Interview mit Naturschutzamt-Leiterin

Janine Käding über die Notwendigkeit der Ausweisung von Schutzgebieten

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Janine Käding leitet seit April das Naturschutzamt im Kreishaus. 

Rotenburg - Von Michael Krüger. Die Umwelt schützen wollen alle. Da sind sich Landwirte und Naturschützer, Politik und Verwaltung einig. Nur wie und mit welchen Mitteln, darüber gibt es viel Streit – zuletzt bei der Ausweisung der Naturschutzgebiete Beverniederung und Schwingetal. Dabei stehen die großen Schutzgebiete entlang der Wümme und der Oste noch aus. Viel Arbeit für die Leiterin der Unteren Naturschutzbehörde im Rotenburger Kreishaus, Janine Käding. Die 35-Jährige aus dem Landkreis Harburg ist seit April Chefin des Naturschutzamts – als Nachfolgerin von Jürgen Cassier, der diesen Bereich über Jahrzehnte geprägt hat.

Frau Käding, wer ruft öfter an: Ihr Vorgänger Sie oder Sie ihn, um sich Tipps zu holen?

Janine Käding: Wir telefonieren manchmal und haben uns auch ein oder zwei Mal schon zum Mittagessen getroffen. Wir tauschen uns aus. Aber er hat mich ja auch vorher schon gut eingearbeitet. Ich bin seit sieben Jahren in der Behörde tätig.

Warum sind die mit am kontroversesten diskutierten Themen im Landkreis Verordnungen für Naturschutzgebiete?

Käding: Weil es um Eigentum von Privatpersonen geht.

Eigentlich müsste uns am Schutz der Natur doch allen gelegen sein.

Käding: Oftmals wissen die Eigentümer einfach nicht, was Naturschutz bedeutet und was auf sie zukommt. Viele denken, dass sie dort gar nichts mehr machen dürfen oder dass ihnen die Fläche weggenommen wird. Das ist aber nicht der Fall. Natürlich gibt es Einschränkungen, was zum Beispiel die Bewirtschaftung von Grünland oder Wald betrifft. Die Eigentümer müssen deshalb wissen, worum es geht und was die Verordnung konkret bedeutet.

Also geht es bei Ihrer Arbeit vorrangig auch um Aufklärung?

Käding: Genau. Deswegen bieten wir Informationsveranstaltungen an, wenn es darum geht, neue Gebiete auszuweisen. Wir bilden Arbeitsgruppen, um uns mit den fachlichen Institutionen auseinanderzusetzen, und wir bieten an, mit den Eigentümern vor Ort zu sprechen, um zu erklären, was dort passiert und was es bedeutet. So können die Eigentümer auch ihre Probleme erklären, vielleicht erfahren wir auch Sachen, die wir noch nicht berücksichtigt hatten. So lassen sich Kompromisse finden. Aber nicht immer gibt es Lösungen, die für beide Seiten zufriedenstellend sind.

Sind es immer Privatflächen, um die es geht?

Käding: Überwiegend. Bei der Beverniederung und im Schwingetal war es so. In der Veerseniederung waren auch Landesflächen dabei, das wird bei der Wümmemiederung genau so sein. Die landeseigenen Flächen sind häufig schon mit strengen Auflagen verpachtet, sodass der Weg dort etwas einfacher ist.

Besitzt der Landkreis auch eigene Wald- und Wiesenflächen?

Käding: Ja. Auch in Schutzgebieten, aber vor allem in Mooren. Das Große und Weiße Moor bei Kirchwalsede ist zum Beispiel fast komplett im Eigentum des Landkreises, oder das Hemelsmoor und Huvenhoopsmoor. Dort nehmen wir die Maßnahmen zur Wiedervernässung vor.

Was ist schwieriger: Verhandlungen mit Naturschützern, die mehr wollen, oder Verhandlungen mit Bauern, die keine Auflagen wollen?

Käding: Beides gleich. Das ist eben unsere Aufgabe: einen Mittelweg finden zwischen Landwirten und Waldbesitzern, aber auch Anglern, Jägern und Naturschutzverbänden.

Werden Flächeneigentümer ausreichend entschädigt?

Käding: Aus meiner Sicht ja. Es gibt für alle Einschränkungen, die wir machen, einen Erschwernisausgleich vom Land Niedersachsen. Der ist so berechnet worden, dass er die Einschränkungen der Bewirtschaftung komplett ausgleicht.

Zuletzt Mitte Dezember haben die Grafen von Nesselrode öffentlich in der Kreiszeitung beklagt, dass ihr Familienforstbetrieb Gut Kettenburg bei der Ausweisung des Naturschutzgebiets „Im Eich“ vor dem Aus steht. Ist das so?

Käding: Nein. Auch dort ist es so, dass der Wald weiterhin unter bestimmten Vorgaben bewirtschaftet werden kann. Für die Auflagen gibt es dann diesen Erschwernisausgleich. Das Thema wird im Februar im Umweltausschuss beraten.

Ganz grundsätzlich: Warum muss der Landkreis immer mehr Naturschutzgebiete ausweisen?

Käding: Das basiert auf der FFH-Richtlinie (Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie) der Europäische Union. Dort steht, dass alle Gebiete, sechs Jahre, nach dem sie in die Liste aufgenommen wurden, national zu sichern sind. Die einzelnen Länder und auch Bundesländer haben das dann unterschiedlich gelöst. In Niedersachsen wurden die FFH-Gebiete 2004 und 2007 gemeldet, also sind die Fristen 2010 und 2013 ausgelaufen. Bis dahin hätten wir die Gebiete eigentlich hoheitlich sichern müssen.

Hatte denn die Ausweisung als FFH-Gebiet Folgen?

Käding: Ja. Es gibt ein Verschlechterungsverbot. Was Arten und Lebensräume betrifft, durfte sich nichts verschlechtern. Schon jetzt gibt es in den FFH-Gebieten für die Eigentümer Auflagen.

Wer kontrolliert das?

Käding: Wir können es nicht.

Also ist es gar nicht so kompliziert, zwischen FFH-Gebieten, Natura2000, Landschaftsschutzgebiete, Naturschutzgebiete, Vogelschutzgebieten, Naturparks und anderen Begriffen zu unterscheiden?

Käding: Für mich als Fachperson nicht. Für Außenstehende natürlich schon. In der Verordnung steht dann aber ganz genau drin, was erlaubt ist und was nicht. Solange FFH-Gebiete nicht hoheitlich gesichert sind, ist es für die Eigentümer schwierig, zu durchschauen, was sie dürfen und was nicht. Denn es stehen nirgendwo konkrete Verbote. Erst wir konkretisieren die FFH-Ziele.

Wie viele Schutzgebiete haben wir im Landkreis?

Käding: Wir haben jetzt 32 Naturschutzgebiete und 58 Landschaftsschutzgebiete. Das sind rund drei Prozent der Kreisfläche mit Naturschutzgebieten und neun Prozent mit Landschaftsschutzgebieten.

Was ist das Ziel für die Schutzgebiete?

Käding: Insgesamt haben wir 22 FFH-Gebiete und ein EU-Vogelschutzgebiet mit einer Gesamtgröße von 13 861 Hektar, das entspricht 6,7 Prozent der Landkreisfläche. Bis Ende 2018 werden wir 15 neue Naturschutzgebiete und zwei neue geschützte Landschaftsbestandteile ausweisen. Dann haben wir unsere Pflicht erfüllt.

Was droht dem Landkreis, wenn er das nicht schafft?

Käding: Es läuft ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Bundesrepublik, also auch gegen alle Länder und Landkreise. In Niedersachsen hat noch kein Landkreis alle seine FFH-Gebiete gesichert. Die EU hat sich noch nicht geäußert, ob sie den Zeitrahmen bis Ende 2018 akzeptiert. Wenn sie das nicht tut, geht es vor den Europäischen Gerichtshof. Was das für den einzelnen Landkreis bedeutet, kann man noch nicht sagen. Es geht letztendlich um Strafzahlungen, die der Bund aufbringen müsste.

Wenn es so viele Flächen gibt, die wir unter Schutz stellen sollen, dann muss es um die Natur im Kreis doch gut bestellt sein.

Käding: Nun ja, der Großteil der Flächen des Landkreises ist kein Schutzgebiet. Der wird landwirtschaftlich genutzt. Da ist bekanntermaßen vieles intensiviert worden. Wir haben heute deutlich weniger Grünland als vor zehn Jahren, wir haben viel mehr Ackerflächen. Und selbst das Grünland, das wir noch haben, wird viel intensiver genutzt. Wir haben noch schöne Bereiche, aber das sind vor allem die, die auch schon als Schutzgebiete gesichert sind.

Früher konnte man am Feldrand noch Blumen pflücken. Das geht nicht mehr, oft genug gibt es nicht mal mehr Feldränder. Ist das mit dem Verlust der biologischen Vielfalt wirklich so schlimm?

Käding: Da stehen keine Blumen mehr. Wenn wir früher mit meinen Eltern im Auto unterwegs waren, musste mein Papa öfter mal anhalten und die Scheiben saubermachen, weil so viele Insekten dagegen geflogen waren. Heutzutage gibt es das Problem auf dem Land nicht mehr. Die Vielfalt ist weg.

Schaffen wir mehr Vielfalt durch mehr Schutzflächen?

Käding: Ja.

Sind Sie Mitglied der CDU?

Käding: Nein.

Das Parteibuch ist also keine Pflicht für eine Abteilungsleitung im Kreishaus?

Käding: Auf keinen Fall. Das ist keine Einstellungsvoraussetzung.

Ihre erste große politische Debatte mussten Sie als Amtsleiterin zum Naturschutzgebiet Beverniederung führen. Dort hat die alte Mehrheitsgruppe aus SPD, Grünen und WFB den Entwurf der Verwaltung „überarbeitet“. Wie empfanden Sie das?

Käding: Aus fachlicher Sicht ist der erste Entwurf zum Naturschutzgebiet Beverniederung EU-konform und auch ausreichend gewesen. Dass die Politik anders entscheidet, ist in der Kreisverwaltung so.

Ist die Verordnung für die Beverniederung nun besser?

Käding: Letztendlich wurde die Verordnung verschärft und erneut ins Beteiligungsverfahren gegeben. Dann wurden die Auflagen teilweise wieder zurückgenommen. Mein Favorit war der erste Entwurf.

Was sind die nächsten großen Projekte?

Käding: Wir haben jetzt die ganz großen Projekte vor uns: komplett die Oste mit sämtlichen Nebengewässern und die Wümmeniederung. Dazu beginnen nun die Planungen.

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