INTERVIEW AM WOCHENENDE Ibrahim Ilham lobt Integration bei der Bundeswehr

„Raus aus der Komfortzone“

Sieht seine Zukunft bei der Bundeswehr: Obergefreiter Ibrahim „Ilham“ Yilihamu.
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Sieht seine Zukunft bei der Bundeswehr: Obergefreiter Ibrahim „Ilham“ Yilihamu.

Rotenburg – Wenn über Fälle von Rassismus und Antisemitismus bei der Bundeswehr berichtet wird, schlägt das meist hohe Wellen. Doch das Bild, das dabei in der Öffentlichkeit entsteht, ist zu einseitig, findet jedenfalls Ibrahim Ilham. Der 22-jährige Obergefreite, der als Kind nach Deutschland kam und einen deutschen Pass besitzt, ist in Urumchi (China) geboren und hat seinen Wehrdienst in der Rotenburger Von-Düring-Kaserne absolviert. Im Interview spricht er über seine Erfahrungen.

Auf Ihrer Uniform steht der Nachname „Ilham“, in Ihrem deutschen Pass „Yilihamu“ – wie spreche ich Sie korrekt an?

Ich bevorzuge „Ilham“, weil es der ursprüngliche Name meiner Familie ist. In China gibt es ein Assimilationsprogramm – als uigurische Ethnie waren wir dazu gezwungen, einen chinesischen Namen zu tragen. Die Bundeswehr hat mir ermöglicht, selbst zu entscheiden, wie ich genannt werden möchte. Das hat mich sehr gefreut.

Wieso haben Sie mit Ihrer Familie China verlassen?

Die Meinungsfreiheit ist dort stark eingeschränkt und die politische Führung hatte damit begonnen, immer mehr Repressalien gegen die Volksgruppe der Uiguren durchzusetzen. Meine Eltern wollten mir eine bessere Bildung und Erziehung in einem freiheitlich demokratischen Land ermöglichen. Sie waren sehr streng und diszipliniert in der Erziehung. Bildung, Verantwortungsbewusstsein und Fleiß sind ihnen sehr wichtig.

Wie lief die Integration?

Nach unserer Ankunft in Deutschland haben meine Eltern Asyl beantragt und sofort einen Sprachkurs besucht. Schon nach sechs Monaten hat mein Vater eine Ausbildung zum Fliesenleger begonnen und diese erfolgreich abgeschlossen. Er war in China ein erfolgreicher Geschäftsmann, und weil er sich in dieser Branche bestens auskennt, hat er sich 2003 in der Textilbranche selbstständig gemacht.

Haben Sie in Ihrem Leben Erfahrungen mit Rassismus gemacht?

Meine Familie kam nach Deutschland, als ich gerade ein Jahr alt war. In der Grundschule habe ich mich zum Teil ausgegrenzt gefühlt. Einige Lehrer haben mir klargemacht, dass sie nicht an mich glauben. In der Realschule war es besonders schlimm.

Wieso haben Sie sich für eine Karriere bei der Bundeswehr entschieden?

Deutschland hat meine Familie und mich in einer schweren Zeit aufgenommen. Ich sehe es als meine Aufgabe, Deutschland zu verteidigen – genauso wie Deutschland uns vor der Kommunistischen Partei Chinas geschützt hat. Neben meinem Geografie-Studium an der Ruhr-Universität in Bochum, an der ich derzeit das dritte Semester besuche, arbeite ich für das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge als Dolmetscher für die Sprachen Deutsch, Türkisch und Uigurisch. Es ist mir wichtig, mich einzubringen.

Zurzeit haben Sie Semesterferien und sind für Wehrübungen zurück in Rotenburg. Sehen Sie Ihre Zukunft bei der Bundeswehr?

Auf jeden Fall. Nach meinem Bachelor ist es mein Ziel, den Master zu machen, um dann im Geoinformationsdienst der Bundeswehr zu arbeiten. Meine Aufgabe dort wird es sein, Karten zu erstellen, das Wetter zu analysieren und in Krisenregionen mögliche Rettungs- und Versorgungswege zu erarbeiten. Ich übernehme einen Teil des Krisenmanagements vor Ort und werde also auch an Auslandseinsätzen teilnehmen.

Wie haben Ihnen Ihre Vorgesetzten dabei geholfen, sich zu integrieren?

Mein Zugführer stellte am ersten Tag klar, dass er von jedem zu Beginn ein positives Bild hat – ganz gleich, woher er kommt. Es liege an jedem Einzelnen, ob er sein Ansehen weiter verbessert oder verschlechtert. Er hat uns ein diszipliniertes Verhalten und ein respektvolles Miteinander abverlangt – daran habe ich mich jederzeit gehalten. Das hat mir sehr geholfen. Genauso erging es in meinem Zug allen Soldaten mit Migrationshintergrund, auch wenn einige von ihnen mehr Probleme mit der Sprache hatten. Niemand hat gelacht, wenn sie sich versprochen haben.

Welche Rolle spielt Religion für Sie?

Wir stammen aus keiner besonders religiösen Familie – meine Mutter trägt kein Kopftuch. Jedoch leben wir traditionell uigurisch und legen Zuhause großen Wert auf Sprache und Kultur. Da die meisten Uiguren Muslime sind, also dem Islam angehören, spielen Rituale wie das fünfmalige Gebet und das Fasten im Ramadan eine bedeutende Rolle. Es ist mir wichtig, im Dienst zu beten.

Wie haben Ihre Vorgesetzten darauf reagiert?

Als ich meinen Gruppenführer auf dieses Thema angesprochen habe, war ich auf alles vorbereitet. Ich hatte eine negative Reaktion erwartet, schlimmstenfalls sogar eine Diskussion. Ich hatte Sorge, ob er mich womöglich danach nicht mehr so freundlich behandeln würde. Zu meiner Überraschung stellte er mir einen kleinen Lagerraum zur Verfügung, indem ich beten konnte. Sogar als sich zu einer Übung ein General angemeldet hat, durfte ich meine Gebetszeit einhalten. Das fand ich sehr positiv. Diese Fürsorge und Toleranz während meiner Ausbildung stärkte die Kameradschaft.

Ibrahim Ilham während einer Übung.

Geht die Bundeswehr auch bei der Ernährung auf Ihre Bedürfnisse ein?

Ja, auch auf dem Feld stellt mir die Bundeswehr sogenannte Einmannpackungen mit moslem-geeignetem Essen bereit, das Halal-zertifiziert ist.

Warum klappt die Integration nicht immer so gut?

Es kommt auf beide Seiten an. Einigen Menschen mit Migrationshintergrund, die in Deutschland leben, fällt es schwer, ihre Komfortzone zu verlassen. Es ist zum Beispiel sehr wichtig, Deutsch zu lernen, um Rassismus und Vorteile zu bekämpfen. Das haben leider nicht alle verstanden. Ich möchte diesen Menschen Mut machen, sich selbst ein Bild von der Bundeswehr zu machen.

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