Es ist und bleibt ein Naturprodukt“

Interview am Wochenende: Sören Prüser über das Geschäft rund um den Weihnachtsbaum

Es grünt so grün: Sören Prüser kümmert sich Tag für Tag um Blaufichten und Nordmanntannen. Foto: Warnecke

Für Familie Prüser aus Hellwege ist eigentlich das ganze Jahr über Weihnachten. Ihr Forsthof hat sich nämlich auf die Aufzucht und den Verkauf von Weihnachtsbäumen spezialisiert.

VON LARS WARNECKE

Hellwege – Jahr für Jahr sind ihre Nordmanntannen und Blaufichten in der Region ab Beginn der Adventszeit sehr gefragt. Im Interview erzählt Junior-Chef Sören Prüser (27) von unterschiedlichen Geschmäckern, warum Pestizidrückstande, die in den Bäumen vorkommen können, nicht giftig sind und welchen Einfluss der Klimawandel auf das Geschäft mit der Besinnlichkeit hat.

Herr Prüser, wie sieht für Sie der perfekte Weihnachtsbaum aus?

Wichtig ist, dass er eine schöne kräftige Nadel hat. Und eine satt-grüne Farbe. Das ist für mich entscheidend – und so steht er zimmerhoch auch bei uns zu Hause.

Nordmanntanne, Blaufichte, Rotfichte – wo liegen die Unterschiede?

Die Nordmanntanne mit ihrer grünen und weichen Nadel zeichnet sich durch einen gleichmäßigen Wuchs aus. Aus diesem Grund und weil sie als Weihnachtsbaum am längsten hält, wird sie auch bevorzugt genommen. Die Blaufichte hingegen riecht wegen ihrer ätherischen Öle einfach viel schöner. Aber sie pikst beim Schmücken auch ein bisschen. Manche stellen sie sich ganz bewusst ins Wohnzimmer, weil sie nicht wollen, dass ihre kleinen Kinder oder Katzen an den Baum herangehen. Die klassische Rotfichte weist recht kurze Nadeln auf – sie ist ein bisschen grüner als die Nordmanntanne, aber wie die Blaufichte ist sie nicht mehr so nachgefragt. Vor 30 Jahren war sie noch der Standardweihnachtsbaum schlechthin. Ein paar Liebhaber gibt es aber immer noch.

Was halten Sie von Kunstbäumen?

Eher wenig bis gar nichts. Eine künstliche Tanne kann optisch einfach noch nicht mit einem natürlich gewachsenen Baum mithalten. Außerdem riecht sie ja auch mehr nach Chemie als nach Tanne.

... und ist wahrscheinlich auch nicht so umweltverträglich.

Das ist wahr. Bevor ein Plastikbaum von der Ökobilanz her ungefähr auf einer Ebene ist wie ein natürlicher Weihnachtsbaum, müsste man ihn nämlich 20 Jahre über in Gebrauch haben. Das ist aber eher unwahrscheinlich, da er erfahrungsgemäß alle fünf Jahre gegen einen neuen künstlichen Baum ausgetauscht wird – weil er optisch nicht mehr gefällt zum Beispiel.

Insbesondere Plantagen mit Monokulturen sind aber doch auch nicht gerade umweltfreundlich.

Natürlich bauen wir die Pflanzen, die wir aus der Baumschule bekommen, in größeren Mengen auf größeren landwirtschaftlichen Flächen an, das ist richtig. Wir sorgen nach dem Zyklus von zehn Jahren, in dem ein Weihnachtsbaum bis zur Zimmerhöhe heranwächst, aber auch dafür, dass wir den Boden mit einer Zwischenfrucht, die wir dann ein Jahr anbauen, mit Nährstoffen anreichern und wieder ein bisschen Humus reinkriegen. Der ist, wenn man exzessiv nur eine Sorte anpflanzt, natürlich irgendwann auch ausgelaugt. Es ist also auch in unserem Interesse, dass wir da Abwechslung ins Spiel bringen. Davon einmal abgesehen hat das Ganze auch viele positive Aspekte. Wir haben Sauerstoff, der durch die Kulturen produziert wird, es wird unheimlich viel CO2 gebunden – pro Hektar sind das rund 140 Tonnen – und vielen Lebewesen wird ein Rückzugsort geboten. Das kann ein Plastikbaum auf jeden Fall nicht.

Und dennoch werden Sie auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wohl nicht verzichten können.

Was das betrifft, müssen wir die Pflanze in ihren ersten Jahren natürlich besonders schützen, ihr auch mit dem Einsatz von Herbiziden ein wenig Starthilfe geben, da sie sonst häufig im Unkraut untergehen würde und keine Chance hätte, mit dem Wachstum vernünftig zu starten. Das bezieht sich aber nur auf die ersten zwei, drei Jahre, wenn die Pflanzen nicht höher sind als einen Meter. Danach brauchen wir eine Behandlung im Grunde nicht mehr, weil die Bäumchen das Unkraut quasi ganz natürlich von sich aus unterdrücken – und wenn doch, dann nur nach Bedarf, beispielsweise bei einem Schädlingsbefall.

In der Presse ist immer wieder von Fällen die Rede, dass Pestizidrückstande in Weihnachtsbäumen gefunden worden seien.

Nur wird leider nie darüber berichtet, in welcher Menge. Dabei ist die häufig geringer als in Obst und Gemüse. Das Problem hierbei ist, dass es keine Grenzwerte für Weihnachtsbäume gibt, was die Rückstände angeht. So wird, sobald etwas gefunden wird, das natürlich gerne genutzt, es schlecht darzustellen. Dabei, das muss man ganz klar sagen, ist es für den Menschen überhaupt nicht giftig. Der natürliche Weihnachtsbaum ist und bleibt ein Naturprodukt.

Wie aufwendig ist die Pflege das Jahr über? Was muss alles gemacht werden?

Wir haben das ganze Jahr über mit den Bäumen zu tun, was mit dem Pflanzen losgeht, wo die Felder vorbereitet werden. Dann gibt es im Mai/Juni eine heiße Phase, in der wir damit beschäftigt sind, entweder mit der Handschere oder auch direkt mit der Hand an der Form zu arbeiten, sodass der Baum auch schön schmal und in der Form bleibt – wie es der Kunde eben wünscht. Ab und zu muss auch die Spitze ein bisschen reguliert werden, damit diese nicht zu hoch wächst. Im Sommer beginnen wir dann damit, die Bäume mit verschiedenfarbigen Etiketten auszuzeichnen – sprich zu entscheiden, welche Bäume in welcher Größe und Qualität für welche Klientel entnommen werden.

Und wie oft werden neue Setzlinge gepflanzt?

Wir pflanzen in der Regel ein- bis zweimal im Jahr, immer im Frühjahr und/oder im Herbst. Dieses Jahr wurde aber nur im Frühjahr gepflanzt.

Wann geht das Geschäft richtig los?

Im November. Dann fangen wir an, die ersten Bäume abzusägen. Viele Kunden, darunter Baumärkte, Gärtnereien und Wiederverkäufer mit Ständen, wollen sie nämlich oft schon recht früh haben. Sie gehen dann nach ganz Deutschland und auch nach Europa. Die Bäume, die wir selbst im Direktverkauf an unseren Ständen anbieten, werden erst Anfang Dezember geschlagen. Die sägen wir dann bis vier Tage vor Heiligabend immer noch frisch nach.

Der Sommer war wieder heiß und trocken. Leiden die Bäume unter diesem Klima?

Ja, extrem merken wir das bei den noch jungen Bäumen, die wir jetzt neu anpflanzen. Die haben eine relativ kurze Wurzel. Damit sie nicht vertrocknen, versuchen wir schon die letzten drei Jahre, dem entgegenzuwirken. Das geht zum einen mit Beregnungsanlagen, die recht kostenintensiv sind und auch nicht überall eingesetzt werden können, und zum anderen per fahrendem Wasserfass, also indem wir mit einem Trecker Wasser auf das Feld bringen. Auch das kostet Geld und ist zudem noch recht zeitintensiv.

Und die größeren Bäume sind da schon widerstandsfähiger?

Die, die jetzt zimmerhoch und damit verkaufsfähig sind, leiden auch ein bisschen, was man ihnen mitunter auch ansieht. Die haben aber eine so tiefe Wurzel, dass sie auch in unteren Erdschichten noch an Wasser kommen und so überleben können. Jene Bäume, die nicht mehr schön aussehen, kommen dann natürlich auch nicht mehr auf den Markt.

Apropos Markt: Welchen Einfluss hat der höhere Aufwand auf die Weihnachtsbaumpreise?

Allgemeinhin wirkt sich der schon ein bisschen auf den Preis aus. Wir halten ihn dieses Mal aber noch konstant. Wenn sich die langen Trockenperioden in den nächsten Jahren aber fortsetzen sollten, werden natürlich auch wir die Preise erhöhen müssen, das ist klar.

Erst kauft man den Weihnachtsbaum, dann entsorgt man ihn – das ist die klassische Verfahrensweise. Ein neuer Trend ist es, Weihnachtsbäume im Topf zu mieten. Was halten Sie davon?

Grundsätzlich ist das ein super Gedanke, wir selbst bieten so etwas aber nicht an. Denn so hoch der Baum aus der Erde wächst, so tief wächst er auch in die Erde. Da die Wurzel beim Ausgraben gekappt werden müsste, um in den Topf zu kommen, hat der Baum nachher fast keine Möglichkeit, wieder vernünftig anzuwachsen. So ist das mit der Nachhaltigkeit auch schon wieder so eine Sache. Und der Aufwand, den Baum auszubuddeln, die Wurzeln zu kappen und später wieder einzugraben ist natürlich auch nicht gerade gering. Was wir anbieten, sind kleinere Bäume im Topf, für die wir aber keine Anwachsgarantie geben können.

Den Christbaum selbst zu schlagen, liegt ebenfalls im Trend.

Das stimmt. Immer mehr Leute kommen auch bei uns deswegen aufs Feld. Es ist ja auch ein schönes Erlebnis für Familien mit Kindern, beim Lagerfeuer und Glühwein selbst Hand anzulegen – so wie wir es demnächst wieder anbieten.

Gibt es auch Menschen, die an Heiligabend noch einen Baum kaufen?

Die meisten wollen ihn schon rechtzeitig haben. Aber klar, gibt es auch die, die wie beim Einkauf von Geschenken auf den letzten Drücker kommen. Zum Beispiel, weil sie erst an Heiligabend aus der Ferne angereist sind.

Wann suchen Sie sich Ihren Baum aus?

Meistens eine Woche vor Heiligabend.

Und wer ist bei Ihnen für den Baumschmuck zuständig?

Meine Freundin und ich teilen uns die Arbeit: Ich übernehme die Kerzen, sie den Rest. Lametta kommt aber nicht bei uns an den Baum, stattdessen rote und goldene Kugeln. Und die Kerzen müssen natürlich echt sein.

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