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Interview: Tanzlehrerin Gisela Schoenfeld über ein Vergnügen auf vier Füßen

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Von: Lars Warnecke

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Immer schön Schritt halten: Tanzlehrerin Gisela Schoenfeld nimmt unseren Schülerpraktikanten Jannes Rathjen unter ihre Fittiche.
Immer schön Schritt halten: Tanzlehrerin Gisela Schoenfeld nimmt unseren Schülerpraktikanten Jannes Rathjen unter ihre Fittiche. © Menker

Rotenburg – „Let’s dance“ boomt, Clubs haben wieder geöffnet und die Tanzschulen freuen sich über regen Zulauf. Das Schöne ist: Wir können nach entbehrungsreichen Zeiten wieder zusammen tanzen – inklusive Partnertausch. Eine, die schon seit 34 Jahren Bewegungsfreudigen Beine macht, beim Cha-Cha-Cha etwa, bei der Rumba oder beim langsamen Walzer, ist Gisela Schoenfeld (60) aus Rotenburg. Warum Tanzen gesünder ist als viele Sportarten, warum das klassische Rollenverständnis heute überholt ist und warum der Mensch überhaupt tanzt, erzählt die ausgebildete Tanzlehrerin im Interview am Wochenende.

Frau Schoenfeld, „Let’s Dance“ ist seit vielen Jahren erfolgreich, die Fernsehserie „Ku’damm 56“ spielt zu großen Teilen in einer Tanzschule – hat diese mediale Präsenz den Paartanz wieder populär gemacht?

„Let’s Dance“ hat sicher dazu beigetragen, dass viel über das Tanzen gesprochen wird. Nur ist das Format zu weit weg von dem, was Otto Normalverbraucher möchte. Ein überambitioniertes Brautpaar mag sich vielleicht noch denken: „Das möchten wir genauso machen, wie es die Show-Paare auf der Tanzfläche tun!“ Nur um dann aber relativ schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt zu werden.

Hat der Paartanz bei uns auf dem Lande einen anderen Stellenwert als in der Großstadt?

Ich glaube schon, ja. Das wird über Generationen weitergegeben. Noch heute wird etwa auf Dorffesten oder ähnlichen Veranstaltungen der Paartanz gepflegt – das ist in der Stadt etwas anders. Dort gehört bei vielen Jugendlichen der Besuch in der Tanzschule nicht mehr so selbstverständlich dazu, wie im ländlichen Raum.

Welchen Stellenwert hat Tanzen für Sie persönlich?

Platt gesprochen: Tanzen ist mein Leben. Aber es ist wirklich so. Ich bin der festen Überzeugung, dass man einen solchen Beruf nicht macht, wenn man ihn nur als Job ansieht. Job und Beruf sind für mich Begriffe, die doch noch unterschiedlich sind. Man muss als Tanzlehrer für das, was man tut, brennen. Sonst würde man sich nicht jeden Abend und jedes Wochenende hinstellen. Was dabei ganz wichtig ist: Man muss Bock auf Menschen haben, auf die Kommunikation mit ihnen. Das Tanzen an sich macht eigentlich nur einen kleinen Teil vom Ganzen aus.

Hand aufs Herz: Kann wirklich jeder tanzen lernen?

Ja aber natürlich. Jeder auf seinem Niveau und er muss sich natürlich Zeit dafür nehmen. Niemand kann tanzen lernen in zwei, drei oder vier Stunden. Aber jeder kann es, wenn er sich nicht selbst unter Druck setzt und anerkennt, dass es eben mehrere Leistungsstufen gibt. Das ist in anderen Sportarten ja auch nicht anders – nicht jeder kann laufen wie Usain Bolt, aber trotzdem joggt der Mensch durch den Wald.

Und wenn jemand doch zwei linke Füße hat?

Dann braucht man nur Geduld, mehr nicht.

Warum tanzt der Mensch überhaupt?

Ganz einfach: weil er nicht anders kann. Wenn wir einen rhythmischen Reiz in der Umgebung wahrnehmen, dann zuckt der Fuß im Takt, oder der Kopf wippt mit. Ich finde, das ist schon eine Meisterleistung der Evolution. Tanzen ist ein Ausdruck von Lebensfreude – nur kommt der auf der Welt unterschiedlich zur Geltung. Wenn man zum Beispiel nach Südamerika guckt, herrscht dort ein ganz anderes Lebensgefühl als bei uns. Dort ist es warm, irgendwer macht Musik und die Leute fangen an, sich rhythmisch zu bewegen – jederzeit und überall, wie ganz selbstverständlich. Das könnten wir Norddeutschen auch, wenn wir nur nicht so verkopft wären.

Mit dem Tanzen geht seither auch eine gewisse Etikette einher. Wie viel Wert legen Sie darauf, Benimmregeln an ihre Schüler zu vermitteln?

Ich gebe solche Regeln eigentlich nur noch im Bereich Abschlussball an die Teilnehmer weiter, indem ich versuche, ihnen ab und zu gewisse Werte schon während des Unterrichts zu vermitteln. Wichtig ist, dass man – egal ob Mädchen oder Junge – ordentlich miteinander umgeht. Letztendlich zeige ich auf, wie man sich den Konventionen entsprechend auf Bällen oder ähnlichen Veranstaltungen benimmt. Und dass bestimmte Anlässe mit einer bestimmten Kleidung einhergehen, dass Turnschuhe und Jeans dort nun wirklich nichts zu suchen haben. Es gibt eben bestimmte Sachen, die macht man. Andere macht man nicht.

Oftmals ist von einer Verrohung der Gesellschaft die Rede. Erleben Sie das auch in ihren Tanzkursen?

Ja. Nur was heißt Verrohung? Dass die Schüler sich hin und wieder auch mal untereinander mit voller Absicht treten oder schubsen, beobachte ich durchaus. Das hat etwas mit Sozialisierung zu tun. In solchen Fällen kann ich auch schon mal ein bisschen lauter werden. Was mich persönlich auch stört: Der Tanzpartner sollte nicht alleine auf dem Parkett zurückgelassen werden – das macht man einfach nicht und ist für alle Beteiligten unangenehm. Schlimm wird es auch, wenn jemand während des Tanzens meint, eine Whatsapp-Nachricht schreiben zu müssen. Da werde ich dann auch ein wenig ungehalten.

Tanzen soll ja Medizin sein, es gibt viele Studien, die bei so manchem Leiden Besserung durch Tanzen anzeigen. Teilen Sie diese Erfahrung?

Ja durchaus. Ich habe sogar mal einen Herrn gehabt, der nach einem Schlaganfall unter einem typischen Schwenkerbein litt. Mit dem habe ich Stunden gemacht. Und siehe da: Sein Gleichgewichtssinn hat sich im Verlauf merklich verbessert. Ich habe viele Leute mit ganz unterschiedlichen Erkrankungen in meinen Kursen, und ich merke, dass denen das Tanzen wirklich guttut. Von der verbesserten Fitness ganz zu schweigen. Auch die Merkfähigkeit nimmt wieder zu, was gerade für ältere Menschen extrem wichtig ist. Tanzen ist ja sogar eine wissenschaftlich anerkannte Alzheimer-Prophylaxe.

Tanz ist auch Verstellung, eine Haltung, die man vorsätzlich einnimmt. Wie wirkt diese Haltung auf die Tänzer zurück?

Man kann beim Tanzen herausfinden, was mit Körpersprache möglich ist und ein entsprechendes Selbstbewusstsein entwickeln. Die lateinamerikanischen Tänze verlangen etwa einen fast schon dynamischen Ausdruck nach vorne vom Mann. Die Standardtänze brauchen wieder einen gelassenen, ausgeglichenen Körperausdruck. Man muss aber auch sagen: Wir machen keinen Turniertanz, sondern arbeiten im Hobbybereich.

Der Mann führt beim Standardtanz, die Frau interpretiert seinen Willen, reagiert auf seine Impulse. Ist dieses Rollenverständnis nicht überholt?

Natürlich ist es das. Nur ist die Tanzhaltung einfach so aufgebaut, dass in der Regel der Mann führt. Das ist ganz einfach eine technische Sache, dass es eine führende Position gibt. Letztendlich ist es aber egal, ob der Mann oder die Frau führt. Schwierig wird es aber, wenn beide führen wollen, dann kommt es zu Konflikten. Ich habe auch gleichgeschlechtliche Paare. Bei denen ist es dann oftmals so, dass sie die Rollen bei den verschiedenen Tanzstilen auch mal tauschen.

Stimmt der Eindruck, dass eher die Frauen tanzen wollen als die Männer?

Der Eindruck ist richtig, der Tanzwunsch ist bei Frauen stärker ausgeprägt. Dabei ist das Tanzen für Männer gemacht. Das beginnt schon bei der Tanzhaltung. Wenn sie die Hände seitlich vom Körper weghalten und aufrecht stehen, machen die Herren doch eine gute Figur. Oft ist es ja so, dass das männliche Kommunikationsverhalten nicht so ausgeprägt ist. Beim Tanzen ist die Kommunikation aber nonverbal, das sollte den Männern in die Tasche spielen. Und bei manchen Tänzen, etwa beim Boogie, leisten die Damen mehr als die Herren, die sich tendenziell nur sparsam bewegen, während die Damen vergleichsweise viel zu tun haben.

Erleben Sie es oft, dass sich durch die Tanzkurse Beziehungen bilden?

Ja, und ich bin als erfolgreiche Single-Vermittlerin nicht ganz unschuldig daran (lacht). Ich kenne vier Paare, die sich zuletzt in unserer Tanzschule kennengelernt haben, die ich mehr oder weniger verkuppeln konnte. Inzwischen sind sie jetzt alle verheiratet. Single-Kurse bieten wir nicht an, aber ich versuche, individuell Tanzpartner zu vermitteln. Und wie sich gezeigt hat, habe ich dabei manchmal ein gutes Händchen bewiesen.

Gibt es Tänze, die besonders beliebt oder unbeliebt bei den Schülern sind?

Bei Jugendlichen ist auf jeden Fall die Rumba nicht sehr beliebt. Diesen Tanz bieten wir im Anfängerbereich auch gar nicht an. Bei Erwachsenen fallen eher Samba und Jive durch, dagegen finden sie langsamen Walzer, Foxtrott und Cha-Cha-Cha oft total toll.

Und ein Discofox geht doch auch eigentlich immer, oder?

Eigentlich nicht, nein. Denn in dem Moment, wo Leute tanzen können, also länger dabei sind, werden sie mit diesem Tanz nicht mehr glücklich, weil er dann doch auf Dauer ein Stück weit zu eintönig ist.

Welches ist ihr persönlicher Lieblingstanz?

Ich liebe den Cha-Cha-Cha, weil ich von der begleitenden Musik, von der Figur und den Möglichkeiten begeistert bin. Und ich liebe die Samba – und das manchmal zum Leidwesen meiner Kunden.

Zur Person

Seit 1988 schon ist Gisela „Gisi“ Schoenfeld in der ADTV-Tanzschule Seel in Rotenburg beschäftigt. ADTV steht für Allgemeiner Deutscher Tanzlehrer-Verband. Nachdem sie ihren Plan, Sozialpädagogik zu studieren, wieder verworfen hatte, ließ sie sich zur professionellen Tanzlehrerin ausbilden. Schoenfeld ist verheiratet und lebt in der Wümmestadt. In Scheeßel gibt sie auch Außenkurse. In ihrer knapp bemessenen Freizeit geht die 60-Jährige gerne ins Theater und auf Reisen. 

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