Über das Auslaufmodell Hauptschule

Interview mit Lühr Klee: „Die ideale Schulform ist die IGS“

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Das letzte halbe Jahr als Rektor beginnt für Lühr Klee am Montag.

Rotenburg – Drei Jahre ist er bereits in der „Nachspielzeit“, sagt Lühr Klee, aber nun ist Schluss. Am Montag beginnt für den 68-Jährigen das letzte Schulhalbjahr, und mit ihm verabschiedet sich auch seine Schule aus Rotenburg. Die Theodor-Heuss-Schule (THS) hat nach 54 Jahren ausgedient, die Hauptschule geht mit den letzten 44 Schülern des zehnten Jahrgangs komplett in die Integrierte Gesamtschule (IGS) über. Warum er die Auflösung der Hauptschulen für den richtigen Weg hält und ob er sich auch künftig politisch einmischen will, beantwortet Lühr Klee im ausführlichen Interview mit unserer Redaktion.

Herr Klee, war die Hauptschule eine gute Schule?

Die Theodor-Heuss-Schule war eine gute Schule. Aber die Hauptschule an sich war keine gute Schule.

Warum nicht?

Weil sie zu stark ausgrenzt und die unterschiedlichen Begabungen nicht immer stark genug gefördert werden können. Es ist eine Selektion, die speziellen Fähigkeiten sind nicht in drei Schubladen eingeteilt wie im Schulsystem. Deswegen war ich immer ein Verfechter der IGS, ich hätte mir das auch schon für meine eigenen Kinder gewünscht, die das Gymnasium besucht haben.

Was hat die THS dennoch zu einer guten Schule gemacht?

Wir hatten hier ein hohes Engagement des Kollegiums, damit steht und fällt es. Schule ist einerseits Gebäude, dann das Programm und vor allem Lehrerpersönlichkeit – das ist das entscheidende. Aber die Rahmenbedingungen sind natürlich nicht unwichtig. Je nachdem, was ich für ein Begabungspotenzial vor mir sitzen habe, kann ich auch anders agieren. Bei einer stärkeren Durchmischung – sportliche Typen, musikalische, kommunikative, soziale, naturwissenschaftliche, handwerkliche oder andere – kann ich einen viel lebendigeren und facettenreicheren Unterricht gestalten. Insofern ist eine Hauptschule grundsätzlich eingeschränkt.

Kann man denn Hauptschulrektor werden, wenn man die Schulform nicht für gut befindet?

Ja. Ich wollte wieder mit älteren Schülern und Menschen arbeiten, nachdem ich ja zehn Jahre lang in einer Gesamtschule, als Grundschulrektor, tätig war. In Rotenburg gab es noch keine IGS, aber entscheidend für mich als Pädagoge war die Beziehung zu den Menschen, und das kann ich hier wunderbar leben. Auch wenn die Hauptschule schulpolitisch nicht meine Traumschule ist, ist die THS trotzdem ein Wirkungsfeld, wo ich mich voll und ganz einbringen kann.

Ist es für Rotenburg der richtige Weg, Haupt- und Realschule in der IGS aufgehen zu lassen und keine Oberschule einzurichten?

Absolut. Die IGS ist gegenüber der Oberschule die komplettere Schulform.

Was geben Sie Ihrem letzten Jahrgang mit auf den Weg?

Lebensfreude, Lebensenergie und Optimismus. Das sind die entscheidenden Bausteine, die ich versuche, den Schülern jeden Tag zu vermitteln. Dass sie an sich selbst glauben, dass sie neugierig aufs Leben sind und dass das Leben viele Chancen und Möglichkeiten für sie bereithält. Wir alle haben jetzt das Glück, dass unsere Hauptschüler in eine Zukunft entlassen werden, in der die Unternehmen interessiert sind. Die Hauptschüler, die immer als die abgehängten behandelt wurden, werden jetzt als Potenzial für die Wirtschaft erkannt. Wir bereiten nicht auf Hartz IV, sondern auf ein aktives Leben vor.

Ist das Abitur der bessere Schulabschluss für alle?

Nein, absolut nicht.

Sie haben sich aber zuletzt auch sehr offensiv und öffentlich für die gymnasiale Oberstufe an der IGS eingesetzt. Warum?

Ich hatte gar nicht vor, in der Schulausschuss-Sitzung etwas zu sagen. Aber ich war irritiert darüber, wie schwach sich die IGS und die Abgeordneten der SPD und Grünen positioniert hatten. Das war schlecht. Der Bürgermeister hatte sich mächtig ins Zeug geworfen, aber die ihn tragenden politischen Kräfte nicht. Das konnte so nicht stehen bleiben.

Warum ist die Oberstufe für die IGS so wichtig?

Für die IGS ist sie lebensnotwendig. Nur mit der Oberstufe ist sie eine komplette Schule, weil die Schüler dann in einer Schulform sozialisiert werden. Es wäre ein harter Bruch, wenn sie dies nicht in der Oberstufe fortsetzen könnten. Und was noch wichtiger ist: Eltern müssen eine Schule anwählen können, die ohne Bruch bis zum Abitur führt. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit gegenüber Kindern, die ans Ratsgymnasium gehen. Wenn ich nur eine Sekundarstufen-I-IGS habe, ist es ein echter Wettbewerbsnachteil.

Was ist von den Argumenten der Gegner zu halten, die eine Schwächung der anderen beiden Oberstufen in Rotenburg und damit des gesamten Schulstandorts befürchten?

Dann würde ich sagen, dass die Schulleitungen dort etwas mehr Fantasie haben müssten, um als etwas kleinere Schule trotzdem ein attraktives Angebot zu machen. Ein „Weiter so“ kann es dann eben nicht geben, sondern man muss sich bewegen. Man kann nicht davon ausgehen, dass in einer sich so stark wandelnden Zeit alles immer bleibt, wie es ist. Ich erwarte von den Schulleitungen, dass sie sich auf neue Bedingungen optimal einstellen können.

Sie waren selbst auf einer Waldorfschule, haben ihren Realschulabschluss in Achim gemacht, waren in der Jugendhilfeeinrichtung „Reisende Werkschule Scholen“ tätig, sind Gründungsrektor der Morgenstern Grundschule in Sottrum und zuletzt Hauptschulrektor. Wie finde ich denn meine ideale Schulform?

Die ideale Schulform ist die IGS. Die Waldorfschule ist eine Gesamtschule, die die verschiedenen Schwerpunkte stark lebt. Dort erfährt man, dass alle gleich viel wert sind und nicht die intellektuellen Köpfe die Elite und alle anderen die Zweit- oder Drittklassigen. Das hat mich stark geprägt und beeindruckt. Die IGS muss gut und lebendig gehandhabt werden. Eine Schule am Anfang hat erst einmal Schwierigkeiten, die eigene Identität nach außen hin darzustellen. Man muss der IGS Zeit lassen, dann wird sich zeigen, dass sie eine gelungene Schulform ist.

Und dann gibt es den zweiten politischen Anlauf für die Oberstufe?

Den wird es geben. Ob es so kurzatmig richtig ist, es jetzt hintereinander erneut zu versuchen, weiß ich nicht. Da will ich mich auch politisch nicht zu äußern. Das muss im Rathaus und in Rotenburg insgesamt beantwortet werden.

Sind Sie noch traurig, nach 2006 auch im zweiten Anlauf 2015 nicht zum Samtgemeindebürgermeister in Sottrum gewählt worden zu sein?

Nein, überhaupt nicht. Ich hätte es gerne gemacht und vielleicht auch einiges anders machen können. Aber ich habe hier eine sehr erfüllende Zeit gehabt. Es wäre sicherlich extrem anstrengend gewesen, in Sottrum im Rathaus positiv etwas zu verändern mit den Schwierigkeiten der verschiedenen Ebenen zwischen Samtgemeinde und Mitgliedsgemeinden. Ich habe die Wahl aber schon als persönliche Niederlage empfunden, das konnte ich nicht so schnell abhaken. Das war eine unangenehme Erfahrung, es hat mich irritiert. Heute mit dem zeitlichen Abstand kann ich wieder einfacher drüber sprechen.

Was hätten Sie anders gemacht als Peter Freytag seitdem?

Ich bin ein ganz anderer Typ, und mein Umgang mit den Menschen wäre ein anderer gewesen. Ich delegiere ganz stark und habe großes Vertrauen in die Fähigkeiten meines Teams, dadurch entsteht ein Miteinander.

Sie sind Parteimitglied der Grünen. Warum?

Ich habe die Grünen mitbegründet, wurde sozialisiert in den 1960er- und 70er-Jahren. Schon als Schüler haben wir Petitionen unterschrieben, um Widerstand gegen den Bau von Atomkraftwerken zum Ausdruck zu bringen. Ich war in Brokdorf vor dem Bauzaun. Schon in den 1970ern konnte man sehen, dass die Form des industriellen Wachstums große Probleme mit sich bringt. Auch die Landwirtschaft zeigte Anfänge von Problemen. Das hat mich geprägt – ebenso wie Fragen der sozialen Ungerechtigkeit zwischen Erster und Dritter Welt. Diese Themen begleiten mein Leben. Ich war schon damals der Meinung, dass die etablierten Parteien nicht die richtigen Antworten hatten.

Haben die Grünen diese Antworten heute noch?

Jetzt wieder.

Geht das eigentlich: Lehrer und dabei politisch aktiv sein?

Das geht sehr gut. Wir haben erst im Dezember ein Schreiben unseres Kultusministers erhalten, in dem er darauf hingewiesen hat, dass wir zur Neutralität verpflichtet sind. Aber das heißt nicht, dass wir keine Stellung beziehen dürfen. Wertende Urteile werden von uns erwartet und gewünscht. Allerdings sind wir als Lehrer insofern dem Neutralitätsgebot verpflichtet, dass wir natürlich alle Facetten darstellen müssen. Wir dürfen aber durchaus äußern, wo unsere persönlichen Präferenzen liegen.

Das ist bei Ihnen kein Geheimnis.

Nein. Das ist absolut gedeckt durch unsere Verfassung und durch unseren Dienstauftrag.

Bleiben Sie politisch aktiv, oder bedeutet Ruhestand Ruhe?

Wer glaubt, ich würde jetzt wie verrückt meine Energie in die Kommunalpolitik werfen, der wird sich enttäuscht sehen. Das werde ich nicht tun. Das habe ich schon mehr als 20 Jahre getan, und das werde ich nicht voller Enthusiasmus ausbauen. Aber ich werde ein politischer Kopf bleiben.

Was machen Sie sonst so im Ruhestand?

Ich werde zunächst den Jakobsweg gehen, um die dritte Lebensphase gedanklich durchzuarbeiten. Dann werde ich auch mit meiner Frau viel reisen. Und es liegt mir sehr am Herzen, in Sottrum und Umgebung viele interessante Veranstaltungen zu organisieren.

Zur Person 

Lühr Klee lebt heute noch dort, wo er vor 68 Jahren geboren wurde: in Stuckenborstel. „Ich bin ein echtes Landkind“, sagt er über sich als der, der als drittes von vier Geschwistern auf einem Bauernhof aufgewachsen ist. Klees Schulkarriere führt nach der Grundschule über die Freie-Rudolf-Steiner Schule in Ottersberg zur Mittleren Reife an der Realschule Achim. 

Er lässt sich zum Fernmeldemonteur bei Siemens ausbilden, studiert zwei Semester an der Fachhochschule für Sozialpädagogik und Sozialarbeit in Bremen, absolviert die Begabtenprüfung und erlangt die allgemeine Hochschulreife. An der Uni Bremen studiert er dann Mathematik und Politik auf Lehramt. Schon im Referendariat gründet er mit Gleichgesinnten die Jugendhilfeeinrichtung „Reisende Werkschule Scholen“. Er ist dort für die Finanzen verantwortlich. 

Als Lehrer ist er von 1991 bis 2001 im sozialen Brennpunkt in Bremen-Nord tätig, übernimmt die Stelle als „Gründungsrektor“ der Morgenstern Grundschule in Sottrum und wechselt 2010 an die Rotenburger Theodor-Heuss-Schule. Seit 1996 ist er für die Grünen in Sottrum kommunalpolitisch aktiv, hat sich zweimal zur Wahl des Samtgemeindebürgermeisters gestellt und saß zehn Jahre im Kreistag. Klee ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. 

mk

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