„Banda Ugarit“ auf dem Weg zu einer Rotenburger „Banda Internationale“

Integrative Komponenten

Bei den Konzerten und den regelmäßigen Proben immer gut drauf: Die Musiker der Band Ugarit, hier mit Bandleader und Coach Konstantin Filey-Cordes (r.) und Dolmetscher und „Mädchen für alles“ Ali Ghadbouni (2.v.r.). - Foto: Goldstein

Rotenburg - Was die Musiker und Sänger der „Banda Ugarit“ bei ihren Konzerten vom Stapel lassen, ist für Rotenburger und westeuropäische Ohren zunächst einmal ungewohnt. Die sieben Künstler aus dem Campus Unterstedt stammen aus Syrien, ein Sänger aus dem Irak, und was sie im Repertoire im Köcher haben, ist alte syrische und arabische Folklore. Doch spätestens nach dem zweiten oder dritten Stück ist das deutsche Publikum schlicht begeistert, wippt und tanzt zu den exotischen Rhythmen mit.

Meist einmal die Woche treffen sich die Künstler in der Sporthalle im Campus oder in einem der anderen Räume des Areals, die gerade frei sind, zu den Proben. Da gilt es, einzelne Stücke zu verfeinern und Neues ins Repertoire aufzunehmen. Als Coach und Kapellmeister immer mit dabei: Konstantin Filey-Cordes, Diplom-Musiker aus Weißrussland, mit seiner deutschen Frau und seinem Sohn (6) seit einigen Jahren in Lauenbrück zu Hause, und von Berufs wegen Hausmeister im Campus. Unterstützt wird die Band von Ali Ghadbouni, einem gebürtigen Libanesen, der seit gut 30 Jahren schon in Rotenburg eine neue Heimat gefunden hat. Er dolmetscht, wenn es mal etwas zu übersetzen gibt, und übernimmt dann und wann Fahrdienste.

Die Künstler stammen aus Syrien, meist aus Damaskus, und mussten vor ein, zwei Jahren aus dem kriegsgeschüttelten Land fliehen, um ihr Leben zu retten. Das führte alle schließlich im Campus Unterstedt zusammen, und sie wurden dort von Filey-Cordes als Musiker „entdeckt“. Die Künstler haben auch Namen: Ayman Alorfli (28), Gesang, sein Bruder Adnan Alorfli (23), Gesang, Khaled Lajen (38), Darbuka (Trommel), Mohamd Daaboul (20), Darbuka, Ibrahim Hosan (16), Tanz, Alsuliman Alnasser Hossam (30), Keyboard, hinzukommt aus dem Irak: Almeshrbawi Fadhil (20), Gesang, aus dem Irak.

In mehreren Auftritten in der Region hat Ugarit viele neue Freunde und Fans gewonnen, zuletzt beim Sommerfest der „FAST“, das ist der Freundeskreises Asyl der Samtgemeinde Tarmstedt. Ugarit heizte auch da mächtig ein und animierte Flüchtlinge, darunter einige Syrer und viele Migranten aus Afrika, sowie Pateneltern zum Tanz nach den orientalischen Klangbildern.

Im Moment übt Ugarit fleißig für den großen Auftritt beim Open-Air-Konzert am Samstag, 26. August, ab 18 Uhr auf dem Pferdemarkt in Rotenburg. Hauptact ist da die „Banda Internationale“ aus Dresden, die wie Ugarit international und mit etlichen Flüchtlingen besetzt ist – ein zweifelsfrei integratives Musikprojekt, das auch bei Ugarit Blüten und Früchte reifen lassen könnte. Will heißen, wie Insider vor Ort konstatieren, Ugarit könnte im Laufe der Zeit größer werden, personell wachsen, wenn weitere Künstler zur Gruppe stoßen und ins Musikkonzept passen.

Zurzeit ist Ugarit übrigens auf der Suche nach einem Förderer, der den Männern eine Musikanlage zur Verfügung stellen möchte mit Verstärker, Lautsprecherboxen und Mikros. Ansonsten investieren die Künstler viel Zeit für erwünschte und mögliche Integration. Sie nehmen engagiert an Deutschkursen teil und suchen nach Möglichkeiten, Berufswege einzuschlagen. Hossam zum Beispiel war Chef eines großen Friseursalons in Damaskus und hat mit dem Krieg alles verloren. Teile seiner Familie harren immer noch in Syrien aus, eine Familienzusammenführung ist beantragt, aber bis zum erfolgeichen Abschluss dieses humanitären Anliegens ist noch ein weiter Weg, behördliche und rechtliche Hürden müssen da noch genommen werden. Ausgang ungewiss. Die anderen Ugarit-Künstler waren beruflich gut situiert in ihrem Heimatland als Mechaniker, Techniker, Ingenieure oder als Student. In ihrem jeweiligen Metier in Deutschland Fuß zu fassen, ist jedermanns Traum und Ziel in der Band. Auch die Musik kann den Mitgliedern in der Band integratives Medium sein. Im Moment natürlich sprichwörtlich nur freiberuflich. Aber alle in Ugarit sagen, dass die Musik und die Bewahrung musikalischer Traditionen helfen, das Trauma Flucht in all seinen zum Teil dramatischen Facetten zu ertragen und letztlich zu überleben.

Von Manfred Klein

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