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Balsam Al-Janabi im Interview: „Sprache lernen kann Spaß machen“

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Von: Guido Menker

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Balsam Al-Janabi legt ihren Schwerpunkt als Lehrerin auf „Deutsch als Zweitsprache“.
Balsam Al-Janabi legt ihren Schwerpunkt als Lehrerin auf „Deutsch als Zweitsprache“. © Menker

Rotenburg – Nach und nach erreichen auch den Landkreis Rotenburg Flüchtlinge aus der Ukraine. Unter ihnen sind viele Kinder und Jugendliche. Die meisten von ihnen sprechen kein Deutsch. Nicht zuletzt deshalb ist es wichtig, dass diese Kinder und Jugendlichen einen guten Start erwischen. Schule spielt dabei eine zentrale Rolle. In der IGS Rotenburg ist jetzt eine sogenannte Willkommensklasse eingerichtet worden – für 16 Kinder und Jugendliche aus der Ukraine im Alter von zwölf bis 17 Jahren.

Schon bald aber werden sie in die Regelklassen wechseln. Die Vorbereitung darauf hat ganz wesentlich Dr. Balsam Al-Janabi in der Hand. Sie ist nicht nur Lehrerin in der IGS, sondern hat zusätzlich eine Teilzeitstelle am Sprachbildungszentrum in Stade. Eines von 16 dieser Art in Niedersachsen. Al-Janabis Schwerpunkt: Deutsch als Zweitsprache (DaZ). Wir haben mit ihr über ihre Arbeit gesprochen.

Frau Al-Janabi, wie sind Ihre ersten Eindrücke von den Schülern in der Willkommensklasse?

Meine ersten Eindrücke sind, dass die Gruppen mit den Schülern aus der Ukraine ähnliche Bedürfnisse und Ausgangslagen haben. Hinzu kommen ähnliche Fragen, die sie untereinander oder auch an uns als Schule stellen. Ihre Wünsche und Bedürfnisse sind aber andere, als die unserer Regelschüler. Die Kinder und Jugendlichen in der Willkommensklasse müssen sich hier erst einmal einfinden. Sie kennen das Land und die deutsche Sprache noch nicht. Sie wissen auch noch nicht, an wen sie sich wenden können, welches Material es zum Deutschlernen und welche außerschulischen Möglichkeiten es gibt, um zum Beispiel die Freizeit zu gestalten.

Wie sehr sind diese Kinder und Jugendlichen vom Krieg gezeichnet?

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als seien sie nicht besonders gezeichnet davon. Es liegt daran, dass sie sich hier mit alltäglichen Dingen beschäftigen, die Jugendliche interessieren. Musik etwa oder auch Sport. Wenn man sich aber länger mit ihnen unterhält, merkt man schon, dass ihnen die Lage zu schaffen macht. Sie stellen sich zum Beispiel die Frage, wann sie wieder in die Ukraine zurückkehren können. Und einigen von ihnen ist dabei nicht bewusst, dass das noch lange dauern kann.

Was kann Schule in dieser Situation leisten?

In erster Linie kann Schule den Schülern einfach zuhören und ihnen die Zeit und das Gefühl geben, dass man ein Ohr für sie hat. Schule kann außerdem eine gute Aufnahme ermöglichen und ihnen zeigen, dass – selbst wenn sie für längere Zeit bleiben müssen – sie sich auch hier wohlfühlen können.

Da kommen Sie mit ins Spiel als Fachfrau für Menschen, deren Muttersprache Deutsch nicht ist. Aber Sie sprechen selbst nicht Ukrainisch. Wie also kommen Sie mit ihnen ins Gespräch?

Es wird gedolmetscht von Schülern, die ähnliche Sprachen sprechen. Das bedeutet entweder Ukrainisch oder auch Russisch, denn es hat sich herausgestellt, dass viele der Ukrainer auch Russisch verstehen und ein wenig sprechen können. Dadurch wird die Kommunikation gestärkt. Es ist aber auch gut möglich, Zeit miteinander zu verbringen, wenn gerade kein Übersetzer da ist und man sich hin und wieder auch über Google-Übersetzer verständigt – oder einfach mit Händen und Füßen. Das klappt auch ganz gut.

Was macht das vor allem mit jüngeren Menschen, wenn sie in ein Land kommen, in dem sie kein Wort verstehen?

Wenn sie in einer Umgebung sind, in der sie sich völlig abgeschnitten fühlen, wie zum Beispiel in einer rein deutschen Klasse, kann es sein, dass sie den Anschluss verlieren. Da es aber eine Klasse ist mit vielen ukrainischen Kindern und Jugendlichen, die sich schon austauschen und Bedürfnisse ausdrücken können, glaube ich, dass sie das nicht so belastet, eine sprachliche Barriere zu haben. Im Laufe des Tages konnten sie mir mit, aber auch ohne Übersetzer sagen, was sie sich wünschen, was sie wollen. Und sei es, dass sie sagen, dass sie noch einmal in den DaZ-Raum möchten, um ihre Jacke zu holen, oder dass sie eine E-Gitarre haben möchten, oder sie wissen möchten, ob es möglich ist, sich eine Ukulele zu leihen. Also das waren schon recht spezifische Fragen, die sie mir stellen konnten, auch wenn sie keinen Übersetzer in der Nähe hatten. Daher glaube ich, dass es nicht per se belastend sein muss, dass man nicht dieselbe Sprache spricht.

Ein oder zwei Wochen nach den Ferien sollen die Schüler in die regulären Klassen wechseln. Was ist vorher unbedingt noch zu tun, damit das gelingt?

In erster Linie ist zu überlegen, welcher Jahrgang und welche Klasse angebracht sind. Es gibt teilweise Cousinen und Cousins, die schon in den Klassen sind. Das könnte schon eine Verbindung darstellen. Auch sollten das Alter, der Jahrgang und der Kenntnisstand eine große Rolle spielen. Vorher sollte die Schule auch Materialien planen und zusammenstellen sowie überlegen, wann der additive DaZ-Unterricht stattfinden soll, um ukrainische Schüler nicht aus wichtigem Regelunterricht zu nehmen. Additiver Unterricht bedeutet zusätzlichen Unterricht in Deutsch als Zweitsprache. Wir wollen sie nämlich nicht aus dem Sport- oder Kunst- oder Musikunterricht nehmen.

Was genau ist denn DaZ-Unterricht?

Deutsch als Zweitsprache wurde so benannt, weil man davon ausgeht, dass Kinder Deutsch lernen als weitere Sprache neben ihrer Herkunftssprache. Das setzt ganz andere Ausgangslagen voraus, was bedeutet, dass die Schüler bestimmte Materialien brauchen. Das können mehrsprachige Bücher und Materialien sein und Übungen, die sich auf alle Bereiche beziehen. Zum Beispiel das Lese- und das Hörverständnis, das Sprechen und Schreibübungen. Ganz gezielt also. Der DaZ-Unterricht bezieht sich jetzt auf einen weiteren Bereich – das nennt sich sprachsensibler Fachunterricht. Man versucht also, auch den Regelunterricht – vielleicht ein Chemie-Experiment – für Schüler zugänglich zu machen, die Deutsch noch nicht so sprechen.

Liegen diese Materialien, von denen Sie sprechen, in den Schulen bereits vor?

Speziell für ukrainische Neuzugänge gibt es erfreulicherweise viele Materialien, und auch im Rahmen des Sprachbildungszentrums bin ich ganz froh, fast täglich neue Materialien zu bekommen. Es ist so, dass sogar Deutschbücher und -hefte aus der Ukraine mittlerweile zur Verfügung stehen, auch das Kultusministerium gibt Material weiter an Schulen, um diese zu empfehlen. Bücher und Hefte, die Aufgabenstellungen auf Deutsch und Ukrainisch haben, was das Lernen erleichtert.

Sie sind schon länger an diesem Thema dran. Welche Erfahrungen machen Sie dabei?

Die Erfahrungen sind so, dass es leichter ist, wenn man den Schülern zeigt, dass das Erlernen von Sprachen Spaß machen kann. Es ist wichtig, sie nicht zu überfordern mit einer neuen Sprache. Der Regel- und Fachunterricht ist anspruchsvoll für Kinder und Jugendliche, die noch nicht viel Zeit hier verbringen. Deswegen ist es wichtig, ihnen zu zeigen, dass das Schritt für Schritt passieren kann. Gut ist es, dass auch mit Spielen zu verbinden. Wir haben sogar jede Menge DaZ-Spiele dafür im Haus, die ihnen die Sprache näher bringen. Meine Erfahrungen sind auch, dass man als Lehrerin oder – wie ich als DaZ-Koordinatorin – zeigen kann, wie sie sich selbst helfen, und Patensysteme zu bilden, in denen sich die Schüler untereinander unterstützen. Es ist schön, sie dazu zu ermutigen, sich gegenseitig zu helfen, andere Schüler zu fragen, um bei Aufgaben Unterstützung zu bekommen. Die Erfahrung zeigt zugleich, wie unheimlich wichtig es ist, diesen additiven DaZ-Unterricht zu verknüpfen mit dem integrativen DaZ-Unterricht, also dem, der im Regelunterricht stattfindet.

Wie sehr aber tauchen das Thema Krieg und die Erfahrungen, die sie gemacht haben, in den Gesprächen mit den Kindern und Jugendlichen der Willkommensklasse immer noch auf?

Da gibt es unterschiedliche Reaktionen. Für manche Schüler ist es schön, den ganz normalen Alltag zu haben. Mein Eindruck ist, dass alle wissen, worum es hier geht – auch die Kleinen. Ihre Väter sind in der Ukraine, und das ist alles andere als leicht. Ein Mädchen zum Beispiel ist alleine hier angekommen. Es hat sich also von den Eltern verabschiedet, die in der Ukraine geblieben sind, weil die Mutter den Vater nicht verabschieden, sondern ihm beistehen wollte. Darüber zu sprechen, war ihr schon sehr wichtig. – auch mit einer Übersetzerin. Sie wollte sagen: So war das bei uns. Wir haben, so oft es geht, Kontakt mit den Eltern und auch mit den Freunden. Der Austausch darüber war ihr sehr wichtig, aber nicht in einem traurigen Kontext. Es war für sie sehr schön, hier auch die ukrainischen Flaggen zu sehen, also an beiden Standorten der IGS. Wir haben Gruppenfotos und Bilder von ihr mit den Flaggen gemacht und sie den Eltern geschickt. Ich fand es schön, dass auch mit fröhlichen Dingen zu verbinden. Wir versuchen, behutsam mit ihnen umzugehen, um ihnen ein Willkommensgefühl zu geben.

Lässt sich das, was Sie hier mit den ukrainischen Flüchtlingen machen, auf viele andere Orte in Niedersachsen übertragen?

Es gibt wesentliche Unterschiede. Viele Schulen können sich organisatorisch so eine Klasse nicht aufstellen. Sie setzen diese Schüler schon recht schnell in die Regelklassen. Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Flüchtlinge peu a peu kommen, nicht wie bei uns, die wir es von heute auf morgen mit einer größeren Gruppe zu tun hatten. Es gibt auch Schulen, die einen Willkommenstag oder Willkommenskurse anbieten.

Gibt es jetzt schon die angesprochenen Patenschaften mit anderen Schülern?

Wir warten damit, bis die ukrainischen Schüler auf die Klassen verteilt sind, weil es dann viel mehr Sinn ergibt. Dann kann man auch schauen, welche Schüler sie regelmäßig sehen. Jetzt ist es so, dass sich Freundschaften gebildet haben, auch mit anderen DaZ-Schülern. Da gibt es russische und rumänische sowie moldawische Schüler, die ähnliche Sprachen sprechen.

Deutsch als Zweitsprache: 86 Schüler der IGS erhalten speziellen Unterricht

Balsam Al-Janabi hat die Fachbereichsleitung „Deutsch als Zweitsprache“ (DaZ) an der Integrierten Gesamtschule (IGS) in Rotenburg. Sie selbst spricht neben Deutsch und Arabisch auch noch Englisch und Spanisch.

Als Expertin ist sie außerdem auch am Sprachbildungszentrum in Stade beschäftigt. 86 DaZ-Schüler gibt es an der IGS. 19 verschiedene Muttersprachen bringen die Kinder und Jugendlichen mit. Es sind aber nicht alle auch Flüchtlinge, sondern viele von ihnen sind in Rotenburg gelandet, weil sie mit ihren Eltern aus anderen, vor allem europäischen Ländern nach Deutschland gekommen sind. Nicht selten aus beruflichen Gründen. men

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