundheitsamt konnte zwar die Infektionsketten nachvollziehen, es mussten aber sehr viele Menschen, insbesondere Kinder aus Kitas und Schulen, in Quarantäne versetzt werden mit all den Problemen, die dies für die Kinder, Familien und Schulen mit sich bringt. Die Entwicklung bereitet mir weiterhin große Sorge. In der nächsten Woche wird sich vermutlich entscheiden, ob es durch unsere Maßnahmen gelungen ist, den Ausbruch letztlich einzudämmen. Problematisch ist auch, dass die Sequenzierung der einzelnen Varianten zwischen zwei Tagen und zwei Wochen in Anspruch nimmt, sodass wir der Entwicklung immer etwas hinterherhinken.

Sollten daher die Abstände zwischen Erst- und Zweitimpfung verkürzt werden?

Die Abstände zwischen Erst- und Zweitimpfung lassen sich nicht beliebig verkürzen. Dem Körper muss je nach Impfstoff ausreichend Zeit gegeben werden, eine Immunantwort aufzubauen, die durch die Zweitimpfung verstärkt wird. Die Impfabstände orientieren sich dabei an den Vorgaben der Stiko auf Grundlage der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse.

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