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„Eine Brücke gegen das Vergessen“

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Von: Ulla Heyne

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Nur pandemibedingt, nicht inhaltlich auf Abstand: Jutta Wendland-Park und Torsten Oestmann.
Nur pandemibedingt, nicht inhaltlich auf Abstand: Jutta Wendland-Park und Torsten Oestmann. © Heyne

Rotenburg – In Rotenburg wird der Tag des Holocaust-Gedenkens am 27. Januar in guter Tradition abwechselnd von der Stadt und den Rotenburger Werken ausgerichtet. Die diesjährige Veranstaltung, die pandemiebedingt in kleinem Rahmen und an der frischen Luft begangen wird, ist für die Geschäftsführerin der Rotenburger Werke, Jutta Wendland-Park, die letzte vor dem Ruhestand und die erste für Bürgermeister Torsten Oestmann.

Wir haben mit beiden über Bedeutung von Gedenkkultur in der heutigen Zeit gesprochen.

Frau Wendland-Park, in diesem Jahr liegt die Planung des Gedenktages in den Händen der Rotenburger Werke. Die Pandemie lässt keine große Versammlung zu. Was ist geplant?

Wendland-Park: Wir haben bereits beschlossen, dass es keine große Veranstaltung in der Kirche zum Guten Hirten geben wird, sondern eine eher kurze draußen am Mahnmal, das seit 1987 auf die Opfer der Gewaltherrschaft aufmerksam macht. Nach einer Begrüßung von mir und vor der Kranzniederlegung spricht Herr Oestmann, dazu gibt es einen musikalischen Rahmen. Was wir sonst regelmäßig gemacht haben, nämlich die Zusammenarbeit mit Schulen, um den jungen Leuten das Geschehen in Erinnerung zu rufen und sie für die Zukunft wachsam werden zu lassen, werden wir nicht machen können.

Nun hat diese Veranstaltung auch vor der Pandemie nicht gerade Besuchermassen angezogen. Täuscht der Eindruck, oder ist es nur ein relativ kleiner Teil der Bevölkerung, den das interessiert?

Wendland-Park: Es ist richtig, eine besonders große Besucherschar haben wir zu diesem Anlass nicht. Aber selbst wenn da nur zwei, drei Leute kämen – wir würden die Erinnerung immer wachhalten. Wir als Rotenburger Werke sehen hier eine besondere Verantwortung. Menschen mit Behinderung sind auch in Rotenburg während des Nationalsozialismus verfolgt, aussortiert und umgebracht worden. Wir haben diese Gräueltaten aufgearbeitet. Ich bin der Stadt sehr dankbar, dass wir diesen Gedenktag in unserer Kooperation begehen können.

Oestmann: Der Gedenktag ist nur ein Baustein, wenn auch ein wesentlicher. Das muss man auch in die heutige Zeit überführen und erweitern. Mit Schulen, das halte ich für einen tollen Ansatz.

Frau Wendland-Park, Sie beschäftigen sich ja nicht erst seit 16 Jahren als Leiterin der Rotenburger Werke mit dem Thema Erinnerungskultur, sondern auch schon vorher als Pastorin – wie hat sich das über die Jahrzehnte hinweg verändert?

Wendland-Park: Ich bin in Westrhauderfehn geboren. Das liegt zirka 23 Kilometer vom Konzentrationslager Esterwegen entfernt. Meine Mutter und meine Großmutter haben erzählt, dass sie immer die Türen und Fenster schließen mussten, wenn ein Treck nach Esterwegen vorbeigezogen ist. Ihnen wurde damals gesagt: „Das sind alles Schwerverbrecher und Mörder.“ Manche haben dann doch Brot rausgereicht und waren entsetzt über das, was sie sahen. Das war für mich ein Anknüpfungspunkt, wir haben oft diskutiert über diese Zeit. Ansonsten habe ich als Pastorin natürlich immer mal wieder mit Menschen geredet, die im Nationalsozialismus gelebt haben. Die Aufarbeitung hat mich schon sehr früh bewegt und das, was erst später für uns alle erkennbar wurde: die Brutalität dieses totalitären Systems, eine erschreckend perfekt funktionierende Tötungsmaschinerie und die Bilder aus Auschwitz und Bergen-Belsen haben sich tief eingebrannt. Die Frage nach Schuld, Versagen und wie so etwas passieren konnte, haben mich immer begleitet.

Oestmann: In meinem vorigen beruflichen Leben als Polizeibeamter haben wir uns auch sehr mit der Thematik beschäftigt, zum einen im dienstlichen Bereich, Stichwort Holocaust-Leugner. Zum anderen haben wir ein Programm laufen, das heißt „demokratische Resilienz“. Das heißt, dass wir uns als Polizei nicht missbrauchen lassen vom rechten Spektrum. Dazu gehörte auch, dass junge Kollegen, die bei uns anfangen, alle nach Bergen-Belsen gehen. Wir waren mit der Führungsriege der Polizeidirektion in Lüneburg in der psychiatrischen Klinik. Da ist leider eine sehr traurige Verbindung hier zu den Rotenburger Werken, nämlich in Bezug auf die Euthanasie. Zu diesem Thema gibt es dort eine Gedenkstätte, und wenn man dann diese persönlichen Geschichten hört von einem alten Mann, der seinen Bruder sucht, den er damals als behindertes Kind auf dem Arm gehalten hat und den man mit der Hoffnung auf Heilung in diese Klinik gegeben hat; wenn man hört, dass Kinder aus den Rotenburger Werken nach Lüneburg gebracht und dort getötet wurden, macht es das auf tragische Weise noch greifbarer.

Ein geschundener Mensch schreit in seiner Hilflosigkeit: Das Manhmal von Matthias Bantz erinnert seit 1989 vor dem Rotenburger Rathaus an die Opfer des Nationalsozialismus.
Ein geschundener Mensch schreit in seiner Hilflosigkeit: Das Manhmal von Matthias Bantz erinnert seit 1989 vor dem Rotenburger Rathaus an die Opfer des Nationalsozialismus. © Krüger

Nun wird es ja immer schwieriger, eine unmittelbare Erinnerungskultur, weil die letzten Zeitzeugen wegsterben. Wie muss oder kann sich Gedenkkultur gestalten?

Oestmann: Da halte ich das Beispiel in Lüneburg für geeignet, wo die Einzelschicksale plastisch dargestellt werden. Das muss nicht unbedingt jemand sein, der das selbst erlebt hat, das kann auch durch die Schilderungen anderer sehr eindrucksvoll passieren.

Wendland-Park: Das sehe ich auch so. Wenn wir uns die Zahlen vor Augen führen, ist das so unvorstellbar, dass der einzelne Mensch dahinter verschwindet. Allein in den damaligen Anstalten sind in der Zeit des Nazi-Regimes 562 Menschen umgebracht worden. Wenn man sich die Einzelschicksale anschaut und vorstellt, berührt es einen sehr. Wir haben es in unseren Veranstaltungen mehrfach erlebt, wenn Schüler davon erzählten. Gerade, weil wir bald keine Zeitzeugen mehr haben, sind Gedenktage als ein Baustein umso wichtiger. Hinter diesen Zahlen steckten Menschen mit Hoffnungen und Träumen, die einfach leben wollten, ein Stück Glück haben wollten, und die diesem grausamen Regime zum Opfer gefallen sind.

Macht Corona diese Erinnerungskultur schwerer?

Oestmann: Corona erschwert das Leben allgemein. Vor allem bei solchen Themen, bei denen man gewohnt ist, in der Gemeinschaft zu arbeiten. Der persönliche Austausch mit einer Vielzahl von Menschen ist online nicht zu ersetzen, das ist hier nicht anders.

Es mehren sich auch hier in Rotenburg die Stimmen derer, die sagen: „Man muss es auch mal gut sein lassen.“

Oestmann: Für mich ist das eine Frage von Schuld und Verantwortung. Weil wir eben diese schreckliche Erfahrung in unserer Vergangenheit gemacht haben. Ich höre oft den Ruf „Wir sind ja nicht Schuld“ – richtig, unsere Generation sicherlich nicht. Schuld zu übernehmen, das fällt mir persönlich auch sehr schwer, aber uns der geschichtlichen Verantwortung zu stellen, dazu sind wir aufgerufen.

Wendland-Park: Das ist die Brücke der Vergangenheit in die Zukunft, eine Brücke gegen das Vergessen, aber gleichzeitig auch eine Kultur für die Wachsamkeit nachfolgender Generationen, damit so etwas nicht wieder geschieht. Diese Brücke müssen wir aufrechterhalten.

Nicht mehr alle Menschen nehmen es mit Fakten so genau und finden im Internet alternative Fakten, die ihre Geisteshaltung zu untermauern scheinen. Sehen Sie Parallelen zwischen Corona- und Holocaust-Leugnern?

Oestmann: Es ist eine unwahrscheinliche Vielfalt an Menschen, die jetzt in einen Topf geworfen werden. Zum einen müssen wir diejenigen rausnehmen, die Angst um sich selber und ihre Gesundheit haben oder um die ihrer Kinder, oder die Probleme haben mit den Einschränkungen. Es besteht aber die Gefahr, dass sie missbraucht werden von denjenigen, die sich gegen den Staat als Institution auflehnen, auch aus dem rechten Spektrum, dem Reichsbürgerspektrum. Aber wir müssen diese Menschen ernst nehmen, und wir dürfen sie eben nicht alle über einen Kamm scheren.

Wendland-Park: Das, was damals passiert ist, ist ein unvorstellbares, einzigartiges Ereignis gewesen. Ich finde es problematisch, es mit heutigen Themen zu vergleichen.

Wie reagieren Sie, wenn Sie sehen, wie sich Menschen wie Holocaust-Opfer inszenieren, was sagen Sie zu Plakaten „Ich bin Sophie Scholl“?

Oestmann: Ich finde diesen Vergleich entsetzlich. Da wird verkannt, dass wir in einer ganz anderen Staatsform leben. Wir leben nicht in einem diktatorischen, faschistischen Staat, sondern haben eine Demokratie, einen Rechtsstaat. Regularien, die beklagt werden, auch in Sachen Corona, werden durch unabhängige Gerichte überprüft. Regeln, die zu weit gehen, werden aufgehoben, das haben wir bei der Aufhebung der 2G-Regel im Einzelhandel gemerkt. Es ist unser aller Aufgabe, das Vertrauen in den Rechtsstaat herzustellen. Diese Zeiten sind überhaupt nicht vergleichbar. Sophie Scholl hat gegen einen totalitären Staat gekämpft. Jetzt haben Menschen Probleme mit Regeln, die auf demokratischen Prinzipien beruhen...

Wendland-Park: ...und die dem Schutz der vulnerablen Bevölkerung dienen! Das sind ganz andere Voraussetzungen! Natürlich haben wir im Unternehmen wie überall auch Menschen, die sich schwertun mit dem Impfen und man versucht, die Gründe in ihrer Vielschichtigkeit zu verstehen und ihre Ängste. Dennoch: Wir leben in einer Demokratie, die diesen Weg befürwortet, und als Geschäftsführerin einer großen Einrichtung für Menschen mit Behinderungen muss ich sagen: Die Maßnahmen sind in dieser Zeit wichtig, damit die uns anvertrauten Menschen beschützt werden!

Herr Oestmann, Sie sprachen eben den Schutz der Demokratie und das Vertrauen in unseren Rechtsstaat an. Angesichts von Fernsehbildern von tausenden „Spaziergängern“ ohne Maske und einer Polizei, die nicht eingreift, wird häufig der Vorwurf erhoben, die Polizei positioniere sich nicht deutlich genug – vor dem Hintergrund Ihrer bisherigen beruflichen Laufbahn für Sie nachvollziehbar?

Oestmann: Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass das ein sehr schwieriger Job für die Polizei ist. Zum einen hat sie den Auftrag, sich unparteiisch zu verhalten. Auch ich habe manchmal Aufgaben wahrnehmen müssen, die mir persönlich überhaupt nicht gepasst haben – in Stade musste ich die Gewährung des Demonstrationsrechts für einen Aufzug der NPD sicherstellen, obwohl ich mit den Aussagen der Partei ein Riesenproblem hatte. Und es stellt sich immer, bei jedem Einsatz, die Frage, was setze ich vor Ort durch und um welchen Preis – also die Frage der Verhältnismäßigkeit. Konkret: Greife ich vor Ort ein und riskiere körperliche Auseinandersetzungen oder sorge ich stattdessen dafür, dass Verstöße anschließend verfolgt werden können mit aller Konsequenz? Sehr oft steht die Polizei hierbei im Kreuzfeuer der Kritik, ohne dass näher auf die Problematik vor Ort geschaut wird.

Erstaunlich, dass ein Polizist und eine Pastorin trotz unterschiedlicher beruflicher Hintergründe im Gespräch ähnliche Ansichten zur Gedenkkultur haben…

Oestmann: Eigentlich nicht – wir haben beide Berufe, bei denen wir uns für Menschen einsetzen, das macht den Kern aus.

Wendland-Park: Es ist durchaus verblüffend, aber letztlich nicht überraschend, obwohl wir uns vorher nicht ausgetauscht haben. Insofern war es für uns beide eine gute Erfahrung, dass wir in unseren Perspektiven so übereinstimmen und dasselbe wollen, wenn auch vielleicht mit unterschiedlichen Nuancen. Das macht Demokratie ja auch aus: ganz unterschiedliche Menschen stehen für das gleiche Ziel ein und bewirken etwas gemeinsam.

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