Interview

Wie das Studentenleben in der Pandemie verloren geht

Vieles von dem, was sich tatsächlich vor Ort an der Uni in Bremen abgespielt hat, ist für die Studenten in weite Ferne gerückt. Sie studieren in der Pandemie nur noch online.
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Vieles von dem, was sich tatsächlich vor Ort an der Uni in Bremen abgespielt hat, ist für die Studenten in weite Ferne gerückt. Sie studieren in der Pandemie nur noch online.

Rotenburg – Das Studium fällt meist in eine Zeit, in der es nicht nur ums Studieren geht. Für die jungen Erwachsenen geht es nach dem Abitur hinaus „ins Leben“, in eine fremde Stadt, eine neue Verantwortung fürs eigene Leben zu übernehmen. Das zu Lernende gehört dazu, aber eben auch das Drumherum: neue Menschen, neue Erlebnisse, Partys. Studentenleben eben. Eigentlich. Denn die Pandemie verhindert das seit einem Jahr. Marié Detlefsen aus Lauenbrück und Vincent Wuttke aus Visselhövede hatten sich das auch anders vorgestellt. Sie studieren nicht nur beide an der Uni in Bremen, sondern sind in ihrer Freizeit beide als freie Mitarbeiter der Rotenburger Kreiszeitung tätig. Sie wissen zu berichten – auch über ein Studentenleben, das nicht stattfindet.

Seit wann studiert ihr eigentlich, nun ja, anders?

Marié: Das Online-Studium hat vergangenes Jahr im April angefangen, wobei ich die Uni wegen der vorherigen Semesterferien seit Anfang Februar schon nicht mehr betreten habe. Verrückt, dass das jetzt schon über ein Jahr her ist. Das letzte Wintersemester sollte eigentlich im Oktober starten, wurde dann aber auch noch mal um zwei bis drei Wochen verschoben, sodass das Semester offiziell erst am 2. November anfing. Da die Lerninhalte aber nicht gekürzt wurden, studierten wir jetzt zwei Wochen länger und haben dementsprechend im März weniger Ferien gehabt, bevor das sechste Semester im April losging. Für einige ist das wirklich schwierig, da sie normalerweise die freie Zeit nutzen, um zu jobben.

Vincent: Wir sind mit dem Sommersemester alle nach Hause versetzt worden – also seit April 2020. Im vergangenen Semester sollte es dann erste Lockerungen geben, und einige Veranstaltungen waren mit Präsenz in der Uni geplant. Der Plan hat sich dann aber recht schnell zerschlagen. Sogar noch vor der ersten Veranstaltung. Seitdem gilt es die Kurse im eigenen Zimmer in direkter Nachbarschaft zum Sofa, Bett und Fernseher zu absolvieren und nicht im Hörsaal.

Wie läuft das Studium konkret ab?

Marié: Es gibt zwei verschiedene Arten von Unterricht – Präsenz- und Onlinelehre, wobei die Präsenzlehre, also der Unterricht vor Ort, wieder eingestellt wurde. Ansonsten versuchen viele Lehrende, die Kurse so zu halten, wie sie es normalerweise tun würden. Die meisten meiner Professoren benutzen dafür die Videoplattform Zoom. Einige vermitteln den Lernstoff dann per Live-Übertragung, andere zeichnen ihre Vorlesungen auf. Bei der letzteren Variante kann man sich die Videos dann zu einer beliebigen Zeit angucken. Aufgaben, Folien oder Lernmaterial werden dann auf unserer Uni-Plattform bereitgestellt.

Vincent: Aktuell läuft alles über Zoom. Dort werden dann Videokonferenzen in den Seminaren abgehalten. Die Vorlesungen laufen hingegen so: Die Professoren laden die Folien zu Semesterbeginn hoch und stellen dazu auch Tonspuren zur Verfügung. Dann muss man sich selbst den Stoff beibringen. Die Prüfungen sehen so aus: In den Seminaren gibt man Fragebögen ab oder muss in Kleingruppen andere Aufgaben erledigen. Für die Vorlesungen gibt es Klausuren. Dort gibt es dann die Aufgaben per E-Mail, und nach der vorgegebenen Zeit muss man eine Mail mit den Antworten zurückschicken.

Wann wart ihr das letzte Mal vor Ort?

Marié: Das letzte Mal, dass ich an einer Präsenzvorlesung teilgenommen habe, war im Februar 2020. Im Juli bin ich schließlich noch einmal nach Bremen gefahren, um zwei Klausuren zu schreiben. Allerdings durfte ich nur das Gebäude betreten, in dem auch die Klausur geschrieben wurde. Mithilfe von Eingangskontrollen und Sicherheitspersonal wurde stark darauf geachtet, dass sich keine Personen in den Gebäuden befinden, die keine Erlaubnis dafür hatten. Somit war ich nicht wirklich auf dem Campusgelände.

Vincent: Vor zwei Wochen bin ich nach 16 Monaten für zehn Minuten zurückgekehrt. Ich musste in der Bibliothek Bücher ausleihen. Es hat sich angefühlt wie beim Betreten meiner alten Schule. Es hat sich einfach alles weit entfernt angefühlt. Ich kam mir nicht vor wie ein aktueller Student. Das hat bei mir eine eigenartige Trauer ausgelöst. Eigentlich sollte ich ja jeden Tag dort langlaufen und mein Studentenleben genießen. Der letzte Besuch vor der Buchausleihe ist so lange her, dass ich es ganz ehrlich nicht mehr auf den Tag genau sagen kann. Was ich weiß: Ich war im vergangenen Jahr zwei Tage in der Uni und habe im Januar zwei Klausuren geschrieben. Mittlerweile fühlt sich die Uni weit entfernt an und man verliert auch die Erinnerungen daran, wie es dort aussieht. In Bremen war ich aber oft – zum Tennis spielen.

Studium ist ja nicht nur Lernen, sondern auch Leben. Vermisst ihr da was?

Marié: Auf jeden Fall! Dadurch, dass ich jeden Tag mit dem Zug nach Bremen gependelt bin, habe ich leider nicht alles vom Studentenleben erfahren können, und das werde ich jetzt leider auch nicht mehr. Die letzten zwei Semester habe ich Zuhause verbracht, und das nächste werde ich in Hamburg im Praktikum verbringen. Solange ich mich nicht dazu entscheide, noch einen Master zu machen, werde ich nie wieder in einem Hörsaal sitzen, mit Freunden in die Mensa gehen oder abends ins Bremer Viertel fahren, um gemeinsam einen schönen Abend zu verbringen. Hätte ich vorher gewusst, was Corona bringt, hätte ich schnell noch so viel es geht nachholen wollen. Ich werde quasi meinen ganzen Abschluss von Zuhause aus machen.

Vincent: Ich wollte vor dem endgültigen Eintritt ins Berufsleben im Studium noch einmal sehr frei sein, viel Reisen und viele neue Leute kennenlernen. Der Traum vom Studieren an den Tagen und entspannten Abenden mit seinen Studienkollegen in Kneipen kombiniert mit viel Zeit zum Reisen in den Semesterferien ist aber nicht lange aufgefangen. Nun muss man leider sagen, dass sich diese Wünsche nicht erfüllt haben. Von dem normalen Studentenleben ist das alles aktuell ganz weit entfernt. Es fühlt sich nicht mal so an, als wäre ich Student.

Habt ihr noch Kontakt zueuren Mitstudenten?

Marié: Tatsächlich bricht der Kontakt zu meinen Mitstudenten immer mehr ab. Natürlich tausche ich mich ständig mit meinen engsten Freunden aus, aber zu vielen bricht der Kontakt auch ab. Immerhin habe ich fast alle seit Februar letzten Jahres nicht mehr gesehen. Und wenn dann viele Kurse aus Aufzeichnungen bestehen, sieht man sich nicht einmal im eigentlichen Unterricht.

Vincent: Der Kontakt schläft immer mehr ein. Momentan schreibe ich noch mit vier Kommilitonen. Mehr ist es nicht mehr. Über was soll man auch reden? Wie es im Zimmer des anderen aussieht? Das weiß ich schon seit zwölf Monaten.

Gab es da schon Aktionen wie Online-Stammtische?

Marié: Was die Uni betrifft, leider gar nicht. Allerdings habe ich mit einigen Freunden vor ein paar Wochen einen Online-Spieleabend gestartet.

Vincent: Man spielt eher mit seinen Freunden über das Internet zusammen Spiele wie Doppelkopf oder Among Us. Aber ganz ehrlich: Ich habe auf Gruppenanrufe oder Videokonferenzen auch keine Lust mehr. Es nervt nur noch.

Glaubt ihr, dass die Pandemie euch einen wichtigen Teil eures Lebens raubt?

Marié: Ich glaube, dass viele Menschen sich aufgrund von Corona gerade in einer schlimmeren Situation befinden als wir Studenten. Dennoch fehlt mir eindeutig der soziale Kontakt zu Freunden und die tägliche Routine. Ich gehe zwar jeden Tag spazieren oder mache Sport, aber es ist natürlich nicht das Gleiche. Einen weiteren Aspekt, den ich sehr einschränkend finde, sind die Maßnahmen gegen kulturelle Aktivitäten. Ich spiele für mein Leben gerne Theater, was nun leider nicht mehr möglich ist. Mit meiner Gruppe hatte ich sogar ein Stück auf die Beine gestellt, das wir schließlich eine Woche vor der Premiere im März wegen Corona komplett absagen mussten.

Vincent: Die Studentenzeit ist ohne Frage eine der prägendsten des Lebens. Es entstehen viele Kontakte, Freundschaften und Erinnerungen. Gerade für die Studenten, die ihre Uni-Laufbahn wie ich zu Hause beenden, wird aber nicht viel übrig sein. Wenn das normale Leben wieder existiert, werde ich kein Student mehr sein. Die Gewissheit, dass ich zu keinem normalen Studentenleben mehr zurückkehren werde, schmerzt auf jeden Fall. Ich habe aber trotzdem Glück gehabt und konnte mein Pflichtpraktikum von August bis Ende Januar zu einem Großteil in München bei „Sport1“ absolvieren und musste erst im Dezember ins Homeoffice nach Hause zurück. Ich hatte also zuletzt zum Glück nicht so viel zu tun für die Uni und habe sogar im Süden Deutschlands mein persönliches Abenteuer erlebt.

Ist das Online-Studium genauso zeitintensiv?

Marié: Auf der einen Seite muss ich nicht mehr täglich nach Bremen pendeln, weshalb ich mehr Zeit habe. Auf der anderen Seite müssen wir uns nun viel mehr selbst beibringen, weshalb ich die meiste Zeit damit beschäftigt bin, Texte zu lesen. In einigen Kursen nehmen die Lehrenden weniger Inhalte durch, in anderen verlangen sie plötzlich viel mehr von einem. Da ich mich mittlerweile aber nun im sechsten Semester befinde, habe ich generell etwas mehr Zeit als die Semester davor, und im Lockdown habe ich auch endlich wieder Hobbys ausprobiert, die etwas in Vergessenheit geraten waren.

Vincent: Es ist schrecklich! Der große Unterschied zur Normalität ist der: Zähe und langweilige Veranstaltungen werden gemeinsam mit Freunden im Hörsaal trotzdem zu guten Stunden. Nun bleiben zähe Veranstaltungen, und man sitzt alleine. Da erfordert es eine extrem hohe Disziplin. Bei uns gibt es keine Anwesenheitspflicht – also ist es egal, ob man dabei ist oder nicht. Ich mache oft nach fünf Minuten wieder aus und höre Musik oder gehe raus zum Sport. Vom Stoff her ist es aber nicht weniger geworden meiner Ansicht. An den Anforderungen wurde nichts verändert.

Glaubt ihr, die Maßnahmen sind alle richtig und angemessen?

Marié: So traurig und ärgerlich, wie es auch ist, denke ich trotzdem, dass die Maßnahmen richtig sind. Natürlich müssen alle sich in ihrem Leben einschränken, aber wenn alle zumindest versuchen, sich daran zu halten, können wir bald hoffentlich wieder zur Uni gehen, Freunde treffen oder gemeinsam etwas unternehmen. Auch wenn es noch ein weiter Weg bis dahin ist.

Vincent: Auf jeden Fall! In dieser Zeit mit 350 Menschen gemeinsam im Hörsaal sitzen, geht einfach nicht. Zu den Online-Kursen gibt es keine Alternative. Die Uni Bremen hat 25 000 Studenten. Da herrscht auf dem Gelände dichteres Gedränge als bei jedem Sturm auf das Klopapier. Ich hatte einen schweren Coronafall in der Familie und unterstütze seitdem die Einschränkungen noch mehr. Wer sich nicht daran hält, bringt seine Mitmenschen in Gefahr und sorgt zudem dafür, dass der Alltag noch später zurückkehren wird. Dieser Gedanke der sozialen Intelligenz sollte in jedem Kopf ankommen – trotz des politischen Versagens und der fehlenden Konzepte der Regierung.

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