Intensität nimmt zu

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen - und die Demo fällt aus

Angela Hesse (l.) und Kerstin Blome wollen zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen auf die Situation der Opfer aufmerksam machen.
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Angela Hesse (l.) und Kerstin Blome wollen zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen auf die Situation der Opfer aufmerksam machen.

Donnerstag ist der Internationale Tag gegen Gewalt an Frauen: ein Grund für Kerstin Blome und Angela Hesse auf hohe Fallzahlen hinzuweisen. Allerdings nicht in Form einer Protestaktion, denn die haben die Organisatorinnen mit Blick auf die Corona-Demonstration am selben Tag abgesagt.

Rotenburg –  Ursprünglich hatten Angela Hesse, Geschäftsführerin des Diakonischen Werkes, und Kerstin Blome, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Rotenburg, unter dem Motto „Gewalt gegen Frauen geht uns alle an“ für Samstag, 27. November, zu einer Demonstration aufgerufen. Mittwoch allerdings entschlossen sich Blome, Hesse sowie Katja Weße, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises, zur Absage. Der Grund: eine Demonstration gegen die Corona-Politik des Bundes, die zwei Stunden nach dem geplanten Ende der vorherigen Protestaktion starten soll. „Durch die mediale Aufmerksamkeit ist es wahrscheinlich, dass die zweite Demonstration größere Ausmaße annehmen wird, als gedacht. Und wir fürchten, dass unser Anliegen dann untergeht“, begründet Blome die Absage.

Dabei machen die aktuellen Zahlen des Bundeskriminalamtes (BKA) die Notwendigkeit der Aktion mehr als deutlich: Die Gewalt gegen Frauen in Partnerschaften nimmt zu. Eine Entwicklung, die Hesse und Blome beschäftigt. Sie wollen darauf aufmerksam machen, denn heute, am 25. November, ist der Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen. Ihr Ziel sind ein Ausbau der Beratungsstellen, Fortbildungen für Behörden, Justiz und Polizei, Aussetzung des Umgangsrechts für den gewalttätigen Elternteil sowie mehr Förderung der Präventionsarbeit an Schulen.

Desolate Situation

„Wir haben in den Beratungsstellen anhand der uns gemeldeten Fälle festgestellt, das vor allem jetzt in Corona-Zeiten die Situation in vielen Familien desolat ist“, sagt Hesse. „Und natürlich gibt es auch eine Dunkelziffer, die um ein Vielfaches höher sein dürfte.“ In den Familien, in denen es zuvor bereits schwierig war, nehme die Gewalt weiter zu, so Hesse. Ein Aspekt sei dabei auch die Intensität der Gewalt: „Sie wird massiver“, erklärt Blome. „Es gibt eine jährliche Auswertung des Bundeskriminalamtes mit Blick auf das Thema Partnergewalt – und die zeigt, dass jeden dritten Tag eine Frau durch ihren Partner oder Ex-Partner stirbt.“

Ein Knackpunkt ist, dass die Frauen sich trotz der Gewalt nicht aus der Beziehung lösen. „Die Wohnungsnot spielt dabei eine große Rolle“, erläutert Hesse. Vielleicht gehen sie ins Frauenhaus, aber auch da hätten viele Angst vor einer Stigmatisierung, besonders aus bestimmten ethnischen Gruppen. „Und wiederum anderen ist die Institution Frauenhaus überhaupt nicht bekannt, ebenso wenig die BISS – die Beratungs- und Interventionsstelle bei häuslicher Gewalt.“ Oft bleiben sie am Ende in ihrer Beziehung. „Manche sind schon mit Gewalt aufgewachsen und kennen es nicht anders, manche haben keinen gesicherten Aufenthaltsstatus – und manche Beziehungen sind so sehr ineinander verschachtelt, dass ein Lösen schwer fällt“, sagt Blome.

Thema Umgangsrecht

Nicht selten sind zudem Kinder mit ihm Spiel. „Da haben wir es immer wieder mit dem Thema Umgangsrecht zu tun, vor allem, wenn die Kinder die Gewalt mit ansehen“, erklärt Hesse. Bei ihren Beratungen setzen Institutionen wie das Diakonische Werk auf das Gespräch mit dem Paar. „In den meisten Fällen geht es uns darum, die Mutter zu stärken, unter Umständen sie auch auf dem Weg zu einer eigenen Wohnung zu begleiten.“ Sie wissen allerdings auch: „Das ist manchmal ein schmaler Grat, denn natürlich gibt es auch die Fälle, wo es am Ende mit der Hilfe für die Kinder zu spät war“, sagt Blome.

Sie rufen Außenstehende dazu auf, hinzuhören und sich im Notfall einzuschalten. „Wer beispielsweise als Nachbar den Eindruck hat, sollte die Polizei rufen, und das lieber einmal zu viel als einmal zu wenig. Wer Angst hat, kann sich andere Nachbarn mit ins Boot holen, oder sich an Beratungsstellen und das Präventionsteam der Polizei wenden“, rät Blome. „Kennt man sich, dann hilft es, das Gespräch mit der Betroffenen zu suchen, ohne Vorwürfe, ohne Druck.“

Natürlich – und das machen beide Frauen deutlich – trifft häusliche Gewalt auch Männer. „Diese Fälle machen allerdings gerade einmal 20 Prozent aus, und auch diese Zahl muss genauer betrachtet werden“, erläutert Hesse. „Denn da sind nicht immer die Partnerinnen nur die Täterinnen, es gibt auch gegenseitige Gewalt, Notwehr – oder es handelt sich um männliche Täter aus der Familie, denn zu etwa einem Drittel sind es Brüder, Väter oder Söhne.“

Männer denken, dass sich die Beratungsstellen ausschließlich an Frauen richten. Das stimmt so nicht.

Angela Hesse

Ist die Partnerin die Täterin, haben viele Opfer Schwierigkeiten, sich Hilfe zu suchen, so Blome. „Zum einen ist da die Hemmschwelle, zum anderen gibt es tatsächlich weniger Beratungsangebote für Männer, da haben wir einen großen Nachholbedarf.“ Das sieht auch Hesse so: „Männer denken, dass sich die Beratungsstellen ausschließlich an Frauen richten. Das stimmt so nicht.“

Neben der häuslichen Gewalt wollten Hesse und Blome mit der Demo auch auf andere Formen, wie Zwangsprostitution, Zwangsverheiratung, Verstümmelung, Stalking, sexuelle Übergriffe und die Einflüsse aus sozialen Medien hinweisen. „Gerade da merken wir, wie wichtig die Aufklärung über den eigenen Körper ist. Das den Mädchen und Frauen klar ist: Mein Körper ist gut so, wie er ist“, sagt Hesse. „Wir nehmen in Beratungen wahr, wie viel Einfluss Plattformen wie Instagram und Tiktok haben und wie viel Druck sie aufbauen.“

Hilfetelefon

Wer von Gewalt betroffen ist, oder wer Zeuge von Gewalt wird, findet beim Hilfetelefon eine erste Anlaufstelle – erreichbar unter 08000/ 116016 oder unter www.hilfetelefon.de. Die Beratung ist auch in 17 Fremdsprachen möglich.

Auch, wenn ein Alternativtermin für die abgesagte Demonstration aktuell nicht in Sicht ist: Angela Hesse und Kerstin Blome hoffen dennoch, weiter für das Thema zu sensibilisieren. „Durch die Flagge am Rathaus wollen wir das zeigen“, so Blome. Und Hesse ergänzt: „Wichtig ist: Raus aus der Tabuzone.“

Für den Samstag war es ein enger Zeitplan: Für 10 bis 12 Uhr hatten Kerstin Blome, Katja Weße und Angela Hesse die Demonstration zum Tag gegen Gewalt an Frauen mit Start am Rotenburger Heimathaus geplant, um 14 Uhr soll die Corona-Demonstration starten. „Dass beides am selben Tag ist, ist sehr unglücklich“, sagt Blome. „Natürlich könnten wir unsere Demonstration durchführen, die Absage ist unsere eigene Entscheidung.“ Doch ihre Befürchtung wiegt aus ihrer Sicht schwerer: „Die Verschärfung mit der 3G-Regel wird vermutlich noch mehr Menschen auf die Straße ziehen, viele, eventuell auch gewaltbereite Demonstranten werden schon früher hier in Rotenburg eintreffen – vor allem, weil das Thema durch die mediale Aufmerksamkeit noch mal so viel an Fahrt aufgenommen hat. Viele potenzielle Besucher unserer Demonstration könnten sich dadurch abgeschreckt fühlen und wollen da nicht mit reingezogen werden.“ Für sie ist die Absage daher eine Vernunftentscheidung. „Aber natürlich sind wir schon sehr gefrustet darüber.“

Kommentar: Der Sieg des Egoismus

Von Nina Baucke

Irgendwann taucht er auf nahezu jeder Querdenker-, Corona-Leugner- oder Anti-Maßnahmen-Demonstration auf: der Ruf nach Freiheit und der Vorwurf, man lebe in einer Corona-Diktatur. Um das mal ganz klar zu sagen: Nein, tun wir nicht! Allein die Tatsache, dass diese Menschen mit ihren kruden Botschaften unbehelligt durch die Straßen ziehen können, flankiert von der Polizei, ist ein klares Indiz dafür, dass wir nicht in einer Diktatur leben. Diese wilde These von der Unfreiheit wird jetzt in Rotenburg konterkariert: Die für Samstag geplante Demonstration zum Tag gegen Gewalt an Frauen ist abgesagt – aufgrund einer Corona-Demonstration am selben Tag. Obwohl sie als erste ihre Aktion beim Landkreis angemeldet hatten, werfen die Organisatorinnen jetzt das Handtuch. Natürlich ist es ihre Entscheidung, theoretisch wäre eine Durchführung machbar. Dass die Organisatorinnen sich dazu genötigt sahen, ist so nachvollziehbar wie auch dramatisch: die Befürchtung, für ihr Anliegen nicht ausreichend Aufmerksamkeit zu bekommen. Obwohl die – belegt durch schlimme BKA-Zahlen – absolut notwendig ist. Stattdessen richtet sich der Fokus wie in diesen Tagen so oft auf Corona, in diesem Fall auf die Unverbesserlichen, denen der Kampf gegen die Pandemie ziemlich egal ist – und für die am Ende nur der Egoismus zählt.

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