Interesse an Hausgeburten steigt

Ein bisschen spielen beim Pressetermin: Die Hebammen Antje Jäger (l.) und Wiebke Henning (r.) bespaßen die kleine Nala, während Anna Pohl erzählt.
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Ein bisschen spielen beim Pressetermin: Die Hebammen Antje Jäger (l.) und Wiebke Henning (r.) bespaßen die kleine Nala, während Anna Pohl erzählt.

Während manche Berufe zum Stillstand verdonnert sind, haben andere mehr zu tun als sonst: So geht es den Hebammen in Rotenburg, sagt Antje Jäger. Viele Frauen entscheiden sich aktuell für Hausgeburten, auch spontan. Indes fehlt der Nachwuchs aber bei den Hebammen, und das bereitet ihr Sorgen.

Rotenburg – Eigentlich wollte Anna Pohl aus Kirchwalsede ihr erstes Kind im Rotenburger Diakonieklinikum zur Welt bringen, dann hat sich die junge Mutter kurzfristig für eine Hausgeburt entschieden. Lletztlich ist sie sicher, die richtige Entscheidung für sich getroffen zu haben. „In der Klinik war nicht klar, ob mein Freund Phil dabei sein dürfte“, erzählt sie.

Dass das Interesse an Hausgeburten steigt, bemerkten die Rotenburger Hebammen um Antje Jäger schon vor der Pandemie. „Jetzt aber noch mehr“, weiß Jäger. Es gibt aber einen Kriterienkatalog. Nicht jeder könne sich für eine Hausgeburt entscheiden, weil er keine Maske tragen möchte oder Angst hat, sich im Krankenhaus zu infizieren. „Aus diesen Gründen sollte diese Entscheidung nicht getroffen werden“, sagt Wiebke Henning, die Pohl vor, während und auch nach der Geburt betreut.

Das war auch nicht der Grund für die Mutter. Für sie sei es unvorstellbar gewesen, allein zu sein – eine Möglichkeit, die sie im vergangenen April hätte in Betracht ziehen müssen. „Das ist ein Stressfaktor für Frauen.“ Viele hätten ohnehin Ängste und Sorgen, gerade als Erstgebärende. Ein Krankenhaus ist dann ein ungewohntes Umfeld, nicht immer kann jemand bei ihnen bleiben, Personalmangel macht sich bemerkbar. Eine feste Begleitperson sei da umso wichtiger. „Mit der ersten richtigen Wehe kam auch Angst – aber ich wusste, wer kommt und Phil hat mir Sicherheit gegeben.“

Wer sich für eine Hausgeburt entscheidet, sollte sich damit auseinandergesetzt haben. Vorab-Gespräche, Hebammenbetreuung davor. „Es braucht eine Vertrauensbasis“, meint Henning. „Wir müssen wissen, dass sie diesen Weg gehen wollen.“ Und die Hebammen müssen das Umfeld kennen – gibt es Geschwister? Tiere? Kümmert sich dann jemand um sie?

Pohl gibt zu, dass sie über eine Hausgeburt nachgedacht hat, das aber anfangs verworfen hatte. Dann kam Corona. „Mein Freund konnte sich eine Hausgeburt nach unserem Gespräch mit Wiebke dann vorstellen“, erinnert sie sich. Der Partner muss das ebenfalls wollen, sagen die Hebammen. Oft seien Männer bei einer Hausgeburt skeptischer. „Es ist noch nichts gesellschaftlich Normales“, sagt Jäger. Obwohl es das bis vor einigen Jahrzehnten war. „Bei einer Geburt können sie nichts tun, das ist für sie richtig hart“, ergänzt Henning. Daher falle ihnen das Abgeben in die Hände von Ärzten oft leichter – dabei tragen Hebammen ebenso große Verantwortung.

Pohl würde es jedem weiterempfehlen. „Entspannter hätte man es nie haben können und Phil war glücklich, beide konnten direkt kuscheln.“ Männer seien bei einer Hausgeburt ganz anders eingebunden als im Krankenhaus, sagt Jäger. Wie es in den kommenden Monaten weitergeht, weiß sie aber nicht. Bisher ist unklar, ob eine Hebammenschülerin für ihre Praxiszeit kommen darf. Im vergangenen Jahr war das durch Corona nicht möglich. „Da ist ein großes Problem, dass die Hebammen alle kein Externat hatten“, kritisiert Jäger. „Alles, was praktisch arbeitet, muss auch praktisch arbeiten können.“

Noch herrschen durch die Umstellung auf Studium Probleme – die rechtzeitige Umrüstung ist verschlafen worden, es gibt zu wenig Studienplätze. Jäger und ihre Kollegin erhoffen sich aber davon eine verbesserte Situation für ihren Berufsstand. „Der Beruf ist so vielschichtig geworden, es wird mehr Forschungsarbeit betrieben.“ Wenn sich das finanziell niederschlagen würde, würde es eventuell mehr Entbindungspfleger geben – bislang gibt es nur zwei Männer in ganz Deutschland.

Ihr erstes Kind haben auch Ekaterini Paraskevaidou und ihr Verlobter Jan-Hendrik Dieckheuer im November bekommen. Sie haben sich bewusst gegen eine Hausgeburt entschieden. Ihr Sohn Linus Hendrik ist im Diakonieklinikum zur Welt gekommen, obwohl das Paar in Hannover lebt. Da Dieckheuer aus Rotenburg stammt und seine Eltern hier wohnen, fiel die Entscheidung für die Wümmestadt. Auch, weil er zum damaligen Zeitpunkt bei der Geburt dabei sein konnte – wenngleich die Unsicherheit, was machbar ist, mitspielte. In Hannover sei das gar nicht möglich gewesen. „Das war mir unglaublich wichtig“, erzählt er. Denn Männer verpassen vieles aktuell: So durfte Dieckheuer seine Frau nur einmal zu einer Untersuchung begleiten. „Als Mann ist man ohnehin weiter weg, aber bei der Geburt entsteht eine Bindung. Ich konnte mein Kind kurz nach der Geburt in den Armen halten, das würde ich nicht missen wollen“, erinnert er sich.

Beide kritisieren, dass die von der WHO herausgegebene Empfehlung einer Begleitperson von jedem Krankenhaus anders umgesetzt werde – das schüre Ängste und Unsicherheit. Demnach sollte die Begleitperson nicht ausgeschlossen werden. Und im Zweifel gibt es Schnelltests. „Wenn ich gewusst hätte, dass er nicht mit darf, hätte das meine Ängste nur mehr geschürt“, sagt die Mutter.

Für sie war das Krankenhaus die erste Wahl, weil sie sich dort sicherer fühlte – „es kann ja auch mal was mit dem Kind sein und eine Geburt verläuft schneller, wenn eine Frau sich wohlfühlt.“ Diese Ansicht teilen auch die Hebammen – wenngleich sie den Wohlfühlfaktor mehr im eigenen Zuhause sehen. Letztlich sei aber egal, wo eine Frau entbindet, wenn sie sich dabei einfach wohlfühlt.

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