„Das Neben- und Miteinander fehlt“

Interview am Wochenende: Schulleiterin Susanne Enders geht in den Ruhestand

Ihren Abschied hat sich Schulleiterin Susanne Enders zwar anders vorgestellt, als er es jetzt inmitten der Corona-Pandemie wohl werden wird, dennoch freut sich die 63-Jährige auf die Zeit danach und hat ein paar Pläne. Foto: Beims

Rotenburg - Von Ann-christin Beims. Seit 2008 ist Susanne Enders Schulleiterin an der Rotenburger Stadtschule, am 31. Juli wird sie die Türen der Grundschule hinter sich schließen, denn die 63-Jährige geht in den Ruhestand. Wir haben uns mit ihr über ihren nahenden Abschied von Schülern und Kollegen, ihr berufliches Leben und die aktuelle Situation mit der Corona-Pandemie unterhalten.

Frau Enders, die Schulen nehmen nach und nach wieder den Betrieb auf. Wie geht es Ihnen damit?

Eigentlich gut. Weil es ein Stückchen Normalität gibt. Die Kinder finden das gut und wir haben das Feedback der Eltern, dass ihre Kinder teilweise nicht gearbeitet haben oder diese sich schwer tun mit der aufgehobenen Trennung zwischen Schule und Elternhaus. Es ging über das normale Maß an Hausaufgaben hinaus und einen strukturierten Vormittag zu schaffen, ist nicht überall möglich. Daher gibt es da ein Aufatmen. Manchmal liest man, wir fallen ins 19. Jahrhundert zurück – das ist richtig. Wir haben eine sehr frontale Situation durch die Sitzordnung. Abstand wahren ist so schon knapp bei der Größe unserer Klassenräume. Partnerarbeiten sind nicht möglich. Dieses „Stück für Stück zurückkommen“ hat aber was, es weicht die Strenge dieses Lockdowns etwas auf.

Wie haben Sie die vergangenen Wochen erlebt?

Vor Ostern war es sehr gespalten, weil die Schließung Knall auf Fall kam. Danach waren die Kollegen in der Präsenzzeit zunächst hier, zeitversetzt. Sie haben viel vorbereitet, die Klassenräume aufgeräumt. In der zweiten Woche ging es dann ins Homeoffice, da waren Aufträge für die Kinder noch freigestellt. Wir haben uns eingerichtet, Online-Angebote gesichtet, Material kopiert, Möglichkeiten gesucht. Wir haben unser Schulprogramm aktualisiert. Das kann ich nun in Ruhe übergeben! Andere Programme mussten gestoppt werden. Zum Beispiel die internationale „Energy Challenge“, an der ich mit einer Gruppe teilgenommen habe. Nach den Osterferien haben wir uns im Kollegium nochmal alle getroffen, über das Modell und Regularien abgestimmt. Wir haben uns gesehen, gehört, wie jeder mit der Situation umgeht, das fand ich wichtig.

Sie haben es schon angeschnitten, die Rückkehr zum Frontalunterricht – welche Vor- aber auch Nachteile bietet diese?

Wenn ich abhaken würde, was wir jeden Tag schaffen, glaube ich, dass wir durch Frontalunterricht manchmal mehr Haken hinter eine Liste setzen könnten. Ich muss in einem anderen System mehr und auf eine andere Art festigen. Ich muss auch methodensicher sein. Aber das soziale Element ist heutzutage bei den Schülern sehr ausgebildet; wir müssen sie dahin bringen, dass sie jeden Tag ganz sicher im Umgang mit anderen sind. Und auch mit verschiedenen Methoden. Das ist nicht immer einfach. Das braucht viel Zeit. Eltern sagen manchmal „das habe ich zu dem Zeitpunkt aber besser beherrscht“. Da müssen wir nicht debattieren, das kann durchaus sein. Aber was wir hier an Grundstock legen, macht die Schüler fitter fürs eigenständige Lernen. Das ist erforderlich. Darauf zielt der offene, methodenintensivere Unterricht ab. Wir sind aber nun plötzlich in einer Lage, dass wir uns von dem, wie wir in den vergangenen Jahren gearbeitet haben, wegbewegen; uns zurückbesinnen müssen auf Methoden, die wir schon lange nicht mehr in unserem Kanon hatten. Das ist schade.

Oft standen Noten im Vordergrund, der Leistungsdruck. Jetzt müssen wir zurückfahren. Ist das eine positive Wendung?

Nein, mir ist da deutlich zu wenig Interaktion; das Neben- und Miteinander fehlt. Es gibt sowohl die Schüler-Lehrer- als auch die Schüler-Schüler-Beziehung. Manche Kinder brauchen ihren Nachbarn. Manchmal brauchen sie einen Impuls, um weiterzukommen. Die Verstärkung: „Macht sie das wie ich? Gut, dann kann ich weiterarbeiten“. Wenn die Kinder plötzlich alleine sind und der Lehrer auch nicht so dicht kommen darf, fehlt die Interaktion. Bei allem, was wir gerade machen, fehlt das Feedback. Was im Unterricht oder Zuhause erstellt wurde, kommt zurück zum Korrigieren. Der Lehrkraft fehlt die direkte Rückmeldung, ob es jeder verstanden hat. Und das miteinander reden, sich helfen, ist nicht da. Auf Dauer funktioniert das nicht. Der Notendruck ist nicht unbedingt weg. Die Kinder sehen gerne am Ende einer Arbeit: War es gut oder nicht? Auf der anderen Seite sind viele Schüler auch an Noten gewöhnt und arbeiten dann gar nicht. Die gehen jetzt verloren.

In Zeiten von Corona wird vielen Eltern klar, was Lehrer leisten, dennoch wird Kritik laut. Haben Sie solche Situationen erlebt?

Hier direkt nicht. Man muss auf beiden Seiten sehen, dass wir eine Situation vorfinden, an die niemand jemals gedacht hat. In meinem Umfeld habe ich aber schon gehört, dass in Schulen das Maß nicht gefunden worden sei, die Absprachen nicht so funktioniert haben. Das geht aber auch nicht so gut, wenn viele Lehrer zuständig sind. Bei uns übernimmt das die Klassenlehrerin. Hier sind die Eltern der Viertklässler unruhig, dass der Übergang nicht klappt, aber alle Schulen sind betroffen und jeder an weiterführenden Schulen weiß das. Wer hier bleibt, wird aufgefangen. Da muss man im nächsten Schuljahr anders arbeiten. Völlig überzogen finde ich, dass eine Expertenkommission gesagt hat, dass das, was die Kinder heutzutage versäumen, ihnen im späteren Leben Gehaltseinbußen bis zu zehn Prozent bringt. Solche Szenarien sind absolut kontraproduktiv.

Wie wird Ihr Abschied aus der Schule aussehen? Ein „normal“ wird es diesmal sicher nicht geben?

Das weiß ich nicht. Noch vor einigen Jahren habe ich gesagt, mir liegt eine Verabschiedung nicht. Ich habe gesagt, ich gehe einfach und mache die Tür zu. Aber ich musste mich überzeugen lassen, dass es so nicht funktionieren kann und hatte gebeten, dass es in einem kleineren Rahmen stattfindet. Aber dass es jetzt auf eine Art klammheimlich hinausläuft, wollte ich nun auch nicht. Dass es kein großer Bahnhof ist, finde ich wirklich nicht tragisch. Aber es gibt schon einige Leute, von denen ich mich sehr gerne persönlich verabschieden möchte.

Mit welchen Erwartungen sind Sie in die Position als Schulleiterin gegangen?

Das war nicht mein Wunsch, ich hatte nie so eine Karriere im Kopf. Nach meiner ersten Prüfung gab es keine Stellen in Ausbildungsseminaren, sodass ich kein Referendariat machen konnte. Darauf musste ich zwei Jahre warten. In der Zeit wurden aber Lehrer gebraucht, also hat die Landesregierung Lehrer aus anderen Bundesländern geholt. Nach meinem Referendariat gab es dann keine einzige Stelle. Eine blöde Situation, die mich vom Lehrerberuf weggetrieben hat. Ich konnte schon immer im Büro mitarbeiten, also habe ich vier Jahre in meinem Ausbildungsseminar als Verwaltungsangestellte gearbeitet. Das hat mich mitgeprägt. Da konnte ich viel mitgestalten, habe nicht nur die Verwaltung gemacht und viel von meiner Chefin gelernt.

Wie ging es dann weiter?

Später bin ich mit meinem Mann, ebenfalls Lehrer, für ein paar Jahre nach Hessen gegangen. Ich habe versucht, andere Jobs zu bekommen, aber es kam immer nur die Begründung „Sie sind Lehrerin, beim nächsten Einstellungstermin sind Sie weg“. Es hieß, wir Lehrer seien zu unflexibel, aber der Arbeitsmarkt hat uns auch nicht aufgenommen. Ich kenne etliche in meinem Alter, die als fertig ausgebildete Lehrerinnen nie eine Schule von innen gesehen haben – eine Verschwendung von Ressourcen. Ohnehin ist es schwierig, dass in unserem Beruf hauptsächlich Frauen arbeiten, die dann reduzieren, wenn Kinder geboren werden und oft aus dieser Reduzierung nicht mehr herauskommen. Gerade in den Grundschulen haben wir es oft mit Kolleginnen zu tun, die in Teilzeit arbeiten. Sie sind tolle Lehrerinnen, aber sie werden nicht in jeder Arbeitsgruppe sitzen und das, was sie an Visionen haben, umsetzen. Es ist sehr schade, dass unsere Gesellschaft sich da nicht anders aufstellt. In die Position als Schulleiterin bin ich später hineingerutscht, nach einigen Jahren als Konrektorin. Ich habe immer gern unterrichtet – bis ich nun von Corona gestoppt wurde. Als Rektorin konnte ich allerdings auch viel auf den Weg bringen.

Inwiefern?

Zu dem Zeitpunkt meiner Ernennung gab es eine Schulleiter-Qualifizierungsmaßnahme. Das war super. Dadurch hat man sich bewusster Gedanken gemacht, was man in der Schule erreichen möchte. Damals musste ich eine Fünf-Jahres-Agenda aufstellen. Die ist mir neulich beim Aufräumen in die Hände gefallen und siehe da, alle Punkte hatten sich im Laufe der Jahre verwirklicht. Bestimmte Dinge waren mir immer wichtig, besonders in der Stadtschule. Als ich herkam, hatte sie einen eher schwierigen Ruf. Über viele Jahre war es unser aller Ziel – auch, als ich hier noch Lehrerin war –, dass wir die Probleme angehen. Und es gibt sie immer noch. Das sind auch ganz normale Probleme. Kleine Päckchen, die Schüler tragen. Außerdem habe ich mich immer darum bemüht, dass Grundschullehrer auch ein attraktiver Beruf für Männer ist, die fehlen uns im Kollegium.

Welches Ereignis ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Die Mini-WM. Das ist eine schöne Identifikation mit Schule und der Arbeit hier. Verschiedene Kulturen kommen an einem Vormittag zusammen, Opas werden zu Schiedsrichtern, Eltern bringen Essen vorbei. Das ist eine große Gemeinschaft.

Gibt es schon einen Nachfolger?

Es gibt eine Bewerbung, aber es ist eine schwierige Situation im Moment. Nach den Sommerferien wird es sicherlich erstmal noch ein Vakuum geben.

Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen?

Wir haben jetzt unsere „iPads“ bekommen, die müssen nur eingerichtet werden. Corona hat uns gezeigt, dass wir in der digitalen Richtung auch im Grundschulbereich viel mehr auf den Weg bringen müssen. Die technische Ausstattung kommt aber nur tröpfchenweise. Aber ich würde mir auch wünschen, dass Schulen sich grundsätzlich mehr öffnen, noch gläserner sind. Gemeinsame Dinge sind ganz wichtig. Dass feste Projekttage zum Alltag werden, eventuell auch die Eltern um die Ecke schauen. Denn Elternbeteiligung geht leider etwas zurück. Da müssen wir einen Ansatz finden, weil wir mit Eltern mehr ins Gespräch kommen müssen. Kinder müssen in ihren Begabungen besser erkannt werden. Gezielter Fördern ist auch noch so eine Vision – jedem gerechter zu werden.

Was planen Sie für die erste Zeit im Ruhestand?

Das ist eine schöne Frage. Wir haben seit Jahren als Traumland Kanada vor der Nase und wollten dort im September vier Wochen unseren Urlaub verbringen. Der liegt in den Sternen – wir planen sonst für nächstes Jahr Mai einen neuen Versuch. Ansonsten erstmal die Schule aus dem Haus entfernen – das ist schwer bei zwei Lehrern. Durchatmen.

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