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Interview: Rotenburger Amtsarzt Hedicke über Corona und die Folgen

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Von: Michael Krüger, Guido Menker

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Symbolbild Rollator mit Maske, handgesteuert
Nur noch in wenigen Bereichen, zum Beispiel zum Schutz gefährdeter Bevölkerungsgruppen wie in Seniorenheimen, gibt es noch eine Maskenpflicht. © dpa

Was sind die Lehren aus der Corona-Krise und wie stark belastet sie noch jetzt das Rotenburger Gesundheitsamt? Fragen wie diesen stellt sich Amtsarzt Jens Hedicke. Er ist stellvertretender Leiter der Behörde.

Rotenburg – Die strikten Vorschriften sind längst gelockert, die Lage hat sich entspannt. In einige Bereichen gilt zwar noch eine Maskenpflicht, aber auch Landrat Marco Prietz (CDU) weiß: „Corona ist kein Schwerpunktthema mehr für die Kreisverwaltung.“ Das war über Jahre anders, nicht nur für Prietz, der seit November 2021 im Amt ist, sondern vor allem für das Rotenburger Gesundheitsamt. Dessen stellvertretender Leiter Jens Hedicke berichtet im schriftlich geführten Interview über die Lehren aus Corona und die Belastungen für seine Mitarbeiter. Der Amtsarzt lobt deren unablässigen Einsatz für die Bürger.

Herr Hedicke, kurz vor Weihnachten ist deutlich geworden, dass sie die Corona-Situation mittlerweile relativ gelassen sehen. „Draußen ist Corona fast gar kein Thema mehr“. Inwieweit sind sie und ihre Kollegen noch mit dem Thema beschäftigt?

Das Gesundheitsamt nimmt unverändert die gemeldeten Covid-19-Fälle auf und trägt über deren Weiterleitung via Landesgesundheitsamt zum Robert-Koch-Institut zur Erstellung des täglichen Lagebildes bei. Ebenso registrieren wir die an oder mit Covid-19 verstorbenen Personen. Und wir beraten weiterhin bedarfsweise bei Covid-19-Ausbrüchen in sensiblen Einrichtungen.

Sicherlich sahen sich auch Mitarbeitende in Landes- und Bundesbehörden dienstlich Beschimpfungen ausgesetzt, waren aber selten in der Gefahr, diesen Personen anschließend beim Einkauf im heimischen Supermarkt zu begegnen.

Amtsarzt Jens Hedicke

Die Pandemie hat mit uns allen viel gemacht. Auch mit dem Gesundheitsamt. Welche Lehren lassen sich für die Arbeit im Gesundheitsamt aus dieser Pandemie ziehen?

Die Gesundheitsämter sollen die Vorgaben umsetzen, die auf Bundes- und Landesebene formuliert werden. Während der Pandemie wurden unsere Mitarbeiter dadurch phasenweise extrem belastet. Vorübergehende Unterstützung kam aus der übrigen Kreisverwaltung, aus Landes- und Bundesbehörden sowie von der Bundeswehr. Ein kreiseigener Stab übernahm das Impfzentrum und später die mobilen Impfteams. Um eine dauernde Überlastung zu verhindern und künftige Aufgaben weitergehender aus eigener Kraft zu bewältigen, wurde die Stellenzahl des Gesundheitsamtes bereits erhöht. Zudem müssen Schnittstellenprobleme, insbesondere auch mit Land und Bund, intensiver betrachtet werden. Zu berücksichtigen ist auch, dass die Digitalisierung voranschreitet, aber den bei den Aufgaben des Gesundheitsamtes oft erforderlichen persönlichen Kontakt nicht vollständig ersetzen kann. Letztlich muss man auch unsere Grenzen anerkennen: Die Arbeit eines Gesundheitsamtes kann nur dann Erfolg haben, wenn die einzelnen Maßnahmen des Gesundheitsschutzes von der Bevölkerung akzeptiert und umgesetzt werden. Unsere Infektionszahlen liegen heute auf dem Niveau der meisten Nachbarlandkreise. Daran haben die Mitbürger durch ihr umsichtiges und besonnenes Verhalten einen entscheidenden Anteil.

Welche Veränderungen – auch personell – haben über die Pandemie hinaus Bestand?

Das Gesundheitsamt befindet sich in einem Generationswechsel. Im Bereich des Infektionsschutzes werden neue Stellen geschaffen, aber auch in anderen Bereichen wird aufgrund zusätzlicher Pflichtaufgaben eine Personalaufstockung geprüft.

Ist das große Thema Corona wirklich beendet?

Covid-19 bleibt weltweit unter Beobachtung, um insbesondere auf das Auftreten bedrohlicher Varianten frühzeitig reagieren zu können. Welchen Umfang „Long Covid“ in der Zukunft einnehmen wird, lässt sich noch nicht abschätzen. Und die Beobachtung, dass in einigen Bevölkerungsgruppen Mehrfachinfektionen mit Covid-19 mit einer Steigerung der Komplikationsrate verbunden zu sein scheinen, bedarf der weiteren Untersuchung. Schließlich wäre die Entwicklung eines Impfstoffes mit längerfristiger Wirksamkeit wünschenswert, da die allgemeine Akzeptanz, sich in Halb- oder Jahresabständen impfen zu lassen, angesichts der überwiegend milden Verläufe zügig abnimmt.

Kommen Sie und ihre Kollegen inzwischen wieder zurück zu einem normalen Arbeitspensum?

Eindeutig nein. Das „Normalgeschäft“ erreicht den Umfang vor 2020, zusätzlich müssen aber aufgelaufene Rückstände der letzten drei Jahre abgearbeitet werden. Dies führt einerseits zu einer weiterhin erhöhten Arbeitsbelastung der Mitarbeiter und andererseits zu verlängerten Bearbeitungszeiten für die Bevölkerung. Freiwillige Aufgaben, die politisch wünschenswert oder medizinisch sinnvoll, aber keine Pflichtaufgaben sind, müssen vor diesem Hintergrund zwangsläufig zurückgestellt werden.

Welche Konsequenzen erwarten Sie für die Arbeit in den Gesundheitsämtern – Stichwort Digitalisierung?

Das Thema Digitalisierung hat in der öffentlichen und politischen Wahrnehmung sicherlich einen deutlichen Schub erfahren. Digitalisierung ist weiterhin eine Querschnittsaufgabe aller Bereiche der Kreisverwaltung in den kommenden Jahren. Ein wesentlicher Problempunkt für das Gesundheitsamt war der Zeitbedarf für die Datenerhebung und -eingabe, nicht so sehr die Übermittlung. Und natürlich wurde es ein zeitliches Problem, angesichts verkürzter Insolations- und Quarantänephasen die entsprechenden Bescheide so zuzusenden, dass diese nicht bereits abgelaufen waren. Überaus ärgerlich bleibt, dass es auf Bundes- und Landesebene nicht ausreichend gelungen ist, die digitalen Schnittstellenproblematiken aufzulösen.

Im Rückblick: Ist in der Pandemie zu viel auf die Schultern der Mitarbeiter in den Gesundheitsämtern abgewälzt worden?

Das Gesundheitsamt ist eine ausführende Institution mit festgelegten Aufgaben. Sicherlich sahen sich auch Mitarbeitende in Landes- und Bundesbehörden dienstlich Beschimpfungen ausgesetzt, waren aber selten in der Gefahr, diesen Personen beim Einkauf im heimischen Supermarkt zu begegnen. Die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes und die verschiedenen Pandemiekräfte haben auch jenseits der regulären Arbeitszeiten und an den Wochenenden einen außerordentlichen Einsatz gezeigt. Wir haben Unterstützung von vielen Seiten erfahren. Dafür sind wir sehr dankbar. Selbst wenn nicht immer und für jeden alles perfekt lief, so können doch alle auf diese gemeinschaftliche Leistung sehr stolz sein. Und ich wünsche uns jetzt einfach ein paar ruhige Jahre, in denen wir beständig und verlässlich die alten wie die neuen Aufgaben abarbeiten können.

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