Eckhard Lang verabschiedet sich aus der Migrationsberatung

Integration statt Abgrenzung

Angela Hesse (l.) und Eckhard Lang sitzen an einem Beratungstisch.
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Unzählige Gespräche hat Eckhard Lang an diesem Tisch geführt.

Mehr als drei Jahrzehnte hat Eckhard Lang Menschen bei ihrem Neuanfang in Rotenburg beraten und unterstützt. Jetzt geht er in den Ruhestand, wirft aber vorher nochmal einen Blick zurück auf seine Arbeit.

Rotenburg – 33 Jahre hat Eckhard Lang in der Migrationsberatung des Diakonischen Werks in Rotenburg verbracht. „Meine erste und letzte Stelle“, sagt der gebürtige Hesse, während er an dem Tisch im Gebäude am Kirchhof sitzt, an dem er unzählige Beratungsgespräche geführt hat. Hinter ihm steht eine Trennscheibe, die derzeit bei Präsenzgesprächen zwischen ihm und den Migranten auf den Tisch kommt. Nach und nach verabschiedet sich Lang bereits von allen, denn in wenigen Tagen geht der 62-Jährige in den Ruhestand.

Verdient, sagt Leiterin Angela Hesse, doch sagt sie das mit viel Wehmut in der Stimme. Denn Lang hat die Stelle fast mit aufgebaut. Als er nach dem Studium nach Rotenburg kam, gab es den Posten erst ein Jahr. Das ist etwas Besonderes, so Hesse. Und dazu gehört eine große Portion Netzwerkarbeit – umso schwieriger sei es, dass eine weitere Stelle in der Migrationsberatung nur befristet ist. Zuletzt stand auf der Kippe, ob das Land überhaupt weiter Mittel zur Verfügung stellt. Aktuell scheint das vom Tisch zu sein. Langs Kollegin Johanna Zimmer übernimmt als seine Nachfolgerin und ihre Stelle, die durch die Migrationsrichtlinie finanziert wird, hat Hesse wieder ausgeschrieben.

Als Lang anfing, nannte sich die Beratungsstelle noch „Flüchtlings- und Ausländerberatung“. Und so sperrig wie der Name war die Arbeit, erinnert sich Lang. Denn erst seit gut zehn Jahren zielt diese auch von der Politik viel stärker gefördert mehr auf Integration denn auf Abgrenzung. So werden Sprachkurse gefördert, das habe es früher nicht gegeben. Viele Migranten, die beispielsweise in den 1980er-Jahren nach Deutschland kamen, beherrschten selbst heute die Sprache noch nicht flüssig – weil es keine Voraussetzung für die Einbürgerung war. Mittlerweile hat sich die Lage gewandelt. So steht in der Beratung vordergründig immer das Ziel der Aufenthaltssicherung. Heute sei Integration auch über Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten viel leichter herzustellen – und Arbeit ist wichtig, um nicht den Anschluss zu verlieren.

Hesse bezeichnet Lang als „wandelndes Lexikon“, der auf viele Fragen sofort eine Antwort weiß. Vieles hat er sich selbst angeeignet. Vor allem in das Thema Recht habe er sich reinfuchsen müssen – und immer am Ball bleiben. Das war nicht Teil seines Studiums, so der Magisterpädagoge. Regelmäßige Fortbildungen sind ohnehin Pflicht, im Ausländer- oder Asylrecht gibt es immer wieder Anpassungen und Änderungen. „Es ist viel, das man bedenken muss“, so Lang, der unter anderem dabei hilft, dass die richtigen Unterlagen vorliegen. „Ich habe immer Interesse daran gehabt, den Menschen zu helfen.“ Seine Menschenkenntnis habe ihm weitergeholfen, „man entwickelt ein Gespür“. Außerdem lerne man viel über andere Kulturen, erlebt Freundlichkeit und Dankbarkeit. „Auch viel Frust, damit muss man umgehen können. Viele sind verzweifelt, hilflos – oft kann ich mit einem Anruf erstmal helfen, das macht Freude.“

Dass die Menschen sich helfen lassen, ist eine Grundvoraussetzung für die Arbeit. Manche haben andere Vorstellungen, sind enttäuscht oder gar frustriert von der Realität in ihrer neuen Heimat. Lebensgeschichten kennt Lang viele. „Es ist wichtig, dass sie inneren Frieden finden, wer permanent unzufrieden ist, scheitert oft“, weiß Lang. Er sucht mit den Menschen und den Behörden gemeinsame Wege. Denn auch die Netzwerkarbeit mit Letzteren ist wesentlicher Teil seines Jobs – und da macht sich bemerkbar, dass Lang seit so vielen Jahren dabei ist. Aber es klappt nicht immer: „Manchmal kann man einfach nicht helfen.“

Zu den größten Herausforderungen zählt Lang zum einen die Grundgesetzänderung 1993, als der Part, dass politisch Verfolgte Asylrecht genießen, gestrichen wurde. Er erinnert sich auch an zwei Roma-Frauen, die von Abschiebung gefährdet waren und damals von der Kirchengemeinde in Obhut genommen wurden. Am Ende konnten sie bleiben. Viel ehrenamtliche Unterstützung hatte es in ihrem Fall gegeben. Auch die Flüchtlingswelle 2015 erforderte diesen Zusammenhalt – ohne die Hilfe Freiwilliger geht es nicht, sagt Lang. Deswegen sei der „Arbeitskreis Asyl“ eine große Erleichterung, dessen Mitglieder dort anpacken, wo Hilfe benötigt wird. Auch in Zukunft, denn Lang sieht große Herausforderungen: aktuell die Flüchtlinge aus Afghanistan, in Zukunft sicher auch Klimaflüchtlinge. „Ich hoffe, dass unsere Gesellschaft offen ist, sich vielleicht noch mehr öffnet für Flüchtlinge und ihre Belange. Aber umgekehrt genauso. Sie wissen, dass es hier andere Regeln und Gesetze gibt. Die meisten versuchen auch, sich danach zu richten.“

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